Es gilt, Herausforderungen ernsthaft und gelassen anzugehen. Das ist wie im Leben
Nicht alle Übungen sehen angenehm aus.
Dr. Ronald Steiner: „Nein. Das gehört dazu und ist wie im Leben. Manche Asanas mag man, andere nicht. Es gilt, alle Herausforderungen mit der notwendigen Gelassenheit, aber auch Ernsthaftigkeit anzugehen. Das lässt sich auf den Alltag übertragen, in dem immer wieder Probleme auftauchen, die man lösen muss.“
Ist das der Grund dafür, dass immer mehr Menschen Yoga praktizieren? Manche sprechen von einem regelrechten Boom.
Dr. Ronald Steiner: „Ja, aber das ist ein langer Boom. Davon sprach man in den 70er Jahren, in den 80ern und in den 90ern. Und jetzt wieder.“
Andere denken bei Yoga an Räucherstäbchen, Mantragesänge und lang gezogene „Omms“. Sind das Vorurteile?
Dr. Ronald Steiner: „Diese Frage höre ich immer wieder. Zumindest jede Aṣṭāṅga-Stunde beginnt mit einem Mantra. Man muss aber keine Angst haben, bei einer Sekte gelandet zu sein. Wir bedanken uns damit bei all den vorangegangenen Lehrern, die das Yoga und dessen Inhalte über Jahrhunderte weitergegeben haben. Auf diese lange Tradition kann man stolz sein. Außerdem ist das immer ein Zeichen für jeden Praktizierenden: Ab jetzt ist der Alltag draußen, jetzt gibt es nur noch Yoga. Im Übungsraum wird ab da auch nicht mehr über Arbeit, Geld oder Politik gesprochen. Wer sich darauf einlässt, wird das schnell schätzen.“
Aus Sicht des Sportmediziners: Ist Yoga sinnvoll für Sportler, die sowieso mehrere Male pro Woche trainieren?
Dr. Ronald Steiner: „Auf jeden Fall. Zum einen entwickelt Yoga sehr ausgewogen die körperlichen Grundfertigkeiten Kraft, Flexibilität, Ausdauer und Koordination. Zweitens werden muskuläre Ungleichgewichte, die oft für Verletzungen verantwortlich sind, beseitigt. Fußballer haben zum Beispiel oft verkürzte Beinrückseiten und überspannte Adduktoren. Zerrungen in diesen Muskeln können die Folge sein. Dazu kommt der psychologische Faktor, der für einen Wettkampfsportler entscheidend ist.“
Können Sie das erklären?
Dr. Ronald Steiner: „Wie gesagt, es gilt darum, Herausforderung ernsthaft und gelassen zugleich zu meistern. Man muss sich nur einen Elfmeter im voll besetzten Stadion vorstellen, dann wird schnell klar, was damit gemeint ist.“
Kann Yoga auch kontraproduktiv sein?
Dr. Ronald Steiner: „Ja, wenn man es übertreibt.“
Was bedeutet das?
Dr. Ronald Steiner: „Man sollte nicht zu früh zu viel wollen. Yoga hat nichts damit zu tun, wie schwierig die Übungen sind, die ich praktiziere. Ich kann auch an den einfachen Positionen monatelang arbeiten und mich auf die Atmung konzentrieren. Erst wenn die Asanas langweilig werden, wird es Zeit, neue anzugehen. Grundsätzlich gilt: Es ist egal, wie schwierig die Übung ist. Wichtig ist nicht, komplizierte Serien durchzuziehen, sondern möglichst täglich zu üben. Wer das tut, kommt zur vorhin angesprochenen Gelassenheit.“
Ist Yoga für jeden sinnvoll?
Dr. Ronald Steiner: „Jeder Mensch kann Yoga üben. Im Rollstuhl, mit einem Arm, im hohen Alter – egal. Es ist Aufgabe des Lehrers, die Praxis anzupassen.“
Wie merke ich, dass ich in den richtigen Händen bin?
Dr. Ronald Steiner: „Im Studio spürt man ziemlich schnell, ob der Lehrer selbst praktiziert und das auch lebt, wovon er spricht.“
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