SS 1.2–1.3: Wissen und Bindung
SS 1.2–1.3: Wissen und Bindung

Śiva Sūtra 1.2–1.3: Wie Begrenzung entsteht

Begrenztes Wissen, die Matrix der Unterschiede und die begrenzte Handlungskraft lassen freies Bewusstsein als endlichen Erfahrenden erscheinen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Śiva Sūtra 1.2
ज्ञानं बन्धः ||1.2||
jñānaṃ bandhaḥ ||1.2|| Analyse ▾ Analyse ▴
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Erkennen
bandhaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Bindung, Gebundenheit
[Begrenztes] Wissen (jñānam | nom sg) [ist] Bindung (bandhaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Sobald Wissen sich verengt und Dich auf einzelne Inhalte festlegt, wird es zur Bindung.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Bindung entsteht nicht durch Wissen überhaupt, sondern durch verengtes Wissen: Das eigene Wesen wird für etwas Kleines gehalten, und Körper, Sinne oder Gedanken werden als Selbst missverstanden.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Bindung beginnt als Selbstverkennung: Im Selbst wird Nicht-Selbst gesehen, und im Körper oder Ähnlichem wird Selbst vermutet.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 1.3
योनिवर्गःकलाशरीरम् ||1.3||
yoni-vargaḥ kalā-śarīram ||1.3|| Analyse ▾ Analyse ▴
yoni
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Ursprung, Schoß, Quelle
vargaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Gruppe, Klasse, Bereich
kalā
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Kalā, begrenzte Handlungskraft
śarīram
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Körper, Gestalt
Die Gruppe der Ursprünge (yoni-vargaḥ | nom sg) [und] die Gestalt der begrenzten Handlungskraft (kalā-śarīram | nom sg) [sind Bindung].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Bindung nimmt Gestalt an, wenn Du Dich als begrenzte Ursache, begrenzte Kraft und getrenntes Wesen erfährst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Die Fessel hat mehrere Schichten: schöpferischer Ursprung, Kräfte der Unterscheidung und der feine Körper der Begrenzung.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Māyā ist der Ursprung, aus dem Differenz sichtbar wird.

Bhāskaras Śivasūtravārttika

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
6 Nachrichten Ø

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

Hallo :)
habe ich das richtig verstanden, dass das erste Mala sich auf 1.2 bezieht und das zweite und dritte Mala in 1.3 erwähnt wird? Woher kommt der Zusammenhang der drei Malas (die sogesehen nicht direkt genannt werden) mit den Sutranis 1.2 und 1.3?
Inhaltlich kann ich alles sehr gut nachvollziehen und es geht mir so wie Katrins vorheriger Kommentar...
Genau das ist die Schwierigkeit des ~i~"Siva Suutrasya~~. :)
- Ohne Kommentar und einen guten Durchblick im Tantrismus versteht man gar nichts. Drum habe ich so lange gebraucht den Text sinnvoll zu übersetzen. Ich denke da haben wir einige super spannende Diskussionen.
Schon die ersten Sätze sind sehr spannend, das Konzept der Malas. Zu verstehen, wie eine getrübte Sicht auf uns selbst, unser Erleben, Denken und Handeln bestimmt. Das lässt mich rückblickend viele Situationen im Leben nochmal besser verstehen. Es ist gut sie jetzt zu kennen und aufmerksamer zu werden, wenn sie auftauchen.
Ich glaube hier müsste es im ersten Abschnitt zu Anava Mala in der letzten Klammer ebenfalls Anava Mala heißen, oder?
Oh ja. Vielen Dank. Ich habe es schon verbessert. Aktualisiert sich übernacht. :)