SS 1.7–1.11: Turya in drei Zuständen
SS 1.7–1.11: Turya in drei Zuständen

Śiva Sūtra 1.7–1.11: Wachen, Traum und Tiefschlaf

Turya durchdringt Wachen, Traum und Tiefschlaf. Wer deren unterschiedliche Wissensformen erkennt, bleibt als bewusster Erfahrender in allen drei Zuständen frei.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Śiva Sūtra 1.7
जाग्रत्स्वप्नसुषुप्तभेदे तुर्याभोगसम्भवः ||1.7||
jāgrat-svapna-suṣupta-bhede turyābhoga-sambhavaḥ ||1.7|| Analyse ▾ Analyse ▴
jāgrat
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
wach
svapna
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
träumend, schlafend
suṣupta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
tiefer Schlaf
bhede
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
Bestimmung, Unterschied, Aufspaltung, Dualität
turya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
der vierte, der vierte Bewusstseinszustand
ābhoga
Tatpuruṣa-Kompositum Dativ
Substantiv Maskulin
Ausdehnung, Weite, Erfahrung
sambhavaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Ursprung, Ursache, Existenz, Sein
In der Unterscheidung von Wachen, Traum und Tiefschlaf (jāgrat-svapna-suṣupta-bhede | loc sg) [liegt] das Aufkommen der Erfahrung des vierten [Zustands] (turya-ābhoga-sambhavaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Erkenne Turya als die bewusste Gegenwart, die Wachen, Traum und Tiefschlaf durchzieht.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Klar ist: Der höchste Zustand ist kein vierter Raum neben den drei bekannten Zuständen.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Dieser Satz bildet den Übergang vom Śakticakra zur Zustandslehre: In der Unterscheidung von Wachen, Traum und Tiefschlaf kann die Erfahrung von Turya aufleuchten.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 1.8
ज्ञानं जाग्रत् ||1.8||
jñānaṃ jāgrat ||1.8|| Analyse ▾ Analyse ▴
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Erkenntnis
jāgrat
Nominativ Singular
jāgrat
Substantiv Neutrum
Wachen, Wachzustand
Wissen (jñānam | nom sg) [ist] Wachen (jāgrat | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Im Wachen richtet sich Wissen auf die gemeinsam erfahrene Außenwelt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Wachen meint hier die nach außen gerichtete Erkenntnis gemeinsamer Gegenstände.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Traum ist das von inneren Vorstellungen geformte Wissen, das nicht auf gemeinsam wahrgenommenen Gegenständen beruht.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 1.9
स्वप्नो विकल्पाः ||1.9||
svapno vikalpāḥ ||1.9|| Analyse ▾ Analyse ▴
svapnaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Traum
vikalpāḥ
Nominativ Plural
Substantiv Maskulin
Vorstellungen, begriffliche Konstruktionen
Traum (svapnaḥ | nom sg) [sind] Vorstellungen (vikalpāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Im Traum gestaltet die Vorstellung ihre eigene Erfahrungswelt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Traum bezeichnet nicht nur Schlafbilder, sondern jedes Erleben, das vor allem aus innerer Vorstellung entsteht.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Im Tiefschlaf bleiben Nicht-Unterscheidung und Māyā bestehen, obwohl die bestimmte Wahrnehmung ruht.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 1.10
अविवेको माया सौषुप्तम् ||1.10||
aviveko māyā sauṣuptam ||1.10|| Analyse ▾ Analyse ▴
avivekaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Nicht-Unterscheidung
māyā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Māyā, Verblendungskraft
sauṣuptam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Tiefschlafzustand
Nicht-Unterscheidung (avivekaḥ | nom sg) [ist] Māyā (māyā | nom sg); [dies ist] der Tiefschlafzustand (sauṣuptam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Im Tiefschlaf bleibt Bewusstsein von Nicht-Unterscheidung und Verblendung bedeckt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Tiefer Schlaf steht für das Dunkel, in dem weder klare Unterscheidung noch wahres Wiedererkennen da ist.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Wachen ist das gemeinsame, sinnlich geteilte Wissen.

Bhāskaras Śivasūtravārttika
Śiva Sūtra 1.11
त्रितयभोक्ता वीरेसः ||1.11||
tritaya-bhoktā vīresaḥ ||1.11|| Analyse ▾ Analyse ▴
tritaya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Dreiheit
bhoktā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Genießer, Erfahrender
vīresaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Substantiv Maskulin
Vīreśa, Herr der Helden
Der Erfahrende der Dreiheit (tritaya-bhoktā | nom sg) [ist] Vīreśa, der Herr der Helden (vīreśaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wer alle drei Zustände bewusst erfährt, bleibt ihr freier Zeuge und Herr.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt in der Vimarśinī: Wer das eigene Bewusstsein als Herr der drei Zustände erkennt, wird nicht mehr von Wachen, Traum und Schlaf verschluckt.

Kṣemarājas Śivasūtravimarśinī

In der Vārttika wird erläutert: Der Yogin erlebt die drei Zustände als einen einzigen Turya-Raum.

Bhāskaras Śivasūtravārttika

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

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