Kṣemarāja erklärt madhya, die „Mitte“, auf zwei miteinander verbundenen Ebenen.
Bewusstheit als innerste Mitte
Bewusstheit ist die innerste Wirklichkeit aller Wesen. Nichts könnte eine eigene Gestalt besitzen, ohne auf diesem Grund zu erscheinen. Im Zustand der Māyā verhüllt Bewusstheit diese zentrale Stellung, nimmt die Form der Lebensenergie an und steigt über Intellekt und Körper in die begrenzten Ebenen hinab. Dabei folgt sie den Bahnen zahlloser Energiekanäle (nāḍī).
Der mittlere Kanal
Unter diesen Kanälen besitzt die mittlere brahma-nāḍī eine besondere Stellung. Sie reicht nach Kṣemarāja von der Öffnung am Scheitel (brahma-randhra) bis zum unteren Ende. Wie von der Mittelrippe eines Palāśa-Blattes die Seitenadern ausgehen, stehen die übrigen Kanäle mit ihr in Verbindung. Alle Bewegungen entstehen aus dieser Mitte und kommen dort wieder zur Ruhe.
Beim gebundenen Wesen bleibt diese Mitte gleichsam geschlossen. Sie kann sich jedoch auf zwei Arten öffnen: Bewusstheit selbst entfaltet sich durch die zuvor beschriebenen Einsichten, oder der mittlere Kanal entfaltet sich durch die nun folgenden Methoden. In beiden Fällen wird die Freude des Bewusstseins erlangt. Daraus folgt die zuvor erklärte Befreiung zu Lebzeiten.
vikalpa-kṣaya-śakti-saṃkoca-vikāsa-vāha-cchedādy-anta-koṭi-nibhālanādaya ihopāyāḥ ||18|| Analyse ▾ Analyse ▴
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vikalpa
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der begrifflichen Konstruktionen | |
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kṣaya
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Auflösung, Abklingen | |
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śakti
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der Kraft, Energie | |
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saṃkoca
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Zusammenziehen, Kontraktion | |
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vikāsa
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Entfaltung, Ausdehnung | |
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vāha
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des Stroms, der Strömung | |
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cheda
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Unterbrechen, Abschneiden | |
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ādi
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Anfang | |
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anta
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und Ende, von Anfang und Ende | |
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koṭi
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an den Grenzpunkten, an den äußersten Punkten | |
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nibhālana
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genaues Betrachten, Beobachten | |
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ādayaḥ
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diese und weitere, beginnend mit diesen | |
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iha
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hier, in dieser Lehre | |
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upāyāḥ
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Methoden, Wege |
Kṣemarāja beschreibt mehrere Zugänge zur Entfaltung der Mitte. Die vorherige Betrachtung der fünf Handlungen gehört bereits dazu. Nun ergänzt er bewusst einfache Mittel (sukhopāya), welche die vollständige technische Beherrschung von Atemlenkung, Mudrā und Bandha nicht voraussetzen.
Er nennt viele Möglichkeiten, weil verschiedene Menschen durch verschiedene Zugänge eintreten. Die erste Methode steht ausdrücklich in der Pratyabhijñā-Lehre. Die weiteren begründet er mit der tantrischen Überlieferung.
1. Begriffe zur Ruhe bringen – vikalpa-kṣaya
Der Geist wird im „Herzen“, also im Zentrum der Bewusstheit, gesammelt. Der Übende beruhigt die begrifflichen Konstruktionen, die ihn daran hindern, in der eigenen Natur zu ruhen. Kṣemarāja beschreibt dies als ein Denken an nichts Bestimmtes.
Die Aufmerksamkeit wendet sich dem nichtbegrifflichen Erkennen zu und der eigenen Bewusstheit als Wahrnehmendem, die durch Körper und andere Erscheinungen nicht verunreinigt wird. Nach Kṣemarāja kann so in kurzer Zeit die Öffnung zum vierten Zustand (turya) und zum darüber hinausgehenden turyātīta entstehen.
2. Energie zusammenziehen – śakti-saṅkoca
Kṣemarāja nennt zwei Bewegungen:
- Die bereits durch die Sinnestore nach außen strömende Kraft wird nach innen gebogen. Ein von ihm zitierter Vers der Kaṭha-Upaniṣad beschreibt, wie der Weise den nach außen gerichteten Blick umkehrt und das innere Selbst sieht.
