PYS 4.18–21: Puruṣa erkennt das Citta
PYS 4.18–21: Puruṣa erkennt das Citta

Yogaśāstra 4.18–21: Citta ist nicht selbstleuchtend

Citta ist ein wandelbares, sichtbares Organ der Prakṛti, weder selbstleuchtend noch sein eigener letzter Erkenner. Der unveränderliche Puruṣa kennt stets alle seine Vṛtti.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.18
सदा ज्ञाताश्चित्तवृत्तयस्तत्प्रभोः पुरुषस्यापरिणामित्वात् ||18||
sadā jñātāś citta-vṛttayas tat-prabhoḥ puruṣasyāpariṇāmitvāt ||18|| Analyse ▾ Analyse ▴
sadā
Adverb
jederzeit
jñātāḥ
Nominativ Plural Feminin
Adjektiv
bekannt
citta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Citta
vṛttayaḥ
Nominativ Plural Feminin
Substantiv Feminin
Bewegungen
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dieses [Citta]
prabhoḥ
Genitiv Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Gebieter
puruṣasya
Genitiv Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Puruṣa
apariṇāmitvāt
Ablativ Singular Neutrum
Präfix
Adjektiv
Suffix
Unveränderlichkeit
Die Bewegungen des Citta (citta-vṛttayaḥ | nom pl) sind stets (sadā) bekannt (jñātāḥ | nom pl f), weil ihr Herr (tat-prabhoḥ | gen sg), der Puruṣa (puruṣasya | gen sg), unveränderlich ist (apariṇāmitvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen dürfen sich bewegen (citta-vṛtti). Die stille Gegenwart, die sie wahrnimmt, gibt diesem Wandel Raum (apariṇāmitva).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die Vṛttis des Citta sind ihrem Herrn, dem Puruṣa, stets bekannt. Würde auch Puruṣa sich wie Citta verändern, wären die Citta-Vṛttis für ihn wie äußere Gegenstände bald erkannt, bald unerkannt. Aus ihrer ständigen Bekanntheit erschließt das Bhāṣya die Unwandelbarkeit (apariṇāmitva) des Puruṣa.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The modifications of the mental states are always known, because the presiding spirit is not modified.
James R. Ballantyne - 1852
The functions of the mind are always known, for its presiding spirit is unmodifiable.
Ganganatha Jha - 1907
Die Funktionen des Cittam werden jederzeit erkannt, weil sein Gebieter, der Puruṣa, unwandelbar besteht.
Paul Deussen - 1908
Unintermittently the Master of that [mind-stuff] knows the fluctuations of mind-stuff [and thus] the Self undergoes-no-mutations.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.19
न तत्स्वाभासं दृश्यत्वात् ||19||
na tat svābhāsaṃ dṛśyatvāt ||19|| Analyse ▾ Analyse ▴
na
Partikel
nicht
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieser
svābhāsam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
selbstleuchtend
dṛśyatvāt
Ablativ Singular Neutrum
Adjektiv
Suffix
Sichtbarkeit
Dieses [Citta] (tat | nom sg n) ist nicht (na) selbstleuchtend (svābhāsam | nom sg n), weil es [als Gegenstand] wahrnehmbar ist (dṛśyatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Was Du in Deinem Wahrnehmungsraum (citta) beobachten kannst, muss Dich nicht bestimmen. Freundlicher Abstand schenkt Dir Wahlfreiheit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Weil Citta gesehen beziehungsweise erfasst wird (dṛśya), ist es nicht selbstleuchtend (svābhāsa), ebenso wenig wie Sinnesorgane und Sinnesgegenstände. Feuer ist kein Gegenbeispiel: Erhellung setzt die Verbindung eines Erhellenden mit einem zu Erhellenden voraus, nicht die Verbindung eines Dinges mit sich selbst. Dass Lebewesen ihre eigenen Buddhi-Regungen als „ich bin zornig“ oder „ich fürchte mich“ erfassen, bestätigt gerade die Erfassbarkeit des Citta.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
It is not self-illuminative inasmuch as it is cognisable.
James R. Ballantyne - 1852
It is not self-illuminative, since it is perceptible.
Ganganatha Jha - 1907
Das Cittam ist nicht selbst Licht, weil es nur Objekt ist.
Paul Deussen - 1908
It does not illumine itself, since it is an object-for-sight.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.20
एकसमये चोभयानवधारणम् ||20||
eka-samaye cobhayānavadhāraṇam ||20|| Analyse ▾ Analyse ▴
eka
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
eins
samaye
Lokativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Zeitpunkt
ca
Partikel
und
ubhaya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
beide
anavadhāraṇam
Nominativ Singular Neutrum
Präfix
Substantiv Neutrum
Nicht-Erfassen
Und (ca) zu ein und derselben Zeit (eka-samaye | loc sg) [gibt es] kein Erfassen beider [Formen: der des Citta selbst und der eines Gegenstands] (ubhayānavadhāraṇam | nom sg n).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Deine Aufmerksamkeit kann nicht alles im selben Augenblick (eka-samaya) erfassen. Gib dem Menschen, der Aufgabe oder der Empfindung vor Dir ungeteilten Raum.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

