Wenn Dein Partner einige Minuten in Savasana verbracht hat und zur Ruhe gekommen ist, beginnst Du damit, Dich ihm achtsam zu nähern und Dich in einer für Dich bequemen Position neben ihn zu setzen. Beginne nun, noch ohne ihn zu berühren, zunächst einmal damit, einen Kontakt aufzubauen, indem Du ihn beobachtest. Nimm beispielsweise die Bewegung seines Atems wahr, die Ausrichtung seines Körpers oder seinen Gesichtsausdruck und fühle die Energie, die in diesem Moment in ihm fließt.
Nach einiger Zeit wirst Du anfangen, die Präsenz des Menschen neben Dir nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Lass Dir etwas Zeit und beobachte die Gefühle, die dabei in Dir entstehen. Gib Deinem Partner ebenfalls die Chance, für sich wahrzunehmen, welche Energie entsteht, nachdem Du Dich ihm genähert und damit einen gemeinsamen Raum geschaffen hast. Beobachte und fühle nach wie vor noch ohne den anderen zu berühren.
Wenn ihr einige Zeit so verbracht und einen ersten Kontakt aufgebaut habt, stellt sich vielleicht irgendwann das Gefühl ein, dass die Energie zwischen Dir und Deinem Partner frei fließt. Wenn das der Fall ist, dann lege sanft eine Hand auf die Person neben Dir. Wenn es sich für Dich gut und angemessen anfühlt, platziere Deine Hand vorsichtig auf Brustbein oder Bauch, wenn Du das Gefühl hast, damit zu weit in die Sphäre des anderen einzudringen, dann berühre ihn beispielsweise sanft am Arm. Lass Deine Hand anschließend liegen, schließe die Augen und atme ganz bewusst.
Ab hier gibt es keine Anweisung mehr, was genau Du tun solltest bzw. auch kein richtig oder falsch, ab jetzt ist Deine Intuition gefragt. Versuche, nur noch den Kontakt zu spüren und wahrzunehmen, welche Art der Kommunikation entsteht. Übe dabei keinen Druck aus und bewege die Hand auch nicht hin und her, sondern spüre ausschließlich die leichte Berührung. Bleibe für einige Zeit, etwa 5 bis 7 Minuten, in dieser Position.
Irgendwann wirst Du anfangen zu fühlen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den Kontakt wieder zu lösen. Beende die Berührung genau so langsam und achtsam wie Du sie begonnen hast. Das bedeutet: Löse vorsichtig Deine Hand und bleibe schweigend noch ein paar Minuten neben Deinem Partner sitzen. Gib ihm die Zeit, wieder aus Savasana zurück zu kommen und schließlich ebenfalls eine aufrecht sitzende Position einzunehmen.
Mein Vorschlag ist, dass ihr die Rollen schweigend und gleich im Anschluss tauscht und Du nun in der Rolle des Empfangenden bist
Nehmt euch hinterher einige Minuten Zeit und macht euch jeder für sich ein paar Notizen dazu, wie es sich angefühlt hat, in der Rolle des Gebenden und des Nehmenden zu sein. Tauscht auch anschließend darüber aus und teilt eure Erfahrungen. Wie lassen sich Teile dieser Praxis vielleicht sogar in unser tägliches Leben integrieren? Hat sich etwas in Deiner Einstellung zu Berührung und (non-verbaler) Kommunikation geändert?
Aus Sicht des Lehrers – wie kann ich in meinen Stunden von dieser Übung profitieren?
Als Yoga-Lehrerin arbeite ich persönlich sehr viel und gern mit meinen Händen. Als Yoga-Schülerin geht es mir dagegen häufig so, dass ich anfangs einen gewissen inneren Widerstand oder eine gewisse Skepsis habe, berührt zu werden. Dieses Gefühl verlässt mich erst, wenn ich den Eindruck habe, der Person, die mich berührt, vertrauen zu können. Die oben beschriebene Übung hat mir was das betrifft regelrecht die Augen geöffnet, weil sie mir die Gelegenheit gegeben hat, beide Rollen zu spüren und meine Erfahrungen hinterher mit einer andere Person bzw. einer kleinen Gruppe zu teilen.
Als Yoga-Lehrerin habe ich mich über die Zeit hinweg immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt, welche Rolle Berührungen bei Hilfestellungen spielen. Dabei bin ich letztendlich zu folgendem Ergebnis gekommen: Für mich sind aktive Adjustments wie ein Dialog, also eine Art Gespräch, das die Basis für die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler legt. Wenn ich mich einem Schüler nähere und zunächst nur neben ihm sitze oder stehe, baue ich einen ersten Kontakt auf. Wenn auf diese Weise ein sicherer Raum entstanden ist, kann eine erste Berührung erfolgen. Dabei ist es wichtig, den Schüler stets mit Respekt und Vorsicht zu berühren und vor allem auch zu spüren, wie die eigenen Hände auf den Körper des Schülers reagieren, wie sich der Kontakt anfühlt. Indem ich mir Zeit nehme, dem Schüler über meine Hände „zuzuhören“, löse ich mich von meinen eigenen Absichten und reagiere stattdessen auf das, was der Körper des Schülers sagt. Wenn der Schüler bei meinem anschließenden Adjustment ruhig und fließend weiteratmet und sein Körper organisch meiner Berührung folgt, dann weiß ich, dass wir uns wortlos verstanden haben. Wenn sich der Körper des Schülers dagegen unter meinen Händen versteift, sich der Atem verändert oder der Schüler sich gegen die durch meine Hände vorgegebene Richtung wehrt, dann liegt eine Art Meinungsverschiedenheit vor. In diesem Fall ist es meine Pflicht als Lehrer, der sich in den Raum des Schülers begeben hat, diesen „Kommentar“ zu respektieren und nicht zu versuchen, meine – wie auch immer wohlmeinende Absicht – weiter zu verfolgen. Denn letzten Endes geht es bei diesem wortlosen Dialog um den Körper des Schülers, nicht um meinen eigenen.
Praxis-Tipps für die Umsetzung im eigenen Unterricht:
1. Höre als erstes immer erst einmal nur zu. Berühre niemanden, bevor Du ein Gefühl dafür entwickelt hast, wie sich die betreffende Person an diesem Tag fühlt.
2. Gib keine Hilfestellung, bei der Deine eigene Absicht im Vordergrund steht. Versuche zu spüren, was der Körper des Schülers an diesem Tag braucht. Manchmal kann dies auch nur ein Gefühl der Sicherheit oder Geborgenheit sein, an einem anderen Tag vielleicht ein praktischer Tipp. Versuche immer das zu geben, was sich an diesem Tag angemessen und richtig anfühlt und wovon der Schüler am meisten profitiert.
3. Nimm die Reaktion des Schülers auf Deine Berührung wahr und passe Deine Hilfestellung entsprechend an. Nimm Dir die Zeit, Dich dem Schüler langsam zu nähern und seinen Raum auch genauso langsam wieder zu verlassen. Auf diese Weise vermittelst Du ein Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Respekt. Frage den Schüler, wie er sich fühlt, wenn Du die Reaktion nicht deuten kannst oder sich der Atem verändert – vergiss nicht, Körpersprache ist nur ein Kommunikationsmittel unter vielen!
Danke dem Schüler wortlos für das „Gespräch”, wenn Du Dich wieder von ihm entfernst.
Deine Haut begleitet Dich genau wie Dein Atem durch Dein ganzes Leben. Nimm Dir die Zeit, ein Gehör für ihre Einsichten und Weisheiten zu entwickeln!
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