- Die ausgebreitete Kraft wird vollständig zurückgenommen – wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht oder wie sich im Augenblick des Erschreckens alle Energie ins Herz sammelt.
3. Energie entfalten – śakti-vikāsa
Die im Inneren verborgene Kraft breitet sich ohne schrittweise Folge gleichzeitig durch den ganzen Kreis der Wahrnehmungsorgane aus. In der Bhairavī-Mudrā bleibt die Aufmerksamkeit innen gegründet, während der Blick nach außen gerichtet ist.
Kṣemarājas Zitat zeichnet dafür ein klares Bild: Alle Kräfte des Sehens und der übrigen Sinne werden zugleich in ihre jeweiligen Gegenstände geworfen. Der Übende bleibt dabei in der Mitte wie eine goldene Säule und leuchtet als der eine Träger der ganzen Welt.
4. Zusammenziehen und Entfalten verbinden
Auch hierfür gibt Kṣemarāja zwei knappe, technisch formulierte Möglichkeiten:
- Eine feine Lebensenergie, die sich als Pulsieren im Nasenraum öffnet, durchdringt die Gegend der Brauen und führt zur aufsteigenden Kuṇḍalinī. Betrachtet werden ihr Ausströmen und ihr Zur-Ruhe-Kommen.
- Bei der unteren Kuṇḍalinī, die als „sechste Öffnung“ bezeichnet wird, wird die Kraft ausgerichtet. Die Versenkung richtet sich dann auf die Berührung der Bereiche ihres Grundes, ihrer Spitze und ihrer Mitte. Das angeführte Vijñānabhairava-Zitat verbindet diese Ebene in verschlüsselter Sprache mit Liebesfreude. Kṣemarāja erklärt dabei „Feuer“ als Ort der Kontraktion und den „Gift-Ort“ über die Bedeutung des Sich-Ausbreitens als Ort der Entfaltung.
Die Vṛtti setzt hier tantrische Unterweisung voraus und macht aus den knappen Angaben keine allgemein verständliche Schritt-für-Schritt-Technik.
5. Die Ströme unterbrechen – vāha-ccheda
Die nach links und rechts verlaufenden Ströme von prāṇa und apāna werden unterbrochen, nachdem die Kraft im Herzen zur Ruhe gekommen ist. Kṣemarāja verbindet dies mit der inneren Artikulation eines Konsonanten ohne Vokal, etwa k oder h. Ein zitiertes Bild lässt dadurch im Herzlotus einen Keim der Erkenntnis aufgehen, der selbst im gebundenen Wesen höchste Herrschaft hervorbringen kann.
6. Anfangs- und Endpunkt betrachten – ādyanta-koṭi-nibhālana
Der Anfangspunkt ist das Herz. Der Endpunkt ist der dvādaśānta, der Abschluss des Atemwegs „zwölf Fingerbreit“ oberhalb. Beim Aufsteigen und Zur-Ruhe-Kommen der Lebensenergie wird der Geist immer wieder an diesen beiden Punkten gesammelt.
Die zitierten Verse des Vijñānabhairava verbinden damit zwei Formen: die Sammlung im Raum des Herzens, als säße man im Inneren einer geschlossenen Lotosblüte, und die wiederholte Ausrichtung auf den dvādaśānta in jeder Situation.
Weitere von Kṣemarāja einbezogene Mittel
Das Wort „und so weiter“ im Sūtra öffnet den Text für verwandte Zugänge:
- Die Phase des Aufgehens beachten (
unmeṣa-daśā-niṣevaṇa): Das erste Aufleuchten einer neuen Wahrnehmung oder Bewegung wird als Wirken der Bewusstseinskraft erkannt. - Einen schönen Gegenstand auskosten (
ramaṇīya-viṣaya-carvaṇā): Essen, Trinken, Gesang oder eine andere erfreuliche Wahrnehmung wird so aufgenommen, dass sich ihre Fülle öffnet. Wo der Geist echte Freude findet und dort gesammelt bleibt, kann nach den zitierten Versen höchste Freude aufleuchten. - Das eigene Selbst als von Freude erfüllt betrachten (
ānanda-pūrṇa-svātma-bhāvanā): Kṣemarāja nennt dies als Beispiel für weitere, entsprechend abzuleitende Mittel.
