Beispiel 1:
nādī (Energiekanal): nā┆dī
1. Silbe nā: guru, weil ā ein langer Vokal ist (Regel 1)
2. Silbe dī: guru, weil ī ein langer Vokal ist
Beispiel 2:
viveka (Unterscheidungskraft): vi┆ve┆ka
1. Silbe vi: laghu, weil i ein kurzer Vokal ist und danach nur ein Konsonant folgt (v)
2. Silbe ve: guru, weil e ein Diphthong ist, welche immer lang sind
3. Silbe ka: laghu, weil a ein kurzer Vokal ist, es folgt kein Konsonant (Zeilenende)
Beispiel 3:
ahiṃsa (Gewaltlosigkeit): a┆hiṃ┆sa
1. Silbe a: laghu, weil a ein kurzer Vokal ist und danach nur ein Konsonant folgt (h)
2. Silbe hiṃ: guru, weil ṃ ein Anusvāra folgt (Regel 2)
3. Silbe sa: laghu, weil a ein kurzer Vokal ist, ein Konsonant folgt da Zeilenende
Beispiel 4:
kaivalya (Befreiung): kai┆va┆lya
1. Silbe kai: guru, weil ai Diphthong ist, welche immer lang sind
2. Silbe va: guru, weil danach ein Doppelkonsonant (ly) folgt (Regel 3)
3. Silbe lya laghu, weil a ein kurzer Vokal ist, ein Konsonant folgt da Zeilenende
Bei der 2. Silbe scheint es zunächst paradox, dass ein kurzer Vokal wie in va eine betonte (lange) Silbe ist. Wichtig ist, bei einer vermeintlich kurzen Silbe noch auf den Anfang der kommenden Silbe (lya) zu schauen. Ist dort ein Konsonantencluster (ly), wird die (vorherige) Silbe betont (guru), also lang. Mit ein wenig Übung wirst Du Dich schon bald an diese Regel erinnern.
Warum wird eine Silbe mit einem kurzen Vokal betont (lang) gesprochen, wenn danach eine Konsonantencluster folgt? Weil man Zeit benötigt, um die aufeinanderfolgenden Konsonanten zu artikulieren. Der Vokal wird weiterhin kurz gesprochen, bekommt dann aber eine kurze Pause, um die Konsonanten zu formen. Dadurch wird die gesamte Silbe lang, obwohl der Vokal kurz ist.
Ein kurzer Vokal bleibt kurz, auch wenn er in einer langen Silbe steht. Das soll anhand dieser zwei Wörter noch einmal verdeutlicht werden:
śastra (Waffe), śa┆stra
śāstra (vedische Schrift), śā┆stra
Die erste Silbe ist in beiden Wörtern betont (guru, lang), obwohl einmal ein kurzer Vokal ("a) und einmal ein langer Vokal ("ā) vorkommt.
Die beiden Vokale haben unterschiedliche Klangfarbe und werden anders ausgesprochen. śastra enthält ein kurzes, geschlossenes a, śāstra ein langes, offenes ā.
Wenn dir dieser kleine Unterschied bewusst ist, wird es dir auch gelingen, die Wörter richtig auszusprechen. Versuche nun gleich einmal, beide Wörter auszusprechen.
Metrische Sonderregeln:
- Eine Silbe, die am Wortende, wegen zwei folgenden Konsonanten über die Wortgrenze hinweg zu guru (schwer, lang) wird, kann laghu bleiben, wenn das Metrum dies erfordert.
- Eine Silbe, die am Wortende laghu ist, kann guru werden, wenn das Metrum dies erfordert.
Tipps für die Aussprache
Auch im Deutschen und anderen Indo-Europäischen Sprachen sind Silben betont oder unbetont. Das fällt vielen nicht auf, da wir den Rhythmus der Sprache in unserem unbewussten Sprachgefühl verankert haben. Wir merken lediglich bei einem Gedicht, dass es wohl klingt. Bei einer fremden Sprache fällt es allerdings oft schwer, das Betonen und Nicht Betonen korrekt wiederzugeben. Folgender Trick kann Dir helfen:
- Spreche betonte Silben lauter als unbetonte
- Spreche betonte Silben länger als unbetonte
- Klatsche bei betonten Silben
Darstellung der Betonung
Das Analysieren, ob eine Silbe betont (guru) oder unbetont (laghu) ist, braucht gerade am Anfang etwas länger. Daher hat es sich bewährt, die einzelnen Silben mit kleinen Zeichen kenntlich zu machen. Hierbei haben sich zwei widersprüchliche Systeme etabliert:
A) Das indische System
Hier denken wir an das Rezitieren. Ein Lehrer würde eine Silbe betonen, indem er den Finger oder die Hand hebt. Folglich macht man über die betonten (guru) Silben einen senkrechten Strich. Bei den unbetonten (laghu) Silben senkt der Lehrer hingegen die Hand. Folglich macht man über diese Silben einen horizontalen Strich.
Beispiel aus der Īśa Upaniṣad (Vers 1)
| | | _ _ | | |
īśā-vāsyam idaṃ sarvaṃ;
| | _ _ | | _ |
yat kiñ ca jagatyāṃ jagat |
Hinweis: Die letzte Silbe des zweiten pāda ist eigentlich kurz, vor einer Zäsur werden die Silben jedoch fast immer lang rezitiert.
B) Das europäische System
Im europäischen System denkt man eher daran, wie lang man eine Silbe ausspricht. Mit einer horizontalen Linie kennzeichnet man so die betonten (guru) Silben. Mit einem Häkchen (v) die nicht betonten (laghu) Silben.
Beispiel aus der Īśa Upaniṣad (Vers 1)
_ _ _ v v _ _ _
īśā-vāsyam idaṃ sarvaṃ;
_ _ v v _ _ v _
yat kiñ ca jagatyāṃ jagat |
Diese beiden System können durchaus verwirren. Denn sie nutzen ähnliche Zeichen in gegensätzlicher Bedeutung.
Bereit zum Rezitieren?
Hiermit hast Du bereits das Werkzeug, einen in einem Versmaß verfassten Text in der vorgesehenen harmonischen Rhythmik zu rezitieren. Gehe dabei wie folgt vor:
- Schreibe Dir den Text in der Lautschrift auf.
- Kennzeichne in einem System die Betonungen und Nicht-Betonungen
Empfehlung: Nutze das indische System - Lese den Text und klatsche bei betonten Silben
- Wiederhole das, bis ein harmonischer Rhythmus und schließlich sogar eine Melodie entsteht.
Hinweis: Nach Deinem Gefühl, oder wie Du es gelernt hast, entstehen beim Rezitieren unterschiedliche Tonhöhen und damit eine Melodie. Für ein und denselben Text ist zwar immer nur ein Metrum korrekt, jedoch sind verschiedene Melodien möglich.
Handelt es sich um einen vedischen Text, z.B. eine Upanishad, sind die Tonhöhen in Form von besonderen Strichen im Text mit angegeben. Sie geben die Tonhöhen dann relativ zueinander an
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