PJH 9: Im Kreislauf der Wiedergeburten
PJH 9: Im Kreislauf der Wiedergeburten

Wodurch offenbart sich die göttliche Bewusstheit als Individuum, das im Kreislauf der Wiedergeburten wandelt?

Sūtra 9 kennzeichnet die erste Hälfte der Reise auf dem Weg der Wiedererkennung der wahren Natur. Das universelle göttliche Bewusstsein ist in einem kontrahierten Zustand, sodass das Individuum an den als leidvoll angesehenen Wiedergeburtskreislauf gebunden ist. Von hier aus geht es mit Sūtra 10 in die andere Richtung zur Verwirklichung der wahren Natur weiter.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 9
चिद्वत्तच्छक्तिसंकोचान् मलावृतः संसारी ||9||
cidvat-tac-chakti-saṃkocān malāvṛtaḥ saṃsārī ||9|| Analyse ▾ Analyse ▴
cidvat
Substantiv Feminin
Suffix
wie bei Bewusstheit, der Bewusstheit entsprechend
tad
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen dem
jene, ihre
śakti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Kräfte, Energien
saṃkocāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
aufgrund der Kontraktion
mala
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Maskulin
durch Unreinheit, durch Begrenzung
āvṛtaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
verhüllt, bedeckt
saṃsārī
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
ein im Saṃsāra gebundenes Wesen
Aufgrund der Kontraktion jener bewusstheitsgleichen Kräfte (cidvat-tac-chakti-saṃkocāt | abl sg) [ist] der im Saṃsāra Gebundene (saṃsārī | nom sg) von Unreinheit bedeckt (mala-āvṛtaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Freiheit fühlt sich eng an, wenn Wollen, Wissen und Handeln sich zusammenziehen. Frage nicht nur, was Dir fehlt. Spüre auch, welche Kraft in der Begrenzung noch wirksam ist.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt, wie der unbegrenzte Wahrnehmende zum scheinbar begrenzten saṃsārin wird. Parameśvara lässt aus eigener Freiheit die Erfahrung ungeteilter Durchdringung zurücktreten und stützt sich auf die Erfahrung von Verschiedenheit. Seine Kräfte bleiben ihrem Wesen nach unbegrenzt, erscheinen nun aber zusammengezogen.

Die drei Unreinheiten
  • Die freie Willenskraft erscheint zusammengezogen als āṇava-mala: Man hält sich für unvollständig und klein.
  • Die Wissenskraft wird von Allwissenheit zu begrenztem Wissen. Über Intellekt und Sinnesorgane verengt sie sich bis zur Erfahrung getrennter Gegenstände. Das ist māyīya-mala.
  • Die Handlungskraft wird von Alltätigkeit zu begrenzter Fähigkeit. Über die Handlungsorgane verengt sie sich bis zum Vollzug guter und schlechter Handlungen. Das ist kārma-mala.
Die fünf Hüllen

Weitere universelle Kräfte erscheinen ebenfalls in begrenzter Gestalt:

  • Alltätigkeit als kalā, begrenzte Handlungsmacht,
  • Allwissenheit als vidyā, begrenztes Wissen,
  • Vollkommenheit als rāga, das Gefühl eines Mangels und daraus entstehendes Verlangen,
  • Ewigkeit als kāla, zeitliche Begrenzung,
  • Allgegenwart als niyati, Festlegung auf bestimmte Bedingungen.

Ein solcher Wahrnehmender ist für Kṣemarāja „arm an Kraft“ und heißt deshalb saṃsārin. Wenn sich seine eigenen Kräfte entfalten, zeigt sich, dass er Śiva ist.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
saṃkocān ] saṃkocāt WHS2017
Kritischer Apparat

Die Vorlage (WHS2017) bietet saṃkocāt malāvṛtaḥ mit auslautendem t. Für den verbundenen Text wird hier saṃkocān malāvṛtaḥ gelesen: Vor dem Nasallaut m wird der dentale Auslaut durch den entsprechenden Nasal n ersetzt (Pāṇini 8.4.45). Die Regel erlaubt diese Nasalassimilation; die Ausgabe übernimmt sie an dieser Stelle. Die zugrunde liegende Ablativform bleibt saṃkocāt; die Bedeutung ändert sich nicht.

Apparat-Kommentar
Infolge der Beschränkung der Shaktis dieses cit-artigen [Atman] wird er zum schmutzbedeckten Sansârin.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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