PYS 4.22-24: Citta als Spiegel
PYS 4.22-24: Citta als Spiegel

Yogaśāstra 4.22–24: Von Seher und Sichtbarem gefärbt

Citta nimmt die Form der Gegenstände und der Bewusstseinskraft an. Von Seher und Sichtbarem eingefärbt, dient dieses zusammengesetzte, von Vāsanā geprägte Spiegelorgan dem Puruṣa.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 4.22
चितेरप्रतिसंक्रमायास्तदाकारापत्तौ स्वबुद्धिसंवेदनम् ||22||
citer apratisaṃkramāyās tad-ākārāpattau sva-buddhi-saṃvedanam ||22|| Analyse ▾ Analyse ▴
citeḥ
Genitiv Singular Feminin
Substantiv Feminin
der Bewusstseinskraft
apratisaṃkramāyaḥ
Genitiv Singular Feminin
Adjektiv
nicht übergehend
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
deren
ākāra
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Form
āpattau
Lokativ Absolutus Singular Feminin
Substantiv Feminin
Annahme
sva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
eigen
buddhi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Buddhi
saṃvedanam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Bewusstwerden
Wenn [das Citta] die Form der nicht übergehenden Bewusstseinskraft [des Puruṣa] (citer apratisaṃkramāyāḥ | gen sg) annimmt (tad-ākārāpattau | loc absl sg), [entsteht] das Bewusstwerden der eigenen Buddhi (sva-buddhi-saṃvedanam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Dein Denken die Gestalt von Bewusstheit (citi) annimmt, kann es sich selbst erkennen. Nimm nicht nur wahr, was Du erlebst, sondern auch, dass Du gerade wahrnimmst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die Erlebenskraft (citi) ist unwandelbar und geht nicht tatsächlich in die wandelbare Buddhi über; sie folgt deren Vṛtti nur so, als ob sie überginge. Weil die Buddhi-Vṛtti den Einfluss des Bewusstseins angenommen hat, erscheint die Erkenntnis-Vṛtti von ihr ununterschieden. So wird die eigene Buddhi erfahren, ohne Puruṣa eine wirkliche Übertragung oder Veränderung zuzuschreiben.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The self-knowledge of cognition takes place when the intelligence (soul) which is non-transeunt acquires the shape of understanding.
James R. Ballantyne - 1852
The non-transitional spirit (obtains) the consciousness of its own cognition, when it takes its form.
Ganganatha Jha - 1907
Indem der unwandelbare Puruṣa in die Gestalt seines Cittam eingeht, gelangt er zum Bewusstsein seiner eigenen Buddhi.
Paul Deussen - 1908
The Intellect (citi) which unites not [with objects] is conscious of its own thinking-substance when [the mind-stuff] takes the form of that [thinking-substance by reflecting it].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.23
द्रष्टृदृश्योपरक्तं चित्तं सर्वार्थम् ||23||
draṣṭṛ-dṛśyoparaktaṃ cittaṃ sarvārtham ||23|| Analyse ▾ Analyse ▴
draṣṭṛ
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Seher
dṛśya
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
Sichtbares
uparaktam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
eingefärbt
cittam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Neutrum
Citta
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
alle
artham
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Maskulin
Gegenstände
Das Citta (cittam | nom sg n), vom Seher [dem Puruṣa] und vom Sichtbaren [dem Gegenstand] eingefärbt (draṣṭṛ-dṛśyoparaktam | nom sg n), [ist] auf alle Gegenstände gerichtet (sarvārtham | nom sg n).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Deine Wahrnehmung wird zugleich von Deinem Blick (draṣṭṛ) und von dem geprägt, was Dir begegnet (dṛśya). Lass in Gesprächen beides gelten: Deine Erfahrung und die Wirklichkeit des Gegenübers.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Vom Gegenstand und durch seine eigene Vṛtti vom Puruṣa eingefärbt, erscheint Citta wie ein Kristall zugleich als Objekt und Subjekt, unbewusst und bewusst; in diesem Sinn ist es sarvārtha. Diese Doppelerscheinung verleitet nach dem Bhāṣya dazu, Citta selbst für bewusst oder die gesamte Welt für bloßes Citta zu halten. In der Samādhi-Erkenntnis sind dagegen der gespiegelte Gegenstand, das Erkenntnisinstrument und der Puruṣa als Erkennender voneinander zu unterscheiden.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The thinking principle (i.e. intellect) tinged by the knower and the knowledge is the totality of objects.
James R. Ballantyne - 1852
The mind tinged by the seer and the seen, is (able to perceive) all objects.
Ganganatha Jha - 1907
Überfärbt von dem Puruṣa und dem Objekte, wird das Cittam fähig, alle Zwecke zu vollbringen.
Paul Deussen - 1908
Mind-stuff affected by the Seer and by the object-for-sight [leads to the perception of] all intended-objects.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 4.24
तदसंख्येयवासनाभिश्चित्रमपि परार्थं संहत्यकारित्वात् ||24||
tad asaṃkhyeya-vāsanābhiś citram api parārthaṃ saṃhatya-kāritvāt ||24|| Analyse ▾ Analyse ▴
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses [Citta]
asaṃkhyeya
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
unzählig
vāsanābhiḥ
Instrumentalis Plural Feminin
Substantiv Feminin
latente Eindrücke
citram
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
vielfarbig
api
Partikel
obwohl
parārtham
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
etwas anderes zum Zweck habend
saṃhatya
Absolutus
Präfix
Verbalwurzel
nachdem [es] sich zusammengefügt hat
kāritvāt
Ablativ Singular Neutrum
Adjektiv
Suffix
aufgrund des Tätigseins
Obwohl (api) dieses [Citta] (tat | nom sg n) durch unzählige Vāsanā (asaṃkhyeya-vāsanābhiḥ | ins pl) vielfarbig ist (citram | nom sg n), ist es für einen anderen [den Puruṣa] da (parārtham | nom sg n), weil es als Zusammengesetztes wirkt (saṃhatya-kāritvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Unzählige Erfahrungen hinterlassen Spuren (vāsanā) und machen Dein Erleben vielfarbig (citra). Keine einzelne Spur muss bestimmen, wer Du heute bist.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Obwohl Citta durch unzählige vāsanā vielfältig gestaltet ist, besteht es wegen seines zusammengesetzten Wirkens (saṃhatyakāritva) für einen anderen, wie ein Haus. Lust und Erkenntnis dienen nicht sich selbst, sondern dem besonderen, nicht zusammengesetzten Puruṣa zu bhoga und apavarga. Daher ist Citta parārtha und nicht selbst der Erlebende.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Though variegated by innumerable impressions (mental deposits) it exists for the sake of another because it operates in association.
James R. Ballantyne - 1852
Though variegated by innumerable impressions, it exists for another, because it operates by association.
Ganganatha Jha - 1907
Obgleich das Cittam mit unzähligen Eindrücken erfüllt ist, dient es doch nur einem fremden Zwecke, weil es als ein Aggregat wirkt.
Paul Deussen - 1908
This [mind-stuff], although diversified by countless subconscious-impressions, exists for the sake of another, because its nature is to produce [things as] combinations.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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