Eine Praxis, die darauf wartet, ausgeführt zu werden
Kaum eine Tradition macht es dem Übenden so leicht, eine eigenständige Praxis zu entwickeln, wie der Aṣṭāṅga Yoga. Die Praxis ist schon da. Sie wartet nur noch darauf, ausgeführt zu werden. Mysore Style wird der dem Aṣṭāṅga Yoga charakteristische Unterrichtsstil genannt. Hier übt jeder nach seinem eigenen Atemrhythmus. Die Übungen und die Abfolge sind ja ohnehin bekannt. Der Lehrer hilft individuell dort, wo noch Unklarheiten herrschen oder Raum für Weiterentwicklung ist.
Wer so jeden Tag das gleiche tut, kann die Oberfläche der Übungsfolgen verlassen und auf eine sehr genaue Ausführung achten. Alignment heißt das Achten auf eine gesunde und harmonische Übungspraxis. Dieses Augenmerk ist sicher eine der westlichen Weiterentwicklungen.
»Everybody can do Yoga« – »Jeder Mensch kann Yoga üben« war die Prämisse von Pattabhi Jois. Doch gerade für Menschen mit körperlichen Einschränkungen gab es in den letzten Jahren in Mysore, auch aufgrund der schieren Anzahl an Schülern, kaum einen gangbaren Weg in die Praxis. Schade, wie ich finde, denn gerade solche Menschen könnten vom therapeutischen Potential des Aṣṭāṅga Yoga sehr profitieren. Wer zu mir in den Unterricht kommt, für den werde ich einen passenden Weg finden. Beispielsweise führe ich Menschen mit körperlicher Einschränkung auch mit Hilfe eines Stuhles durch die Bewegungsfolgen. Die Essenz des Aṣṭāṅga Yoga wird so für diese zugänglich.
Mit Wissen aus Sportmedizin und Bewegungstherapie kann die dem Aṣṭāṅga Yoga innewohnende Heilkraft sich voll entfalten. Denn wer jeden Tag das gleiche tut, der formt auch seinen Körper um. Mit der richtigen Ausrichtung gehen wir so jeden Tag einen Schritt zu mehr Gesundheit und ganzheitlichem Wohlbefinden. – Das ist Yoga-Therapie.
Ein Netz des Lernens und Wachsens
Manches von den westlichen Neuerungen findet dann sogar den Weg wieder zurück nach Mysore. Ein einfaches Beispiel sind die Positionen parivṛtta trikonāsana, dem gedrehten Dreieck, und parivṛtta pārśvakoṇāsana, dem gedrehten Winkelstand. Nach Nancy Gilgoff, einer der frühen Schülerinnen von Pattabhi Jois, wurden diese von den westlichen Praktizierenden eingefügt, da sie sich stimmig in das System einpassten. Pattabhi übernahm diese Positionen dann in seinen Unterricht.
Aber auch außerhalb der formalen Grenzen der Tradition hat der Aṣṭāṅga Yoga seine Spuren hinterlassen. Denn von Jivamukti über Sharon Gannon und David Life bis hin zu Brian Kests Power-
Yoga entwickelten sich viele moderne Yoga-Stile aus dem Aṣṭāṅga Yoga. Ihre Begründer lernten bei Pattabhi Jois. Auch komplett getrennt erscheinende Traditionslinien haben oft Grundelemente des Aṣṭāṅga Yoga in sich integriert.
Im Zentrum der Praxis
Bandha, vinyāsa und dṛṣṭi stehen ohne Frage im Zentrum der Praxis des Aṣṭāṅga Yoga. Bandha ist nach der Hatha-Yoga-Pradīpikā eine Technik, die immer abwärtsströmend, sich verbrauchende Energie umzukehren und so symbolisch die Lebenskraft wieder aufzufüllen. Physisch betrachtet richten die bereits von den Nāṭh-Yogis beschriebenen, subtilen Muskelkontraktionen im Schwerefeld der Erde auf. Der Grundstock für Alignment, eine gesunde Übungspraxis, war so schon in den alten Quelltexten des Hatha-Yoga angelegt. Physikalisch gesehen erhöht eine Aufrichtung die Energie unserer Körperhaltung im Raum.
Vinyāsa ist das Zusammenbringen von Atem und Bewegung zu einem gleichmäßigen Rhythmus. Rhythmus bringt Struktur in die Zeit. Physikalisch betrachtet erhöht sich so die Energie in der Dimension der Zeit. Dṛṣṭi bedeutet wörtlich Schau. Es handelt sich um Techniken, bei denen wir unseren sonst stets wandernden Blick auf bestimmte Punkte ausrichten. Der Blick ist mit den ebenso stets wandernden Gedanken verbunden. So bringen wir mit dṛṣṭi unsere Gedanken in Ausrichtung. Physikalisch gesehen erhöhen wir die Ordnung und damit die Energie in unserem Geist.
Bandha, vinyāsa und dṛṣṭi stehen so für eine Ausrichtung in Raum, Zeit und Geist. Die Praxis lädt diese Dimensionen mit Energie auf. Wir werden präsent, achtsam und klar. Schließlich tauchen wir in die unmittelbare Wahrnehmung des Augenblicks ein. Oder, frei nach Pantañjali Yoga-Sūtra 1.1: atha yoga-nuśāsanam – jetzt Yoga-Einführung. Der Zustand des Yoga wird in diesem Augenblick erfahren.
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