PJH 12-14: Fünf Handlungen verstehen
PJH 12-14: Fünf Handlungen verstehen

Was geschieht, solange wir unsere eigene Urheberschaft nicht erkennen?

Was passiert, wenn wir noch nicht verstehen, dass unser Selbst diese fünf Taten stets durchführt? Wie täuschen uns dann die Kräfte des universellen göttlichen Bewusstseins? Was passiert mit unserem Geist, wenn wir begreifen, dass wir selbst in jedem Moment die fünf Handlungen durchführen? Und was hat das Bewusstsein mit Feuer und Glut zu tun? Antworten auf diese Fragen finden wir in den Sūtras 12 bis 14 mit ihren Kommentaren.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 12
तदपरिज्ञाने स्वशक्तिभिर्व्यामोहितता संसारित्वम् ||12||
tad-aparijñāne sva-śaktibhir vyāmohitatā saṃsāritvam ||12|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dessen, davon
aparijñāne
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
bei Nicht-Erkennen, in Unkenntnis
sva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
eigen
śaktibhiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Feminin
durch die eigenen Kräfte
vyāmohitatā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Verwirrtheit, Getäuschtsein
saṃsāritvam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Gebundensein im Saṃsāra
Bei Nicht-Erkennen dessen (tad-aparijñāne | loc sg) [bedeutet] das Getäuschtsein (vyāmohitatā | nom sg) durch die eigenen Kräfte (sva-śaktibhiḥ | ins pl) Gebundensein im Saṃsāra (saṃsāritvam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nicht Deine Kräfte an sich binden Dich. Bindend wird, dass Du sie nicht als eigene Bewegung erkennst. Wenn ein Gedanke oder Gefühl Dich überwältigt, frage: Welche Fähigkeit zeigt sich hier in verengter Form?
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Nichterkennen der eigenen fünf Handlungen ist für Kṣemarāja keine bloße Wissenslücke. Es bedeutet, von den eigenen Kräften verwirrt zu werden. Zweifel aus Alltag und Gelehrsamkeit wirken dann wie eingetriebene Pflöcke. Weil die durch śaktipāta mögliche Entfaltung der eigenen Kraft noch nicht aufgeleuchtet ist, erlebt sich Bewusstheit als saṃsārin.

Kṣemarāja erklärt diese Selbstverwirrung aus drei Perspektiven.

1. Die Kraft der Sprache und des Denkens

Die höchste Sprachkraft (parā-vāk) ist nicht vom Licht des Bewusstseins getrennt. Sie ist der immer gegenwärtige große Mantra, die volle Ich-Gewissheit, und enthält den ganzen Kreis der Kräfte von a bis kṣa. Über die Stufen paśyantī, madhyamā und die weiter entfaltete Sprache lässt sie die Ebene des Wahrnehmenden erscheinen.

Wenn diese Sprachkraft ihre höchste Gestalt nicht offenbart, erzeugt sie im durch Māyā begrenzten Wahrnehmenden in jedem Augenblick neue begriffliche Konstruktionen (vikalpa). Zugleich lässt sie selbst den reinen, nichtbegrifflichen Grund nur verhüllt erscheinen.

Die mit den Lauten verbundenen Göttinnen können in zwei Richtungen wirken:

  • Im gebundenen Zustand erschaffen und erhalten sie die Erfahrung von Verschiedenheit. Die Erfahrung der Nicht-Verschiedenheit ziehen sie zurück. So wird der Mensch zum Gefäß begrenzter Vorstellungen.
  • Im Zustand des Herrn ziehen sie die Verschiedenheit zurück und lassen Nicht-Verschiedenheit entstehen und bestehen. Indem die begrenzten Vorstellungen allmählich abnehmen, öffnet sich der weite nichtbegriffliche Grund der Bhairava-Mudrā. Auch Gedanken können dann als „reine Vorstellungskraft“ auftreten: etwa in der Einsicht, die ganze Entfaltung sei die eigene Gestalt des universellen Selbst.
2. Vāmeśvarī und die vier Kreise der Göttinnen

Dieselbe Bewusstseinskraft heißt Vāmeśvarī, weil sie die Welt aus sich hervorgehen lässt und im saṃsāra eine der Freiheit entgegengesetzte Bewegung annimmt. Sie erscheint als vier Kreise:

  • Khecarī betrifft den Wahrnehmenden und seine Fähigkeit zu handeln.
  • Gocarī wirkt als inneres Organ – als Intellekt, Ich-Bildung und Denken.
  • Dikcarī wirkt als nach außen gerichtete Sinneswahrnehmung.
  • Bhūcarī erscheint als die Welt der wahrgenommenen Gegenstände.

