Die älteste uns bekannte Komposition dieser Art ist der Ṛgveda (“Das Wissen der Verse”). Indologen schätzen seine Entstehung auf etwa 1500 v. u. Z. Einzelne Hymnen könnten sogar einige Jahrhunderte älter sein [WITZEL 2007]. Tatsächlich wurde der Ṛgveda über Jahrtausende hinweg rein mündlich überliefert.
Der Linguist und Grammatiker Pāṇini untersuchte im 5. Jh. v. u. Z. die im Saṃskṛt bis dahin genutzte Grammatik und Phonologie. Auf seinen Beobachtungen basiert sein Regelwerk über Grammatik und Aussprache, die als älteste Grammatik überhaupt gilt. Auch sie wurde zunächst rein mündlich weitergetragen.
Der Sprachwissenschaftler Stahl stuft Pāṇinis Theorie der „morphologischen Analyse“ einer Sprache als wesentlich fortgeschrittener ein, als jede vergleichbare westliche Sprachtheorie vor dem 20. Jh. N. u. Z. [STAHL 1988:47].
Von der Sprache zur Schrift
Erst viel später bekam die Saṃskṛt-Sprache auch eine Schrift. Ihre genaue Entwicklung ist vielschichtig und verzweigt und beinhaltet mehr als ein Dutzend Zwischenschritte.
In diesem Artikel konzentrieren wir uns jedoch auf die wichtigsten Entwicklungsstationen der indischen Schrift:
- Wir beginnen bei der ältesten Schrift namens Brāhmī - 3. Jh. v. u. Z.
- über die Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift, - 2.-3. Jh. n. u. Z.
- Gupta-Schrift, - 3. Jh. n. u. Z.
- Nagārī 7. Jh. n. u. Z.
- bis wir bei der heute noch verwendeten Schrift Devanāgarī angelangen.
Damit möchten wir die wesentlichen Entwicklungen der heute am weitesten verbreiteten Schrift für die Saṃskṛt-Sprache nicht nur sichtbar, sondern auch begreifbar machen.
Ein kaiserlicher Auftrag: Die Brāhmī-Schrift
Im 3. Jh. v. u. Z. eroberte Kaiser Aśoka systematisch immer größere Gebiete, bis sein Reich schließlich fast ganz Indien umfasste. Ein Schriftsystem wurde nötig, um Nachrichten seiner Eroberungen, aber auch den buddhistischen Glauben in seinem ganzen Reich zu verbreiten.
Man vermutet, dass die damals entstehende Brāhmī-Schrift ein gezieltes Auftragswerk dieses Kaisers war. Gelehrte Indiens scheinen auf sein Geheiß systematisch eine neue, eigene Schrift nach Vorbildern anderer Länder entwickelt zu haben. Die so entstandene Brāhmī-Schrift wurde von der aramäischen, phönizischen und auch griechischen Schrift inspiriert.
Aśoka ließ in ganz Indien Säulen mit Löwenkapitellen errichten, die seine Edikte im ganzen Reich verkündeten. So sind uns viele dieser Texte bis heute erhalten (Bild 1).
Während die Schrift einheitlich Brāhmī ist, finden sich auf einer einzelnen Säule oft mehrere Sprachen vereint. Pali, Aramäisch, Griechisch und Magadisch waren im Kaiserreich weit vertretene Sprachen. Sie finden sich so auf diesen Inschriften wieder (Bild 2).
Eine unerwartete Entdeckung der Turfan-Sammlung: Die Kuṣāṇa-Brāhmī-Schrift
1906 machte der deutsche Indologe Prof.Moritz Spitzer einen erstaunlichen Fund: Er entdeckte das älteste Schriftstück in der Saṃskṛt-Sprache. Es stammt aus dem 2-3. Jh. n. u. Z. Das Schriftbild ist das der Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift. Diese ist eine Weiterentwicklung der Brāhmī-Schrift.
Das von Prof.Spitzer entdeckte Manuskript besteht aus 1000, meist sehr kleinen, Fragmenten, die überwiegend philosophische Themen behandeln wie z.B. die Allwissenheit des Buddha. Auch einige Auszüge aus den Upaniṣaden, Vaiśeṣika-Theorie über die Grundbausteine der Materie (guṇa) und die Widerlegung eines personifizierten Gottes [FRANCO 2004: 21-29] sind zu finden.
Viele buddhistische Texte sind in der Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift verfasst. Einige der ältesten buddhistischen Texte über das Leben, Wirken und die Lehren des Tathāgata, des “So-gegangenen” oder Buddhas, sind uns in dieser Schrift erhalten. Wie zum Beispiel das Daśabalasūtra, die „Lehrrede (mit der Auflistung) der zehn Kräfte (des Tathāgata)“ (Bild 3).
