PYS 4.4–5: Geschaffene Cittas
PYS 4.4–5: Geschaffene Cittas

Yogaśāstra 4.4–5: Viele Cittas, eine Leitung

Der Yogin erschafft aus Asmitā mehrere Cittas für verschiedene Körper; ein einziges leitendes Citta koordiniert ihre unterschiedlichen Tätigkeiten.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.4
निर्माणचित्तान्यस्मितामात्रात् ||4||
nirmāṇa-cittāny asmitāmātrāt ||4|| Analyse ▾ Analyse ▴
nirmāṇa
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Neutrum
Erschaffung
cittāni
Nominativ Plural Neutrum
Substantiv Neutrum
Citta
asmitāmātrāt
Ablativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
allein aus dem Ich-Bewusstsein
Die [vom Yogin] geschaffenen Citta (nirmāṇa-cittāni | nom pl) [entstehen] allein aus Ichbewusstsein (asmitā-mātrāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Die vielen Rollen und Selbstbilder, die Du erschaffst, wachsen aus Deinem Gefühl von „Ich bin“ (asmitā). Sie helfen Dir im Leben, ohne Dein ganzes Wesen zu sein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Wenn ein Yogin viele Körper erschafft, bildet er die zugehörigen nirmāṇa-citta, indem er die bloße asmitā als ihre Ursache nimmt. Die geschaffenen Körper besitzen demnach jeweils ein Citta.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The minds in the productions (ensue) from mere egotism.
James R. Ballantyne - 1852
The created internal organs proceed from Self-consciousness alone.
Ganganatha Jha - 1907
Die [vom Yogin bei Vervielfältigung seines Leibes] geschaffenen Cittas entspringen nur aus seiner Ichwesenheit.
Paul Deussen - 1908
Created mind-stuffs may result from the sense-of-personality and from this alone.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.5
प्रवृत्तिभेदे प्रयोजकं चित्तमेकमनेकेषाम् ||5||
pravṛtti-bhede prayojakaṃ cittam ekam anekeṣām ||5|| Analyse ▾ Analyse ▴
pravṛtti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Tätigkeit
bhede
Lokativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
bei Verschiedenheit
prayojakam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
antreibend
cittam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Citta
ekam
Nominativ Singular Neutrum
Zahlwort
eines
anekeṣām
Genitiv Plural Neutrum
Adjektiv
von vielen
Bei Verschiedenheit der Tätigkeiten (pravṛtti-bhede | loc sg) ist ein einziges Citta (cittam ekam | nom sg) das antreibende [Citta] (prayojakam | nom sg n) der vielen [geschaffenen Citta] (anekeṣām | gen pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn viele Aufgaben, Rollen und Bedürfnisse zugleich Aufmerksamkeit fordern (pravṛtti-bheda), kann eine klare innere Ausrichtung sie verbinden (cittam ekam).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Damit die Tätigkeiten der vielen geschaffenen Citta einer Absicht folgen, erschafft der Yogin ein einziges Citta, das sie alle veranlasst. Von diesem leitenden Citta geht die Verschiedenheit ihrer Tätigkeiten (pravṛtti-bheda) aus.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
In different activities of (those numerous (minds) one mind (of the ascetic) is the moving cause.
James R. Ballantyne - 1852
In the diverse tendency of the many, the impelling internal organ is one.
Ganganatha Jha - 1907
Bei Verschiedenheit der Funktionen [dieser verschiedenen Leiber] ist das antreibende Cittam der vielen das eine [ursprüngliche Cittam].
Paul Deussen - 1908
While there is a variety of actions, the mind-stuff which impels the many is one.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
6 Nachrichten Ø

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K
Hallo,
die Aussage dieser Sutra (4) ist fast schon Trivial. Wir nehmen nicht mit den Sinnen, sondern mit dem Gehirn war. Die Sinne nehmen nur ein wildes unsortiertes Spektrum von Reizen, elektromagnetischen Wellen, akustischen Schwingungen etc. auf. Das Gehirn sortiert diese zu unserer Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist ein
"kultureller" Konsens sowie eine überlebenswichtige Anpassung an die Umwelt, er wird durch unsere Umwelt und unsere Gesellschaft geprägt. Darum hat eine indigener Amazonasbewohner eine andere Wahrnehmung (citta) und eine andere "Wirklichkeit" als ein New Yorker Börsenmakler. Weder der Eine noch der Andere könnte im Biotop des Anderen überleben, und keiner von Beiden nimmt die "ganze" Realität war (wenn es diese denn gibt!) :)
Das sich Bewußtwerden über diese Konstruktion von Wirklichkeit, über die "Beliebigkeit " unseres Wahrnehmungsraumes , ist nach meiner Auffassung ein wesentlicher Teil der yogischen "Technik". " Durch die Schaffung von anderen Wahrnehmungsräumen relativiere ich meine eigene Sicht auf die Welt und die Bindung an mein Ich", wäre auch eine schöne Interpretation der Sutra. Das Beenden und nicht nur das Ändern , Transformieren dieser "weltschaffenden Interpretation" ist dabei wohl das eigentliche Ziel....chitta vritti nirodhah. Welche Wirklichkeit dann wohl entsteht???????

Gruß
Kai
Hallo Kai,
wau. Ich hätte nie gedacht dass hier ein so spannender Austausch entsteht. Wau. Du fasst das so schön und klar zusammen. Vielen Dank.
Namaste und herzliche Grüße
Ronald
H
Mir ist beim Lesen dieses Sutraverses eine Parallele zu dem Experiment von Penfield -Anfang des 20. Jahrhunderts- eingefallen. Hier beschreibt er einen Versuch, es geht um einen Menschen mit Epilepsie, bei dem er mit einer Sonde die Großhirnrinde des Schläfenlappens mit elektronischen Strömen reizt. Der Patient ist dabei bei Bewußtsein. Hier macht Penfielt bahnbrechende Entdeckungen. Durch den Reiz werden Erinnerungen an Vergangenes wiedererlebt, die mit dem damals mit dem Ereignis in Verbindung stehenden Gefühls untrennbar verbunden aufgezeichnet sind. Und:
Der Patient lebte auf zwei Bewußtseinsebenen( chitta) gleichzeitig. Er wußte, dass er im Operationsraum lag und mit Penfield sprach und er sah gleichermaßen Harrison Baker, die Erinnerung, die ausgelöst worden war. Er war doppelt, indem er zur selben Zeit innerhalb des Erlebnisses und außerhalb war.
Für mich eine unglaubliche Entdeckung. Hat etwas zu tun mit der Möglichkeit, seinen Bewußtseinsraum durch Meditation zu verändern. Für mich stellt sich die Frage: Wie real ist die Realität wenn wir durch Veränderung von Hirnaktvität- ob nun durch Sonden oder Meditation- einen andere Realität wahrnehmen?
Hallo Heike,
in der Tat. Sehr spannend. Vielen Dank fürs Teilen. Heute würde der Versuch vermutlich durch keine Ethik Kommission mehr kommen. :)
Letztendlich wissen wir nie was Realität ist. Denn wir sehen ja nur ein Abbild der äußeren Welt in unserem Chitta. Ich finde das unheimlich beruhigend.
Danke dass Du mit mir diese Reise in's Yoga Sutra mitgehst. ... nächste Woche geht es weiter. :)
Namaste und herzliche Grüße
Ronald
Es ist so hilfreich, Schritt für Schritt durch die Sutras geleitet zu werden, vielen Dank dafür
Wau. Danke.
Ich freue mich, dass Du mit mir eintauchst. Jede Woche gehen wir einen Satz tiefer in die Philosophie Patanjalis. :)