PYS 4.9–11: Kontinuität der Saṃskāras
PYS 4.9–11: Kontinuität der Saṃskāras

Yogaśāstra 4.9–11: Über Geburt, Ort und Zeit

Erinnerung und Saṃskāra erhalten karmische Kontinuität über Geburten, Orte und Zeiten. Vāsanā sind aufgrund des Daseinswunsches anfangslos und enden mit ihren vier Stützen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.9
जातिदेशकालव्यवहितानामप्यानन्तर्यं स्मृतिसंस्कारयोरेकरूपत्वात् ||9||
jāti-deśa-kāla-vyavahitānām apy ānantaryaṃ smṛti-saṃskārayor ekarūpatvāt ||9|| Analyse ▾ Analyse ▴
jāti
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Geburt
deśa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Ort
kāla
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Zeit
vyavahitānām
Genitiv Plural Feminin
Präfix
Präfix
Adjektiv
getrennt
api
Partikel
auch wenn
ānantaryam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Kontinuität
smṛti
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Erinnerung
saṃskārayoḥ
Genitiv Dual Maskulin
Substantiv Maskulin
Prägung
ekarūpatvāt
Ablativ Singular Neutrum
Adjektiv
Suffix
Formgleichheit
Auch (api) bei durch Geburt, Ort und Zeit getrennten [Vāsanā] (jāti-deśa-kāla-vyavahitānām | gen pl) besteht Kontinuität (ānantaryam | nom sg), weil Erinnerung und Prägung (smṛti-saṃskārayoḥ | gen du) dieselbe Form haben (eka-rūpatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Erinnerungen und Prägungen (smṛti, saṃskāra) können Dich durch wechselnde Orte und Lebensphasen begleiten. Wiederkehrende Themen sind Einladungen, ihnen heute neu zu begegnen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Auch über weit getrennte Geburten, Orte und Zeiten bleibt die ursächliche Kontinuität erhalten, weil gleichartiges Karma die passende Vāsanā manifestiert. Erinnerung und saṃskāra entsprechen einander in ihrer Form: Erinnerung entsteht aus Saṃskāra und wiederum Saṃskāra aus Erinnerung; beide werden durch die Tätigkeit des karmāśaya manifest.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
There is an immediacy among those (impressions) though intercepted by bank (in the scale of being) place and time, because the recollection and the train of selfreproductive impression are identical (that is they are not different).
James R. Ballantyne - 1852
On account of the uniformity of memory and impressions (residua), there is sequence or uninterruptibility of relation, even after breaks by class, locality and time.
Ganganatha Jha - 1907
Obwohl [die Werke und ihre Residua] durch Geburt, Raum und Zeit voneinander getrennt sind, so besteht doch zwischen ihnen Kontinuität, weil die Residua [aus einem früheren Leben] identisch sind mit der [im gegenwärtigen Leben den Handlungen zugrunde liegenden, unbewussten] Rückerinnerung.
Paul Deussen - 1908
There is an uninterrupted-causal-relation [of subconscious-impressions], although remote in species and point-of-space and moment-of-time, by reason of the correspondence between memory and subliminal-impressions.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.10
तासामनादित्वं चाशिषो नित्यत्वात् ||10||
tāsām anāditvaṃ cāśiṣo nityatvāt ||10|| Analyse ▾ Analyse ▴
tāsām
Genitiv Plural Feminin
Pronomen dem
dieser
anāditvam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
anfanglos
ca
Partikel
und
āśiṣaḥ
Genitiv Singular Feminin
Substantiv Feminin
Wunsch
nityatvāt
Ablativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Beständigkeit
Und (ca) die Anfangslosigkeit (anāditvam | nom sg) dieser [Vāsanā] (tāsām | gen pl f) [folgt] aus der Beständigkeit (nityatvāt | abl sg) des Wunsches [fortzubestehen] (āśiṣaḥ | gen sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Der Wunsch zu leben und Dich zu entfalten (āśis) reicht tiefer als Deine bewusste Geschichte. Du darfst diese Lebenskraft achten, ohne jedem ihrer Impulse folgen zu müssen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die Anfangslosigkeit gilt hier ausdrücklich den vāsanā. Das Bhāṣya begründet sie mit dem beständigen Selbstwunsch „Möge ich nicht aufhören; möge ich sein“ und mit der Todesfurcht eines Neugeborenen, die es auf die Erinnerung an früheren Schmerz und Tod zurückführt. Das Citta ist demnach anfangslos von Vāsanās durchzogen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
They have eternity because the benediction is eternal.
