Ronald: Manche Traditionalisten mögen das ihren Schülern erzählen, doch die Wahrheit ist, dass Yoga eine lebendige Tradition ist und alles, was lebt, verändert sich. Um das Jahr 1916 beschloss Sri Kṛṣṇamācārya, den sagenumwobenen Yogi Yogeshwara Rama Mohan Brahmāchari zu suchen. Man sagt, nach zweieinhalb Monaten Fußmarsch durch den Himalaja habe er ihn endlich in einer Höhle am Fuße des Berges Kailash gefunden. Dort soll er siebeneinhalb Jahre lernend verbracht haben und von seinem Lehrer in die Tiefen des Yoga eingeführt worden sein. Sein Studium umfasste die praktischen Aspekte, bestehend aus Asana, Prāṇayama und Vinyasa genauso wie Philosophie. All das soll auf einem uralten Buch, der Yoga Korunta von Vāmana Ṛṣi, basiert haben. Als Kṛṣṇamācārya dann 1924 begann, in Mysore zu unterrichten, berief er sich auf diese Traditionslinie. Man könnte also meinen, wir praktizieren heute ein Übungssystem, welches vor Tausenden von Jahren so festgehalten und nie verändert wurde. Fakt ist allerdings, dass die Yoga Korunta bis heute nie gefunden wurde und vielleicht so nie existiert hat. Fakt ist auch, dass Kṛṣṇamācārya den Einflüssen des Westens gegenüber sehr aufgeschlossen war. Anfang des 20. Jahrhunderts florierten in Europa Gymnastik und Körperertüchtigungssysteme. Sie wurden von der englischen Kolonialmacht auch nach Indien gebracht. An jeder Schule wurde damals Gymnastik unterrichtet. Ganz offensichtlich ist: ausgehend vom mittelalterlichen Hatha Yoga können wir im Unterricht Kṛṣṇamācāryas viele Parallelen zu diesen europäischen Körperertüchtigungssystemen feststellen. Und auch im weiteren Verlauf hat sich das Aṣṭāṅga Yogasystem von Kṛṣṇamācārya weiter verändert und entwickelt.
Allerdings sagte Pattabhi Jois: „Never changed anything“. Wie ist das zu verstehen?
Ronald: Diese Aussage muss man im Zusammenhang mit der typisch indischen Weltsicht sehen. Im Gegensatz zur westlichen Evolutionstheorie, nach der sich alles zum Besseren weiterentwickelt, liegt in Indien das gute im Ursprung. Je älter die Quelle, desto wichtiger und richtiger ist sie. So berufen sich Iyengar und Jois auf Kṛṣṇamācārya, er wiederum auf Ramamohan Brahmāchari und dieser wird sich sicher auch auf seinen Lehrer bezogen haben. „Ich habe nichts verändert“ heißt also vor allem: Ich berufe mich voller Respekt auf eine alte Tradition. Es heißt aber nicht, dass in der Praxis tatsächlich keine Veränderungen möglich oder erwünscht sind. Es lassen sich zahlreiche Dinge aufzählen, die sich im Laufe von Pattabhi Jois‘ Lehrzeit verändert haben: von der Anzahl an Atemzügen, über Einstieg in und Ausgang aus Asanas, neu eingeführte oder entfernte Positionen in der Übungsfolge, bis hin zur Aufteilung der Übungsserien. Und natürlich verändert sich ein und dasselbe Yoga mit jeder einzelnen Schüler-Persönlichkeit. In der Essenz ist Yoga immer gleich, es geht um die Erkenntnis unseres wahren Selbst oder des Göttlichen. Die Techniken und Methoden jedoch veränderten sich im Lauf der Zeit: Sie entwickelten sich durch die Weitergabe in neue Kontexte und fächerten sich in den verschiedenen Traditionslinien weiter auf.
Du hast einen Weg gefunden, die Aṣṭāṅga-Tradition zu bewahren und gleichzeitig weiterzuentwickeln?
Ronald: Ja. In der von mir entwickelten AYInnovation-Methode verbinde ich die klassischen Übungsfolgen des Aṣṭāṅga Yoga mit modernen Erkenntnissen aus Wissenschaft, Medizin und Bewegungslehre. Ziel ist eine für den Schüler sehr persönliche Yogapraxis – von therapeutisch-präventiv bis hin zu sportlich-akrobatisch. Um jedem gerecht zu werden, liegt der Fokus je nach Alter und Konstitution woanders. Einer mag sehr athletisch üben, während für den anderen der Schwerpunkt eher auf Therapie oder Prävention liegt. All das ist innerhalb der traditionellen Übungsfolge möglich – mit Varianten und Anpassungen. Ich glaube nicht, dass ich mich dadurch zu weit von der Aṣṭāṅga-Tradition entferne. Im Gegenteil: Ich glaube, dass Tradition lebendig sein muss.
Janosch, es scheint, als würde Ronald seinen Schülern viel Freiraum für eine individuelle Entwicklung geben. Janosch: Das empfinde ich tatsächlich so. Er legt großen Wert auf das Fundament, die Tradition, die Basis. Aber was man daraus entwickelt, bleibt jedem selbst überlassen. Ob Kampfsport, Meditation oder ein langer Spaziergang. Yoga ist die Freiheit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und dafür kann es keine Regeln geben, außer man gibt sie sich selbst.
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