Alle diese Schriften sind Teil der Turfan-Sammlung, die auf der deutschen Turfanexpedition (1902-1914) entdeckt wurden. Insgesamt umfasst die Sammlung über 40.000 Handschriften und Handschriften-Fragmente und befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin.
Die Entdeckung der Turfan-Schriften war für die Indologie ein Schlüsselmoment. Die Texte vertreten meist eine buddhistische Sichtweise. Sie behandeln jedoch auch christlich-nestorianische, manichäische und säkuläre Themen. Sie sind in 16 verschiedenen Sprachen und 26 verschiedenen Schriftarten verfasst. So stellen sie wertvolle Quellen zur Erforschung der Entwicklung von Sprache und Schrift in Indien dar. [ZATURPASKIJ 1912: 116-127].
Die Variante einer neuen Dynastie: Die Gupta-Schrift
Zweihundert Jahre später breitete sich in Nord- und Mittelindien die Gupta-Dynastie aus. Aus der Brāhmī-Schrift entstand mit der Gupta-Schrift eine neue Variante. Der im Aśoka-Reich dominierende Buddhismus wurde nun zunehmend wieder vom Hinduismus abgelöst.
Folglich wurden auch die alten, in Saṃskṛtverfassten vedischen Texte wieder mit Interesse gelesen. Entsprechend finden wir ab dem 3. Jh. n. u. Z. zunehmend schriftliche Saṃskṛt-Kompositionen in Gupta-Schrift. Die Nähe dieser Schrift zum späteren Devanāgarī ist schon deutlich erkennbar (Bild 4).
Laut Srivastava hat die Gupta-Schrift bis zu fünf verschiedene Varianten, die im Gupta-Reich verwendet wurden [SRIVASTAVA 1998]. Die Gupta-Schrift bezeugt ein Übergangsstadium zwischen Brāhmī- und der Nāgarī- Schrift. Ein Vergleich mit vorausgehenden und späteren Schriften zeigt eine gut nachvollziehbare Entwicklung.
Neue Entwicklung aus dem Osten: Nāgarī
Aus einer östlichen Variante der Gupta-Schrift entstand die Nāgarī-Schrift. Im Gegensatz zur Gupta-Schrift nutzten die Gelehrten dieser Zeit die neue Nāgarī-Schrift fast ausschließlich zum Schreiben von religiösen oder philosophischen Texten in der Saṃskṛt-Sprache.
Zur Zeit der Entwicklung von Nāgarī veränderten sich die Schreibwerkzeuge und Materialien. Sie wurden feiner und filigraner. So zeigen die Zeichen eine schwungvollere Linienführung. Die Nāgarī-Schrift liegt damit in der Gestalt bereits sehr dicht an der darauf aufbauenden Devanāgarī-Schrift.
Der Name “Nāgarī” stammt wohl vom Namen “Nāgara”, einem Titel dem man der Stadt Pāṭaliputra gegeben hatte. Heute trägt diese Stadt den Namen Pranta und ist Hauptstadt des indischen Bundesstaates Bihar.
Die älteste steinerne Inschrift in Nāgarī befindet sich in Gujarat. Indologen datieren sie auf eine Zeit zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert n. u. Z.. Ab dem 7. Jh. n. u. Z. war die Nāgarī-Schrift weit in ganz Indien verbreitet (Bild 5).
Die heutige Schriftform: Devanāgarī
Ab dem 11. Jh. n. u. Z. entwickelte sich aus Nāgarī die Devanāgarī-Schrift [MYLIUS 1988: 14]. Die Schrift eignet sich besonders gut um die Feinheiten der Aussprache präzise wiederzugeben. Wer mit Devanāgarī vertraut ist, dem fällt es relativ leicht viele Aussprache Besonderheiten der Saṃskṛt-Sprache flüssig zu lesen.
Zugleich ist diese Schrift platzsparend. Das ist hilfreich um sie auf den fragilen Palmblättern zu notieren. Ästhetik ist zwar subjektiv, doch empfinden viele Menschen die geschwungenen Bögen und geraden Verbindungslinien als wunderschön. Das Schreiben selbst nutzten die Menschen der damaligen Zeit und bis heute als meditative Übung. Das bis heute für die Saṃskṛt-Sprache weit verbreitete Devanāgarī war entstanden (Bild 6).