Im gebundenen Zustand verdecken diese Kräfte ihre eigene Weite. Begrenzte Urheberschaft verbirgt die Freiheit des Bewusstseinsraums. Das innere Organ entscheidet auf Trennung hin. Die Sinne nehmen Unterschiede wahr. Gegenstände erscheinen ringsum als voneinander abgegrenzt und verdecken ihre Zugehörigkeit zum universellen Selbst.

Im Zustand des Herrn kehrt sich die Wirkung um. Khecarī offenbart umfassende Urheberschaft. Gocarī lässt die Nicht-Verschiedenheit erkennen. Dikcarī nimmt sie wahr. Bhūcarī zeigt die Gegenstände wie Glieder des eigenen Körpers. So können dieselben Kräfte je nach Erkenntnis Befreiung oder Bindung bringen.

3. Lebenskräfte und Bewusstseinszustände

Die eine Herrschaftskraft (aiśvarya-śakti) des Bewusstseins ist ihrem Wesen nach lebendige Urheberschaft. Im gebundenen Zustand verbirgt sie sich durch drei Gruppen begrenzter Erfahrung:

  • prāṇa, apāna und samāna,
  • Wachen, Traum und Tiefschlaf,
  • Körper, Lebensenergie und den subtilen Körper (puryaṣṭaka).

Wenn dagegen aus dem mittleren Bereich udāna aufsteigt und die alles durchdringende Kraft vyāna aufleuchtet, öffnen sich der vierte Zustand (turya) und der über den vierten hinausgehende Zustand (turyātīta). Beide sind von Bewusstsein und Freude erfüllt. Dann ist auch im verkörperten Leben der Zustand des Herrn und damit jīvanmukti möglich.

Begrenzung ist nicht das letzte Problem

Kṣemarāja verbindet diese Erklärung mit dem neunten Sūtra. Dort wurde der saṃsārin aus der metaphysischen Kontraktion seiner Kräfte erklärt. Hier zeigt er dieselbe Bindung als Verwirrung durch diese Kräfte im konkreten Menschen.

Entscheidend ist deshalb nicht, dass Körper, Atem oder begrenzte Kräfte vollständig verschwinden. Wer durch sie nicht mehr über die eigene Natur getäuscht wird, ist nach der Überlieferung „der höchste Herr in einem menschlichen Körper“. Kṣemarāja schließt sogar Körper und Töpfe ein: Wer sie als aus allen 36 Prinzipien bestehende Gestalten Śivas erkennt, kann durch diese Einsicht Vollendung erlangen.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
„Sansârin-sein bedeutet Irregeleitetsein durch die eigenen Shaktis in der Unkenntnis jener“ [Urheberschaft des fünffachen Prozesses].
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 13
तत्परिज्ञाने चित्तमेवान्तर्मुखीभावेन चेतनपदाध्यारोहाच्चितिः ||13||
tat-parijñāne cittam evāntar-mukhī-bhāvena cetana-padādhyārohāc citiḥ ||13|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dessen, davon
parijñāne
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
beim vollständigen Erkennen
cittam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
der Geist, das individuelle Bewusstsein
eva
Partikel
selbst, eben
antar
Karmadhāraya-Kompositum
Adverb
nach innen, im Inneren
mukhī
Wortbildung
Substantiv Neutrum
ī
Suffix
nach innen gerichtet
bhāvena
Instrumentalis Singular
Substantiv Maskulin
durch den Zustand, durch das Werden
cetana
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des bewussten Wesens
pada
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Neutrum
zur Stufe, in den Zustand
adhyārohāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
aufgrund des Aufsteigens
citiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
universelle Bewusstheit
Beim vollständigen Erkennen dessen (tat-parijñāne | loc sg) [wird] der Geist (cittam | nom sg) selbst (eva) durch sein Nach-innen-Gerichtetsein (antar-mukhī-bhāvena | ins sg) und aufgrund des Aufstiegs zur Stufe des bewussten Wesens (cetana-pada-adhyārohāt | abl sg) [zur] Bewusstheit (citiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Der Weg zurück beginnt, wenn Aufmerksamkeit nicht nur nach außen greift. Wende Dich dem Wahrnehmen selbst zu und entdecke im Geist den offenen Grund der Bewusstheit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das dreizehnte Sūtra formuliert die Gegenbewegung zum zwölften. Wenn der Mensch die eigene Urheberschaft an den fünf Handlungen vollständig erkennt, fällt die Unkenntnis als Ursache der Täuschung weg. Mit ihr endet die Verwirrung durch die eigenen Kräfte, und die ursprüngliche Freiheit (svātantrya) tritt hervor.

