PYS 4.2–3: Wandel der Daseinsform
PYS 4.2–3: Wandel der Daseinsform

Yogaśāstra 4.2–3: Fülle der Prakṛti

Prakṛti ordnet Körper und Sinne zu einer anderen Daseinsform um. Äußere Ursachen beseitigen nur Hindernisse, wie ein Bauer einen Damm öffnet; sie erschaffen die Naturkräfte nicht.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.2
जात्यन्तरपरिणामः प्रकृत्यापूरात् ||2||
jāty-antara-pariṇāmaḥ prakṛty-āpūrāt ||2|| Analyse ▾ Analyse ▴
jāti
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Feminin
Geburt, Lebensform
antara
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Adjektiv
in eine andere
pariṇāmaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Umwandlung
prakṛti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Urnatur
āpūrāt
Ablativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
aus der Fülle
Die Umwandlung in eine andere Daseinsform (jāty-antara-pariṇāmaḥ | nom sg) [entsteht] aus der Fülle der Prakṛti (prakṛty-āpūrāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wandlung (pariṇāma) muss nicht gegen den Körper geschehen. Wenn Du Deine lebendige Natur (prakṛti) nährst, kann sich eine neue Möglichkeit von innen her entfalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Beim Wandel von Körper und Sinnesorganen in eine andere Geburtsart endet die frühere Umwandlung, und durch das Hinzutreten neuer Bestandteile entsteht die folgende. Die jeweiligen prakṛti von Körper und Sinnen unterstützen durch ihr „Auffüllen“ (āpūra) die ihnen entsprechenden Veränderungen, wobei sie dharma und Ähnliches als nimitta voraussetzen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The change into another class is from the supply of nature.
James R. Ballantyne - 1852
The transformation into another kind (results) from the transmutation of the material cause.
Ganganatha Jha - 1907
Dabei entspringt seine Umwandlung in eine andere Geburt [möglicherweise: in eine andere Kaste] aus einer Überfülle seiner eigenen Natur.
Paul Deussen - 1908
The mutation into another birth is the result of the filling-in of the evolving-cause.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.3
निमित्तमप्रयोजकं प्रकृतीनां वरणभेदस्तु ततः क्षेत्रिकवत् ||3||
nimittam aprayojakaṃ prakṛtīnāṃ varaṇa-bhedas tu tataḥ kṣetrikavat ||3|| Analyse ▾ Analyse ▴
nimittam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
äußere Ursache
aprayojakam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
nicht hervorbringend
prakṛtīnām
Genitiv Plural Feminin
Substantiv Feminin
der Kräfte der Prakṛti
varaṇa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Damm
bhedaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Durchbrechung
tu
Partikel
vielmehr
tatas
Adverb
daraus
kṣetrikavat
Substantiv Maskulin
Suffix
wie ein Bauer
Die äußere Ursache (nimittam | nom sg n) bringt die Kräfte der Prakṛti (prakṛtīnām | gen pl) nicht hervor (aprayojakam | nom sg n). Vielmehr (tu) [erfolgt] daraus (tataḥ) die Durchbrechung eines Dammes (varaṇa-bhedaḥ | nom sg), wie bei einem Bauern (kṣetrikavat).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Du musst Wandel nicht erzwingen. Löse ein Hindernis (varaṇa-bheda), damit Deine Kraft wie Wasser wieder fließen kann.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Ein nimitta wie dharma setzt die prakṛti nicht in Tätigkeit, sondern durchbricht nur ein Hindernis. Wie ein Bauer eine Begrenzung öffnet, worauf das Wasser von selbst fließt, beseitigt Dharma das entgegenstehende adharma; danach entfalten die Prakṛti ihre jeweiligen Veränderungen selbst. Umgekehrt kann Adharma Dharma hemmen und so eine unreine Umwandlung bedingen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The occasional is the non-efficient cause of natures thereby there is removal of obscurations, in the case of a husbandman (who removes impediments to the irrigation of his fields).
James R. Ballantyne - 1852
To the material causes, the instrument is non-efficient; from it (proceeds) the piercing of the covering,—as in the case of the husbandman.
Ganganatha Jha - 1907
Hingegen sind für die [schöpferisch sich betätigenden] Naturen [der Yogin's] ihr nimittam (ihre Werke in einem früheren Dasein) nicht das Bewirkende, doch kann es mitbehilflich sein zur Durchbrechung der Hindernisse, wie bei dem [das Feld bewässernden] Bauern.
Paul Deussen - 1908
The efficient cause gives no impulse to the evolving-causes but [the mutation] follows when the barrier [to the evolving-cause] is cut, as happens with the peasant.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
4 Nachrichten Ø

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neue Lebensform .......(jāti) ist] das nicht vorangegangene Handlung (nimitta) [des Yogin] impulsgebend (aprayojaka).

Würde das nicht eher eventuell „die vorangegangene Handlung (nimitta) ist nicht impulsgebend (aprayojaka)“ heißen?

Aber vielleicht verstehe ich das auch falsch....

Liebste Grüße
Ja wau. Vielen Dank. Da hat sich die deutsche Grammatik in der Tat verhäddert. Habe es gleich verbessert.
Danke für diese so nachvollziehbaren Übersetzungen! Ich habe länger über das Sutra 4.2 nachgedacht und auch andere Übersetzungen gelesen und finde es immer sehr spannend, in welche Richtung die Interpretationen gehen. Nun bin ich keine Sanskrit Gelehrte, aber da ihr eure Übersetzung so übersichtlich aufgeschlüsselt habt, lese ich "jāty-antara-parināmah prakrty-āpūrāt" folgendermaßen -

In der Mitte steht das Wort "parinamah" im Nom. Sg. Könnte es sein, dass der" Wandel" damit ganz bewusst an die (auch im Satzgefüge) zentrale Stelle gesetzt wurde?

"prakrty-apurat" durch die Fülle/Vervollkommnung der physischen Natur (= durch die fließenden Energien des Körpers)

Die Wandlung in eine andere Existenzform entsteht durch Strömen (der Energien) im Körper. Heute lese ich das als eine Möglichkeit, diesen Wandel in diesem Leben zu vollziehen, wobei ich hier durchaus in den älteren Übersetzungen die Interpretation von jati mit "Kaste" nachvollziehen kann.

Oder freier - Wenn die Energien im (physischen) Körper zum Fließen kommen, findet eine innere Verwandlung statt.

Der Zusammenhang mit dem Überfließen/Strömen wird für mich noch nachvollziehbarer beim Hinzuziehen von 4.3, wenn von den Bauern die Rede ist, der den Damm öffnet um so das Wasser zu nutzen, um seine Felder zu bewässern.

Ich habe es für mich selbst immer wieder erfahren - sobald die Energien im Körper nicht fließen, entsteht Krankheit. Es macht daher für mich Sinn, das Hilfswort "Energien" mit hineinzunehmen.

Das sind meine Gedanken hierzu :-)
Viele Grüße,
Julia
Hallo Julia,
wau. Vielen Dank für das Teilen Deiner super schönen Interpretation.
- Das ist genau das Kennzeichen eines "Weisheitstextes". Immer wieder wenn wir auf einen Satz schauen, dann entfaltet sich eine neue persönliche Bedeutung. Deine Gedanken inspirieren mich.
Viel Freude wünscht Dir
Ronald