PYS 4.12–14: Reale Gegenstände im Wandel
PYS 4.12–14: Reale Gegenstände im Wandel

Yogaśāstra 4.12–14: Vergangenheit und Zukunft

Vergangenheit und Zukunft bestehen als Zustände der Guṇa; die Wirklichkeit eines Gegenstands bleibt durch die Einheit seiner Wandlungen bestehen. Wandel macht die Welt nicht unwirklich.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.12
अतीतानागतं स्वरूपतो ऽस्त्यध्वभेदाद्धर्माणाम् ||12||
atītānāgataṃ svarūpato 'sty adhva-bhedād dharmāṇām ||12|| Analyse ▾ Analyse ▴
atīta
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
vergangen
anāgataṃ
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
zukünftig
svarūpataḥ
Ablativ
Substantiv Neutrum
Suffix
der eigenen Form nach
asti
3. Person Singular
Verbalwurzel
bestehen
adhvan
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Zeitphase
bhedāt
Ablativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Verschiedenheit
dharmāṇām
Genitiv Plural Maskulin
Substantiv Maskulin
Eigenschaften
Vergangenheit und Zukunft (atītānāgatam | nom sg n) bestehen (asti | 3p sg act pres) ihrer eigenen Form nach (svarūpataḥ) aufgrund der zeitlichen Verschiedenheit (adhva-bhedāt | abl sg) der Eigenschaften (dharmāṇām | gen pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Vergangenheit und Zukunft (atīta, anāgata) geben Deinem Leben Tiefe, aber sie müssen den gegenwärtigen Augenblick nicht besetzen. Würdige, was war, und öffne Dich für das, was werden kann.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Vergangenheit und Zukunft bestehen dem Bhāṣya zufolge svarūpataḥ: das Zukünftige in seiner noch zu manifestierenden, das Vergangene in seiner bereits erfahrenen Form. Nur die Gegenwart besitzt die gegenwärtig individualisierte Erscheinungsform; an einem Dharma-Träger sind die Eigenschaften nach den drei Zeitwegen (adhvan) geordnet. Ein nimitta macht daher eine bereits bestehende Wirkung gegenwärtig, statt etwas Neues aus Nichtsein zu erzeugen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
That which is past and that which is to come does exist in its proper nature, for the course of properties is different.
James R. Ballantyne - 1852
Past and Future exist in real nature, in consequence of the difference in the conditions of the properties.
Ganganatha Jha - 1907
Als vergangen und zukünftig besteht [das Cittam] seiner Natur nach [unverändert], und nur seine Äußerungen schlagen [je nach dem Lebenslaufe] verschiedene Wege ein.
Paul Deussen - 1908
Past and future as such exist; [therefore subconscious-impressions do not cease to be]. For the different time-forms belong to the external-aspects.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.13
ते व्यक्तसूक्ष्मा गुणात्मानः ||13||
te vyakta-sūkṣmā guṇātmānaḥ ||13|| Analyse ▾ Analyse ▴
te
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen dem
diese
vyakta
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
manifest, wahrnehmbar
sūkṣmāḥ
Nominativ Plural Maskulin
Adjektiv
subtil, fein
guṇa
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
die Guṇa
ātmānaḥ
Nominativ Plural Maskulin
Substantiv Maskulin
zum Wesen habend
Diese [Eigenschaften] (te | nom pl m) sind manifest oder subtil (vyakta-sūkṣmāḥ | nom pl m) und haben die Guṇa zum Wesen (guṇātmānaḥ | nom pl m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
In Dir wirken Sichtbares und noch kaum Wahrnehmbares (vyakta, sūkṣma). Auch leise Körperempfindungen und ungelebte Möglichkeiten gehören zu Deiner lebendigen Natur.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die gegenwärtigen Dharmas sind manifest, vergangene und zukünftige subtil und in der Gestalt der sechs aviśeṣa; alle sind besondere Anordnungen der guṇa. Ein zitiertes Lehrwort erklärt die höchste Form der Guṇa für der Wahrnehmung entzogen und das Sichtbare für „wie Māyā“ und äußerst geringfügig. Der Abschnitt behauptet daher weder eine vom Guṇa-Gefüge unabhängige Gegenstandssubstanz noch die bloße Irrealität dieses Gefüges.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
These individualised and subtile (objects) consist of qualities.
James R. Ballantyne - 1852
They are individualised (manifested) or subtile and consist in attributes.
Ganganatha Jha - 1907
Diese [Äußerungen] sind teils offenbar, teils latent, da sie aus den [das Cittam und seine Äußerungen bedingenden und gleichfalls teils offenbaren, teils latenten drei] Guṇas entspringen.
Paul Deussen - 1908
These [external-aspects with the three time-forms] are phenomenalized [individuals] or subtile [generic-forms] and their essence is the aspects (guṇa).
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.14
परिणामैकत्वाद्वस्तुतत्त्वम् ||14||
pariṇāmaikatvād vastu-tattvam ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
pariṇāma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Umwandlung
ekatvāt
Ablativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Einheit
vastu
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Objekt
tattvam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Wirklichkeit, Essenz
Die Essenz eines Gegenstandes (vastu-tattvam | nom sg) [beruht] auf der Einheit seiner Wandlungen (pariṇāmaikatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Du veränderst Dich und bleibst dennoch Du: In der Einheit Deiner Wandlungen (pariṇāmaikatva) wird ein roter Faden sichtbar. Deine Yogapraxis darf Wandel begleiten, statt einen Zustand festzuhalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die Gegenstandswirklichkeit (vastu-tattva) beruht auf einer einheitlichen Umwandlung der vielen Guṇa: Als Erkenntnisinstrumente bilden sie etwa ein Sinnesorgan, als Erkennbares einen Laut und in weiteren Anordnungen ein körperliches Ding. Das Bhāṣya weist den Schluss zurück, aus dem Zusammentreffen von Gegenstand und Erkenntnis oder aus gegenstandsloser Traumerkenntnis sei der Gegenstand lediglich eine Erkenntniskonstruktion. Der Gegenstand tritt vielmehr aus eigener Wirksamkeit hervor und kann nicht durch unbegründetes begriffliches Denken beseitigt werden.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Unity of thing results from unity of modification.
James R. Ballantyne - 1852
From unity of modification (results) the one-ness of a thing.
Ganganatha Jha - 1907
Aus der Einheit der Umwandlungen [welche die verschiedenen erkennenden Subjekte erfahren] ist zu schließen auf die Realität der objektiven Welt.
Paul Deussen - 1908
The that-ness of a thing is due to a singleness of mutation.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
5 Nachrichten

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toll gechantet - wenn das so weitergeht mit den neuen Inhalten ist das der Vorteil der ""Krise""
Ja und ist immer wieder schön auch hier hinten im vierten Kapitel zu chanten.
- Ich habe meinen Versprecher gleich im ersten Satz gehört. Ich muss aber nochmal reinhören. :)
Anfangs denke ich immer ,oh je ,das sind ja richtige Zungenbrecher ,aber um so öfter man es chantet um so einfacher wird es ;))))...vielen Dank lieber Ronald ,Chanten macht so viel Spass .Dank der Ausbildung mit dir und Melli ...
Bin mir mit dem Versprecher nicht sicher ,aber bei dem Wort Svarupato 'sty ?? ;)))))
Ganz herzliche Grüße aus dem Allgäu an euch alle
Manuela
Ich habe total Freude mich so auf meine Yogapraxis, Schreiben, Chanten, Meditieren und allem was dazu gehört konzentrieren zu können.
- Ein Versprecher ist mir dann aber gleich beim ersten Hören aufgefallen. Well. :)