Sabine: Sie selbst setzen in Ihren Therapien ebenfalls Yoga ein. Handelt es sich dabei eher um eine begleitende bzw. unterstützende Maßnahme oder ist der Yoga tatsächlich integraler Teil der Behandlung?
Joachim Pfahl: Sowohl als auch. Yoga kann durchaus eine eigenständige Therapie sein, etwa so wie sie im traumasensiblen Yoga (TSY ingradual®) heutzutage formuliert und definiert ist. Beim TSY ingradual® haben wir es uns zum Ziel gemacht, die heilsamen Wirkungen eines achtsamen, sensiblen Yoga für traumatisierte Menschen bekannt zu machen und zu nutzen. Durch Entspannung, die neben Kräftigung und Dehnung ein integraler Bestandteil im Yoga ist, können alte Wunden aufbrechen, die im Alltagsstress gut verdrängt wurden. Das Wissen um die im Körpergedächtnis gespeicherten Erfahrungen führte zu einer trauma-adaptierten Form, dem traumasensiblen Yoga. Im Wiederauftauchen verletzter Anteile während der Verlebendigung durch Yoga liegt die große Chance, verdrängte und dissoziierte Anteile wieder erfahrbar zu machen und diese durch einen achtsamen Umgang Schritt für Schritt zu integrieren. In dieser Form eingesetzt ist traumasensibles Yoga somit eine eigenständige Form der Therapie. Es kann wie gesagt aber auch eine begleitende Maßnahme sein, wie z. B. durch Yogalehrer, die über eine Fortbildung für traumasensibles Yoga qualifiziert sind, oder Trauma-Yoga-Therapeuten, die zusammen mit Psychologen oder Psychotherapeuten zusammenarbeiten.
Das Basisbuch zur Yoga-Traumatherapie mit vielen Übungen
erscheint am 8.4.17 bei Klett Cotta.
1. Aufl. 2017, 248 Seiten,
broschiert, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-89181-2
Sabine: Wie sind die Reaktionen, wenn Sie Yoga als Therapieform anbieten? Gerade in Umgebungen wie Gefängnissen oder Kasernen könnte ich mir gut vorstellen, dass die Bereitschaft, sich auf etwas so „Softes“ oder „Unmännliches“ einzulassen, zumindest am Anfang eher gering ist.
Joachim Pfahl: Das mag für den allerersten Anfang zutreffen. Doch besonders in geschlossenen Gesellschaften wie einem Gefängnis oder einer Kaserne wird auch im Umkehrschluss alles sehr schnell kommuniziert. Wenn der erste Soldat wieder schlafen kann oder die Panikattacken verschwinden, wird eine “ Mädchengymnastik“ schnell umtituliert und findet natürlichen Respekt. Das ist meine Erfahrung.
Sabine: Als Yogalehrer bewegen wir uns im Umgang mit traumatisierten Menschen in einem sehr sensiblen Bereich. Wie bzw. wo können wir lernen, wie wir Yoga hier angemessen einsetzen?
Joachim Pfahl: Wir sehen, dass die verschiedenen Pioniere, die Yoga und/oder Meditation bei Traumatisierten einsetzen, zu ähnlichen oder gleichen Ergebnissen kommen und diese zunehmend in Leitlinien für traumasensibles Yoga (im amerikanischen/englischen Sprachgebrauch „traumasensitive yoga“) definieren. Diese Sensibilisierung findet in Fortbildungen für traumasensibles Yoga statt sowie in der Ausbildung zum Trauma-Yoga-Therapeuten. Zudem wird das Thema bereits jetzt auch schon in generellen Yoga-Therapeuten-Ausbildungen und deren Fortbildungen berücksichtigt.
Sabine: Inzwischen ist es glücklicherweise so, dass Yoga längst nicht mehr automatisch in die „Esoterik-Ecke“ gedrängt wird und sich ein zunehmendes Bewusstsein bezüglich der potenziell balancierenden Wirkung durchsetzt. Von daher ist es auch durchaus vorstellbar, dass ein traumatisierter Mensch zu mir als Yogalehrer in eine Stunde kommt, mich aber über seine Vorgeschichte nicht informiert. Kann es hier zu Problemen kommen, gerade in Phasen wie der Tiefenentspannung? Wenn ja, was kann ich gegebenenfalls tun oder wie kann ich unter Umständen auch ohne Vorinformation erkennen, dass möglicherweise ein Trauma vorliegt?
Joachim Pfahl: Mit dem wachsenden Bewusstsein zu diesem Thema wird es sicher mehr und mehr auch ein Teil der Yogalehrer-Ausbildung werden, mit Trigger-Situationen in Yogaklassen umzugehen. Dies ist kein Therapie-Ersatz, sondern hier geht es darum, als Yogalehrer den Umgang mit einer Trigger-Situation zu lernen und entsprechend darauf reagieren zu können. Es würde zu weit gehen, an dieser Stelle genauer darauf einzugehen und es lässt sich auch kein einfaches Patent-Rezept geben, aber grundsätzlich lässt sich dieser Umgang durchaus lernen und dann auch sinnvoll und unterstützend in eigenen Yogastunden umsetzen.
Sabine: Vielen Dank für diesen spannenden ersten Einblick in die Einsatzmöglichkeiten von traumasensiblem Yoga in der Traumatherapie! Ich bin gespannt auf die weiteren Entwicklungen und Forschungsergebnisse aus diesem Bereich und hoffe, dass wir schon bald an dieser Stelle mehr darüber berichten können.
Mehr Informationen über Traumasensibles Yoga (TSY ingradual®) Aus- und Weiterbildungen:
http://www.traumasensiblesyoga.de
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