Der zuvor erklärte Geist (citta) gibt dann seine nach außen gerichtete, zusammenziehende Tendenz auf. Durch die Wendung nach innen steigt er zur Stufe des bewussten Wahrnehmenden (cetana) auf. Indem er die verschiedenen Wahrnehmerstufen durchläuft, schmilzt auch der Rest der Kontraktion. So wird der Geist nicht in etwas Fremdes verwandelt. Er gelangt in seine eigene, aus Bewusstheit bestehende höchste Gestalt zurück: citi.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
In der vollen Erkenntnis derselben wird das Citta dadurch, dass es sich vermöge seines Nach-innen-gerichtetseins zur Stufe des Cetana erhebt, zur Citi.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 14
चितिवह्निरवरोहपदे छन्नो ऽपि मात्रया मेयेन्धनं प्लुष्यति ||14||
citi-vahnir avaroha-pade channo 'pi mātrayā meyendhanaṃ pluṣyati ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
citi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der universellen Bewusstheit
vahniḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Feuer
avaroha
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Herabsteigens, der Kontraktion
pade
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
auf der Stufe, im Zustand
channaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
verhüllt, verdeckt
api
Partikel
obwohl, auch
mātrayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
mit einem kleinen Anteil, teilweise
meya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
des Erkennbaren, des Wahrnehmungsobjekts
indhanam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Brennstoff
pluṣyati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
es verbrennt, versengt
Das Feuer der Bewusstheit (citi-vahniḥ | nom sg), obwohl (api) auf der Stufe des Herabsteigens (avaroha-pade | loc sg) verhüllt (channaḥ | nom sg m ppp), versengt (pluṣyati | 3p sg act pres) teilweise (mātrayā | ins sg) den Brennstoff des Erkennbaren (meya-indhanam | acc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Auch unter Müdigkeit, Enge oder Gewohnheit glimmt das Feuer der Bewusstheit. Jede Erfahrung wird bereits aufgenommen – vielleicht noch nicht vollständig, aber genug, um einen Zugang zu öffnen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja greift einen Einwand auf: Wenn die höchste Bewusstseinskraft alle Unterschiede in sich aufnimmt, müsste sie das nicht auch im Zustand der Māyā tun – so wie die Sonne selbst hinter Wolken Dinge erhellt?

Seine Antwort ist das Bild vom Feuer unter der Asche. Bewusstheit ist Feuer, weil sie die Welt „verschlingt“, also Wahrgenommenes in sich aufnimmt. Auch im begrenzten Wahrnehmenden bleibt diese Kraft wirksam. Eine Erscheinung wie Blau oder Freude wird erkannt und dadurch Teil des Bewusstseins.

Sie wird jedoch nur „teilweise“ verbrannt. Ein Rest bleibt als Eindruck (saṃskāra) bestehen und kann die Erscheinung später erneut hervorbringen. Darum ist das Aufnehmen im gewöhnlichen Erleben noch nicht dasselbe wie die restlose Integration in die Fülle. Dass grundsätzlich jeder Wahrnehmende Erfahrungen in Bewusstsein aufnimmt, ist für Kṣemarāja schon durch die eigene Erfahrung erwiesen.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
avaroha-pade ] āroha-pade KSTS1911
Kritischer Apparat

KSTS1911 liest āroha-pade („auf der Stufe des Aufstiegs“) statt avaroha-pade („auf der Stufe des Herabsteigens“). Beide Formen sind grammatisch regulär; da das Sūtra Prosa ist, gibt das Metrum kein Entscheidungskriterium. Die Richtungsänderung berührt jedoch den Sinn deutlich. Kṣemarājas Vṛtti bindet avaroha-pade unmittelbar an māyā-pramātṛtāyām, „im Zustand des Māyā-Wahrnehmenden“: Selbst dort bleibt das Feuer der Bewusstheit wirksam, obwohl es wie unter Asche verhüllt ist. Diese kontextuelle Erklärung stützt die Basislesart avaroha-pade, der die Arbeitsübersetzung folgt.

Apparat-Kommentar
Wenn das Feuer der Citi auf die [tiefere] Stufe herabsteigt, verbrennt es, trotz seiner Verhüllung, in gewissem Masse den Brennstoff des Erkenntnisobjekts.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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