3. Erneute Herausforderung zur richtigen Zeit
Die erneute Herausforderung des gleichen Körpersystems soll erfolgen, wenn es sich nach der vorherigen Herausforderung vollständig regeneriert hat und besser an die Herausforderung angepasst ist als zuvor. Erfolgt die nächste Herausforderung zu früh, so trifft sie noch in die Phase der Erschöpfung. Das Körpersystem wird mit jeder neuen Herausforderung schwächer. Warten wir zu lange mit einer nächsten Herausforderung, so verpassen wir die Phase der Superkompensation. Die erneute Herausforderung trifft auf ein Körpersystem, das sich etwa im selben Zustand befindet wie zuvor. Mit anderen Worten: unser Training ist nutzlos.
Die Regelmäßigkeit macht‘s
Die große Frage ist nur: Was ist die richtige Regenerationszeit? Ein Muskel benötigt zum Anpassen auf eine Maximalkraftbeanspruchung beispielsweise etwa fünf Tage zur Regeneration. Möchten wir also maximal kräftige Muskeln entwickeln, so sollten wir die Muskeln ca. alle fünf Tage mit einer Maximalkraftbelastung herausfordern.
Unser Nervensystem benötigt hingegen auf koordinative Beanspruchungen nur etwa zwei Stunden Regenerationszeit. Üben wir eine Balancehaltung nur einmal pro Woche, dann entspricht dies der 84-fachen Regenerationszeit. Das wäre in etwa so, als würden wir einmal pro Jahr die Maximalkraft eines Muskels trainieren. Vermutlich wird so unser Bemühen keine größeren Früchte tragen.
Tipp
Übe Balancepositionen eine Zeit lang mehrmals täglich. So kann sich dein Nervensystem anpassen. Denn die gute Nachricht ist: Einmal gelernt, bleibt die koordinative Fertigkeit des Nervensystems lange erhalten. Du kennst das vermutlich vom Fahrradfahren. Das verlernt man auch nie mehr.
Die Praxis von Śayanāsana
Wenn Du Dich entschieden hast, Deine Balance auf dem Weg in Śayanāsana zu entwickeln, dann kannst Du folgende Schritte erproben:
1. Baue Dein Fundament
Komm in eine kniende Position. Platziere die Unterarme parallel zueinander vor Dir auf dem Boden. Wende dabei die Handflächen nach unten. Versuche nun, die gesamte Fläche der Unterarme und die Handflächen gleichmäßig fest in den Boden zu drücken (Bild 1).
2. Erlebe das Umkehren
Platziere nun die flache Stelle der Schädeldecke zwischen den Handgelenken auf dem Boden. Streck die Beine und wandere auf den Zehenspitzen langsam in Richtung Ellbogen. Versuche dabei, das Gesäß so weit und so spitz wie möglich nach oben wachsen zu lassen. Achte dabei darauf, dass weiterhin ein Großteil deines Gewichts von den Unterarmen und den Händen getragen wird (Bild 2).
3. Lerne zu balancieren
Nun kannst Du ganz langsam einen Fuß nach dem anderen vom Boden abheben. Bleib am besten zunächst mit den Zehen nah am Boden, so dass Du Dich sicher fühlst und nicht versehentlich umfällst (Bild 3).
4. Vertrauen aufbauen
Wenn Deine Balance sicher wird, kannst Du die Beine gerade nach oben strecken. Solltest Du dabei ins Schwanken kommen, zieh einfach die Knie wieder heran (Bild 4).
5. Gewichtsverlagerung und Hebel nutzen
Um Deine Balance noch mehr herauszufordern, kannst Du die Füße etwas rückwärts bewegen und so mit den Schultern senkrecht über die Ellbogen schwingen. Durch diese Gewichtsverlagerung und das Nutzen der Hebelverhältnisse hebt der Kopf überraschend mühelos vom Boden ab (Bild 5).
6. Die Zeit steht still
Nun braucht es noch viel Geduld, um sich weiter in Richtung Endposition von Śayanāsana zu entwickeln. Beobachte zunächst, wie das Gewicht auf den Unterarmen verteilt ist. Verlagere Deinen Schwerpunkt so, dass ein Großteil ganz hinten auf den Ellbogen liegt. Nun kannst Du zunächst nur eine Hand vom Boden lösen und zum Kinn führen. Finde hier Stabilität, bevor Du mit der zweiten Hand folgst. Achte darauf, Dein Üben wechselweise mal mit links, mal mit rechts zu beginnen, um das Gleichgewicht mit beiden Ellbogen gleichmäßig zu fordern. Ein Schlüssel zum Erreichen der Position ist es, den ganzen Körper aktiv zu benutzen, um die Balance zu halten (Bild 6).
Was für ein treffender Name – Śayana, die Ruhestätte des Universums: Wohl kaum eine andere Haltung erfordert so viel Praxis wie die Endform von Śayanāsana. Dennoch, es lohnt sich! Denn einmal angekommen, scheint die Zeit still zu stehen. Zuerst ist es vielleicht nur ein Augenblick, in dem Du frei im Raum zu schweben scheinst, dann verlängert sich der Augenblick allmählich. Was für eine treffende Idee, diese Position nach der Ruhestätte zu benennen, aus der das gesamte Universum hervorgeht und wieder versinkt – Śayana.
Vom äußeren zum inneren Gleichgewicht
Für mich geht es im Yoga nicht um die Äußerlichkeiten, sondern darum, mein inneres Gleichgewicht zu kultivieren. Der Mediziner würde sagen: Auch ein inneres Gleichgewicht hat viel mit unserem Nervensystem zu tun. Auch dieser Aspekt lässt sich üben, aber nur durch regelmäßige Praxis, in der wir uns immer wieder um dieses innere Gleichgewicht bemühen. Viel Freude beim Üben!
Fotograf: Christian Krinninger
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