Eine Schrift für viele Sprachen
Die Devanāgarī-Schrift ist bis heute in Gebrauch und die meistverbreitete Schrift Indiens. Als präzise Lautschrift eignet sie sich nicht nur für das Niederschreiben der Saṃskṛt-Sprache. Heute ist Devanāgarī gebräuchlich für Hindi, Marathi, Nepali und viele weiteren lokalen Sprachen Indiens.
Nicht jedes Schriftstück in Devanāgarī muss daher Saṃskṛt sein. Können wir die Schrift jedoch lesen, so können wir den Text in korrekter Aussprache wiedergeben. Das Verständnis des Inhaltes ist dann der nächste Schritt.
Die Klänge des Saṃskṛt in vielen Schriften
Umgekehrt gab es stets mehrere parallel genutzte Schriften, um die Klänge der Saṃskṛt-Sprache zu notieren. In vielen Gebieten Indiens entstanden eigene Schriften. Die Bewohner dieser Gebiete nutzten daher ihre Lokal-Schrift auch für die Saṃskṛt-Sprache.
Wir machen es im Westen heute nicht anders. Wir notieren die Klänge des Saṃskṛtoft in römischen Buchstaben. Da unser römisches Alphabet nur 26 Buchstaben hat, die Saṃskṛt-Sprache jedoch über 50 Laute, können wir erst durch Hinzufügen von Laut-Zeichen, sogenannten diakritischen Zeichen, die Aussprache ohne Verlust notieren.
In jedem Fall ist die Devanāgarī-Schrift die traditionell gebräuchliche Möglichkeit, um die Klänge der Saṃskṛt-Sprache präzise wiederzugeben. Daher lohnt es sich für uns sich ein wenig mit dieser Schrift zu beschäftigen.
Viel Freude beim meditativen Schreiben und Lesen!
Literaturverzeichnis
- Briggs, Rick: Knowledge Representation in Saṃskṛt and Artificial Intelligence. In: AI Magazine, Vol. 6. California: Moffet Field, 1985.
- Franco, Eli (Ed.): The Spitzer Manuscript. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2004.
- Hartmann, Jens-Uwe; Wille, Klaus: Apotropäisches von der Seidenstraße: eine zweite 'Löwenhandschrift'. In: Franco, Eli (ed.): From Turfan to Ajanta : Festschrift for Dieter Schlingloff on the Occasion of his Eightieth Birthday. Vol. 1. Bhairahawa, Rupandehi: Lumbini International Research Institute. S. 365-388, 2010.
- Mylius, Klaus: Geschichte der altindischen Literatur. Bern: Fischer Scherz, 1988.
- Schneller, Julius: Kenntnis und Wissenschaft im Ursprung: Sprache - Saṃskṛt. In: Conversationsblatt. Zeitschrift für wissenschaftliche Unterhaltung, Band 6, S. 1057-68, 1821.
- Staal, Frits: Universals: studies in Indian logic and linguistics. University of Chicago Press, 1988.
- Srivastava, Anupama: The Development of Imperial Gupta Brahmi Script. New Delhi: Ramanand, 1998.
- Witzel, Michael & Goto, Toshifumi: Rig-Veda: Das heilige Wissen, Erster und zweiter Liederkreis. Verlag der Weltreligionen, 2007.
- Zaturpanskij, Choros (i. e. A. v. Le Coq): Reisewege und Ergebnisse der deutschen Turfanexpeditionen, Orientalisches Archiv 3, S. 116-127, 1912.
Abbildungsnachweis
- Titelbild: Folio 1a des Yogasārasaṅgraha von Vijñānabhikṣu, Ms. M-5553, Lalchand Research Library, www.dav.splrarebooks.com/collection/view/Yogasarasamgrahah (Zugriff: 11.09.2019)
- Bild 1: de.wikipedia.org/wiki/Edikte_des_Ashoka (Zugriff: 01.07.2018)
- Bild 2: de.wikipedia.org/wiki/Edikte_des_Ashoka (Zugriff: 01.07.2018)
- Bild 3: Hartmann, Jens-Uwe; Wille, Klaus: Apotropäisches von der Seidenstraße: eine zweite 'Löwenhandschrift'. In: Franco, Eli (ed.): From Turfan to Ajanta : Festschrift for Dieter Schlingloff on the Occasion of his Eightieth Birthday. Vol. 1. Bhairahawa, Rupandehi: Lumbini International Research Institute. S. 370, 2010.
- Bild 4: en.wikipedia.org/wiki/Gupta_script (Zugriff 01.07.2018)
- Bild 5: www.tnarch.gov.in/epi/ins5.htm (Zugriff: 01.07.2018)
- Bild 6: dla.library.upenn.edu/dla/medren/detail.html (Zugriff: 20.06.2018)
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