James R. Ballantyne - 1852
Besides there is no beginning about them, because of the eternity of desire.
Ganganatha Jha - 1907
Diese [Residua der Werke] sind anfanglos, weil der [in ihnen sich bekundende] Wille von Ewigkeit her ist.
Paul Deussen - 1908
Furthermore the [subconscious-impressions] have no beginning [that we can set in time], since desire is permanent.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.11
हेतुफलाश्रयालम्बनैः संगृहीतत्वादेषाम् अभावे तदभावः ||11||
hetu-phalāśrayālambanaiḥ saṃgṛhītatvād eṣām abhāve tad-abhāvaḥ ||11|| Analyse ▾ Analyse ▴
hetu
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Ursache
phala
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Frucht
āśraya
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Substrat
ālambanaiḥ
Instrumentalis Plural Neutrum
Substantiv Neutrum
Objekt
saṃgṛhītatvāt
Ablativ Singular Neutrum
Adjektiv
Suffix
Zusammengehaltensein
eṣām
Genitiv Plural Feminin
Pronomen dem
dieser
abhāve
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Maskulin
Abwesenheit
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
jene
abhāvaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
Abwesenheit
Da [die Vāsanā] durch Ursache, Frucht, Substrat und Objekt (hetu-phalāśrayālambanaiḥ | ins pl) zusammengehalten werden (saṃgṛhītatvāt | abl sg), tritt bei der Abwesenheit (abhāve | loc absl sg) dieser [vier Stützen] (eṣām | gen pl) die Abwesenheit jener [Vāsanā] (tad-abhāvaḥ | nom sg) ein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gewohnheiten werden von Ursachen, Folgen, ihrem inneren Nährboden und ihrem Umfeld getragen (hetu, phala, āśraya, ālambana). Wenn Du diese Bedingungen veränderst, können auch fest gewordene Muster nachlassen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der hetu der Vāsanās ist der unter Führung der avidyā kreisende Zusammenhang von Dharma und Adharma, Lust und Schmerz, Rāga und Abneigung, Anstrengung und erneutem Karma. Phala ist das Ergebnis, auf das hin ein bereits vorhandener Dharma und Ähnliches gegenwärtig wirksam wird; āśraya ist das Citta, solange seine Aufgabe nicht erfüllt ist, und ālambana der Gegenstand, der eine bestimmte Vāsanā manifestiert. Fehlen diese vier, fehlen auch die von ihnen getragenen Vāsanās.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
As (they are) collected by cause, effect, substratum and support (therefore) on non-existence of these, non-existence of the impressions takes place.
James R. Ballantyne - 1852
Being held together by cause, effect, substratum and support, the absence of these would produce their absence.
Ganganatha Jha - 1907
Weil die Werkresidua sich zusammensetzen aus der Grundursache (dem Willen), ihrer Frucht (den Werken), ihrem Substrat (der Person) und ihrer Unterlage (den Objekten), so kommen, wo diese [vier Faktoren] fehlen, auch sie [die Werkresidua] in Wegfall.
Paul Deussen - 1908
Since [subconscious-impressions] are associated with cause and motive and mental-substrate and stimulus, if these cease to be, then those [subconscious-impressions] cease to be.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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