Kṛṣṇamācāryas Zeit in Chennai (1957-1989)
Nachdem Kṛṣṇamācārya Mysore verlassen hatte, verbrachte er zunächst etwa zwei Jahre in Bangalore. Schließlich wurde er von einem bekannten Rechtsanwalt, der Kṛṣṇamācārya's Hilfe nach einem Schlaganfall suchte, nach Chennai eingeladen. In Chennai unterrichtete Kṛṣṇamācārya seine Söhne TK Srinivasan, TKV Desikachar und TK Sribhashyam im Yoga. Auch Srivatsa Ramaswami und AG Mohan gehörten in dieser Zeit zu seinen Schülern. Im Jahr 1985, im Alter von 96 Jahren, stürzte Kṛṣṇamācārya auf dem Weg zum Briefkasten. Eine Operation lehnte er ab, doch behandelte er sich selbst durch die Praxis des Yoga. Das Yoga praktizierte und unterrichtete er bis er zu seinem Tod am 3.11.1989. Er wurde 100 Jahre alt und sein Geist blieb klar bis zum Schluss.
Kṛṣṇamācārya als Ursprung des modernen Hatha-Yoga
Kṛṣṇamācārya bildete die Brücke, über die das Yoga den Weg aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart nahm. Trotz aller Widerstände seiner Zeit bewahrte er es als einen wertvollen Schatz für die Menschheit. Traditionell und dennoch innovativ, so könnte man Kṛṣṇamācārya beschreiben. Die alten Überlieferungen bewahren und dennoch mutig Grenzen überschreiten, war sein Motto. Er war der erste, der einen Westler und eine Frau unterrichtete und damit weckte er den Widerstand der Traditionalisten seiner Zeit. Obwohl die Wissenschaft des Yoga seit alters her im Verborgenen praktiziert wurde, erblühte weltweit das Interesse für diese uralte Erfahrung durch seine zahlreichen Demonstrationen. Legendär sind seine Demonstrationen von Asana oder Prāṇayama. Das Yoga, das Kṛṣṇamācārya unterrichtete, anerkannte stets den individuellen Menschen mit seinen Besonderheiten. Systematisch und schrittweise entstand eine Praxis, die auf den einzelnen Schüler maßgeschneidert war. Nur oberflächlich unterscheidet sich das Yoga, das Pattabhi Jois, Indra Devi, BNS Iyengar oder BKS Iyengar von Kṛṣṇamācārya in Mysore lernten, von dem Yoga, das TK Srinivasan, TKV Desikachar, TK Sribhashyam, Srivatsa Ramaswami und AG Mohan etliche Jahre später in Chennai lernten. Das eine, als dynamische und kraftvolle Version, Aṣṭāṅga Yoga genannt, das andere ruhig und bedacht, Vini-Yoga genannt, sind sie im Kern doch gleich. Die Schüler unterschieden sich und damit die Herangehensweise an dasselbe Yoga. Betrachten wir die beiden so konträr erscheinenden Richtungen, so erkennen wir, wie beide ineinander vollkommen enthalten sind. Das Yoga von Kṛṣṇamācārya war stets darauf ausgelegt, den Menschen als Ganzes zu erkennen und in seiner individuellen Entwicklung zu unterstützen. Körperliche Gesundheit und spirituelles Wachstum gehörten so gleichermaßen zu den Zielen. Durch die individuell abgestimmte Praxis konnte Kṛṣṇamācārya bei vielen Erkrankungen gute Erfolge erzielen.
Quellen:
- Desikachar K. The Yoga of the Yogi. 2005
- Desikachar TKV. The Heart of Yoga. 1995
- Desikachar TKV. Yoga and the Living Tradition of Kṛṣṇamācārya. 1998
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