„Du Schurke, wenn ich zornig werde, erzittern alle Welten mitsamt ihren Führern. Durch welche Kraft bist du so dreist geworden, dich furchtlos meiner Herrschergewalt zu widersetzen?“
Prahlāda erwidert: „Mein lieber König, meine Kraft stammt aus der gleichen Quelle wie deine Kraft. Alle Kräfte kommen aus demselben Urgrund. Ohne ihn kann niemand Stärke erlangen. Sei es Brahmā oder ein unbedeutendes Wesen, alle unterstehen der Kontrolle seiner Macht.“
„O du Unglückseliger“ sprach Hiraṇyakaśipu, „du hast immer von einem höchsten Wesen gesprochen, das alldurchdringend über alles herrscht. Wo ist er jetzt? Befindet er sich etwa in dieser Säule hier? Du sprichst viel Unsinn, daher werde ich dir jetzt den Kopf vom Körper trennen. Ich möchte nun sehen, wie dich dieser Hari (Viṣṇu) beschützt.“
Übersetzung: Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1347-0, S. 84ff.
In diesem Moment trat Viṣṇu in der Gestalt von Narasiṃha aus einer Säule des Palastes. Es entbrannte ein fürchterlicher Kampf zwischen Narasiṃha und Hiraṇyakaśipu (Bild 2).
Erst in der Abenddämmerung zerrte Narasiṃha den König auf die Schwellen seines Palastes. Dort legte er den Tyrannenherrscher auf seinen Schoß und zerriss ihn mit seinen Klauen. Damit waren die Bedingungen für Hiraṇyakaśipus Tod erfüllt: Er wird weder auf der Erde noch im Himmel getötet, weder bei Tag, noch in der Nacht, weder in einem Haus, noch im Freien, weder durch einen Menschen, noch durch ein Tier, weder durch eine Waffe, noch durch eine Hand, weder durch eine Gottheit (deva), noch durch einen Dämonen (asura) (Bild 3).
Anmerkung: Viṣṇu zählt als Teil der Trinität aus Brahmā, Viṣṇu, Śiva nicht zu den Gottheiten (deva).
Tradition und Bedeutung
Vision gibt dem Leben Sinn
Wer seine Ideale verkauft, der verkauft sich selbst. Denn ohne Ideale erhalten weder Bemühen noch Handlung Sinn. Wer hingegen zu seinen Idealen steht, auch dann, wenn es unbequem ist, wird unbesiegbar. Auch wenn sich im Äußeren Nachteile dadurch zu ergeben scheinen, weiß man stets, wofür man lebt und handelt. In der mythologischen Erzählung steht Prahlāda zu seinen Idealen und lässt nicht von dem Glauben an Gott ab, obwohl sein eigener Vater versucht ihn umzubringen. Letztendlich zahlt sich sein fester Glauben an seine Ideale aus.
Wir sind Teil der Natur
Sind wir in der modernen Gesellschaft wie Hiraṇyakaśipu? Wir trennen uns mit immer mehr Technik uns von der Natur. Wir beuten Tiere aus. Wir verändern die Landschaft. Wir versuchen ewig jung zu bleiben. Doch je mehr wir uns von der Natur entfernen, in desto mehr Schwierigkeiten verstricken wir uns. Letztendlich holt uns die Natur immer wieder ein, denn die ewige Jugend, die wir anstreben, ist eine Illusion. Wir sind Teil der Natur. Alles um uns und wir selbst unterliegen diesem Wandel. Hingabe an diesen Wandel führt uns zu einer tiefen Zufriedenheit. Der Schlüssel zum wirklichen Glück liegt also nicht darin, im Außen neuen Dingen hinterher zu jagen, sondern mit dem zufrieden zu sein, was hier und jetzt ist.
In der indischen Tradition
Narasiṃha ist die vierte von zehn Verkörperungen (avatāra) des Gottes Viṣṇu. Wörtlich übersetzt bedeutet Nṛsiṃha bzw. oft auch Narasiṃha der „Mensch-Löwe“. In ganz Indien sind Darstellungen von Narasiṃha als halb Mensch und halb Löwe häufig. Dabei hat er den Körper eines Menschen mit dem Kopf und den Klauen eines Löwen (Bild 4).