Alle diese Zugänge dienen demselben Ziel: Die verschlossene Mitte soll sich öffnen, sodass Bewusstheit nicht nur als Hintergrund gedacht, sondern in ihrer eigenen Freude erfahren wird.
[1.] Schwinden des Vikalpa,
[2.] Zusammenziehung und Entfaltung der Shakti,
[3.] Abschneiden der [beiden] Vâhas,
[4.] Betrachten der Spitze des Anfangs und der des Endes und andere.
samādhi-saṃskāravati vyutthāne bhūyo bhūyaḥ cid-aikyāmarśān nityodita-samādhi-lābhaḥ ||19|| Analyse ▾ Analyse ▴
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samādhi
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der Versenkung, des Samādhi | |
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saṃskāravati
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von einer Prägung erfüllt | |
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vyutthāne
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im wieder hervorgetretenen Alltagszustand | |
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bhūyaḥ
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wieder, aufs Neue | |
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bhūyaḥ
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wieder, immer wieder | |
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cit
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mit der Bewusstheit | |
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aikya
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des Einsseins | |
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āmarśāt
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durch das wiederholte Erfassen, aufgrund der inneren Berührung | |
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nitya
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beständig, immer gegenwärtig | |
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udita
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aufgegangen, entstanden | |
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samādhi
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der Versenkung, des Samādhi | |
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lābhaḥ
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Erlangung, Gewinnen |
Die Entfaltung der Mitte führt zur Freude des Bewusstseins. Für den höchsten Yogin ist diese Erfahrung samādhi, auch samāveśa oder samāpatti genannt. Kṣemarāja erklärt nun, wie daraus ein immer neu aufleuchtender Samādhi (nityodita-samādhi) wird.
Dabei beschreibt er zwei miteinander verbundene Formen der Sammlung:
- Nimīlana-samādhi bezeichnet die nach innen gerichtete Sammlung während der Meditation. Diese Erfahrung hinterlässt Prägungen (
saṃskāra). - Nityodita-samādhi bezeichnet die Sammlung, die auch im Alltag immer wieder aufleuchtet. Die Prägungen aus dem
nimīlana-samādhiwirken im nach außen gerichteten Zustand weiter. Indem der Yogin immer wieder die Einheit mit Bewusstheit (citi) berührt, bleibt diese Erfahrung auch im Alltag gegenwärtig.
Nach tiefer Sammlung trägt der Yogin deren Geschmack und Prägung in den wieder nach außen gerichteten Zustand. Kṣemarāja vergleicht ihn mit einem freudig Berauschten. Die Vielfalt der Dinge sieht er wie ein kleines Herbstwölkchen, das sich im Himmel des Bewusstseins auflöst. Indem er sich wieder und wieder nach innen wendet und die Einheit mit Bewusstheit berührt, bleibt auch das gewöhnlich „Heraustreten“ genannte Erleben von Samādhi durchdrungen.
Krama-Mudrā: innen und außen als eine Bewegung
Dieses Zusammenspiel von innerer Sammlung und äußerem Erleben erläutert Kṣemarāja als krama-mudrā. Sie verbindet beide Richtungen:
- Äußere Gegenstände werden im Vorgang des „Verschlingens“ in die höchste Bewusstheit aufgenommen.
- Aus der innerlich erkannten Bewusstseinskraft tritt die äußere Welt wieder hervor – nun als verdichtete Erscheinung desselben Bewusstseins.
So bleibt der Yogin selbst beim Umgang mit Sinnesgegenständen in die höchste Kraft eingetaucht. Innen und außen werden nicht vermischt, aber als zwei Bewegungen derselben Bewusstheit erkannt.
Kṣemarāja erklärt auch den Namen. Mudrā schenkt Freude, löst die Fesseln und „versiegelt“ die Welt in der inneren vierten Bewusstseinsstufe. Krama, Abfolge, heißt sie, weil in ihr Schöpfung, Erhaltung und Zurückziehen in Folge erscheinen und zugleich als eine Bewusstseinsbewegung erkannt werden.
Illustrationen: KI-generiert.
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