In einem einzigen Augenblick kann Citta nicht zugleich die eigene und eine fremde Form bestimmen. Damit weist das Bhāṣya die momentaristische Annahme zurück, dass ein und dasselbe Entstehen zugleich Vorgang und Vollzugsfaktor sei, und schließt eine gleichzeitige Selbsterhellung und Gegenstandserkenntnis des Citta aus.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Attention of two (objects) cannot take place simultaneously.
James R. Ballantyne - 1852
Two (objects) cannot be cognised at one and the same time.
Ganganatha Jha - 1907
Auch lässt sich nicht behaupten, daß es gleichzeitig beides [Subjekt und Objekt] sein könne.
Paul Deussen - 1908
And there cannot be a cognition of both [thinking-substance and thing] at the same time.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.21
चित्तान्तरदृश्ये बुद्धिबुद्धेरतिप्रसङ्गः स्मृतिसंकरश्च ||21||
cittāntara-dṛśye buddhi-buddher atiprasaṅgaḥ smṛti-saṃkaraś ca ||21|| Analyse ▾ Analyse ▴
citta
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Neutrum
Citta
antara
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
anderes
dṛśye
Lokativ Absolutus Singular Neutrum
Adjektiv
gesehen
buddhi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Erkenntnis
buddheḥ
Genitiv Singular Feminin
Substantiv Feminin
der Erkenntnis
atiprasaṅgaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
unendlicher Regress
smṛti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Erinnerung
saṃkaraḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Vermischung
ca
Partikel
und
Wenn [ein Citta] durch ein anderes Citta gesehen würde (cittāntara-dṛśye | loc absl sg), ergäbe sich ein unendlicher Regress (atiprasaṅgaḥ | nom sg) von Erkenntnis zu Erkenntnis (buddhi-buddheḥ | gen sg) und (ca) eine Vermischung der Erinnerung (smṛti-saṃkaraḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Du jeden Gedanken durch einen weiteren kontrollieren willst, gerätst Du in eine endlose Schleife (atiprasaṅga). Kehre zu Deinem Atem und zur unmittelbaren Erfahrung zurück.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Würde ein Citta durch ein weiteres Citta erkannt, müsste auch dieses durch ein anderes erkannt werden; daraus folgten ein unendlicher Regress und eine Vermischung der den vielen Erkenntnisakten entsprechenden Erinnerungen. Gegen solche buddhistischen Modelle setzen Sāṃkhya und Yoga den Puruṣa als Herrn und Erlebenden des Citta.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
If one perception be cognisable by another then there would be the further necessity of cognition. And a confusion of recollection also would take place.
James R. Ballantyne - 1852
(If) cognition by another mind (be postulated),—there would be an infinity of cognitions and also an admixture (or confusion) of memory.
Ganganatha Jha - 1907
Könnte ein fremdes Cittam Objekt [des eigenen Cittam] werden, so würde es eine Buddhi der Buddhi geben, woraus zuviel folgen würde [man müßte dann auch den Inhalt der fremden Buddhi kennen], auch würde eine Vermengung der beiderseitigen Erinnerungen die Folge sein.
Paul Deussen - 1908
If [one mind-stuff] were the object-for-sight for another, there would be an infinite regress from one thinking-substance to another thinking-substance as well as confusion of memory.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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