Vor allem die Kriegerkaste verehrt Narasiṃha in Indien noch heute. Im Unterschied zu einem käuflichen Söldner lebt und pflegt ein Krieger Ideale. Der Krieger schützt, was ihm wertvoll ist. Er ist bereit ,dafür Gefahren einzugehen und selbst sein eigenes Leben zu riskieren. Der Beiname Narasiṃhas, „Großer Beschützer“, bezieht sich also nicht ausschließlich auf körperliche Fähigkeiten, sondern auch auf den Schutz ideeller Werte (Bild 5).
Als Leitfigur in tantrischen Texten
Es verwundert nicht, dass Narasiṃha oft in tantrischen Texten und Texten des Haṭha-Yoga als Leitfigur auftaucht. Besonders relevant erscheint uns:
- Die Mokṣopaya aus dem 10. Jh.
- Die Nṛsiṃhottaratāpinyupaniṣat, eine Yoga-Upniṣad um ihn, aus dem 17. Jh.
Und natürlich die kraftvolle Anrufung an Nṛsiṃha im Beginn Mantra des Dattātreyayogaśāstra:
nṛsiṃha-rūpiṇe cid-ātmane sukha-sva-rūpiṇe |
padais tribhis tad ādibhir nirūpitāya vai namaḥ |1|Dem, der die Form des Narasiṃha hat, dessen Selbst (ātman) das Bewusstsein (cit) ist, dessen wahre Gestalt (svarūpa) die Glückseligkeit (sukha) ist [und]
der durch die drei Worte beginnend mit “dieses” (tat)1 definiert wird. Verehrung (namas) sei ihm.
Mythologisch tief verwurzelte Legende
Die Geschichten über Narasiṃha finden wir in den Purāṇas und der Mahābhārata in insgesamt 17 leicht abweichenden Varianten. Das zeigt uns, wie tief sie in der Mythologie Indiens verankert ist. Falls Du einmal selbst vergleichen möchtest, haben wir hier aufgelistet, wo die Varianten aufzufinden sind. Die zuvor geschilderte Legende orientiert sich dabei an der Variante des Bhagavata Purāṇa (Canto 7) .
- Nr̥śiṁhapurāṇa, eine eigens ihm gewidmete Purāṇa, aus dem 5. Jh.
- Valmiki Ramayana (7.24)
- Harivaṃśa (41 & 3.41-47)
- Viṣṇu Purāṇa (1.16-20)
- Bhagavata Purāṇa (Canto 7) – Die zuvor beschriebene Legende orientiert sich an dieser Schilderung.
- Agni Purāṇa (4.2-3)
- Brahmāṇḍa Purāṇa (2.5.3-29)
- Vayu Purāṇa (67.61-66)
- Brahmā-Purāṇa (213.44-79)
- Viṣṇudharmottara Purāṇa (1.54)
- Kūrma Purāṇa (1.15.18-72)
- Matsya Purāṇa (161-163)
- Padma Purāṇa (Uttara-khaṇḍa 5.42)
- Śiva Purāṇa (2.5.43 & 3.10-12)
- Liṅga Purāṇa (1.95-96)
- Skanda Purāṇa 7 (2.18.60-130)
- Mahābhārata (3.272.56-60)
Bildnachweis
- Bild 1:
https://de.wikipedia.org/wiki/Prahlada#/media/Datei:Hiranyakasipu_About_to_Decapitate_Prahlada,_
Folio_from_a_Bhagavata_Purana_(Ancient_Stories_of_the_Lord)_LACMA_M.88.227.jpg - Bild 2:
https://en.wikipedia.org/wiki/Hiranyakashipu#/media/File:God_Narasiṃha.jpg - Bild 3 und Header Bild:
https://en.wikipedia.org/wiki/Narasiṃha#/media/File:Narasiṃha_Disemboweling_Hiranyakashipu,_Folio_from_a_Bhagavata_Purana_
(Ancient_Stories_of_the_Lord)_LACMA_M.82.42.8_(1_of_5).jpg - Bild 4:
https://en.wikipedia.org/wiki/Narasiṃha#/media/File:7_La_statue_de_Narasiṃha_Hampi_Vijayanagar_Karnataka_India_April_2014.jpg - Bild 5:
https://en.wikipedia.org/wiki/Narasiṃha#/media/File:Gardiens_du_temple_(Banteay_Srei,_Angkor)_(6883239929).jpg
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