tad-aparijñāne sva-śaktibhir vyāmohitatā saṃsāritvam ||12|| Analyse ▾ Analyse ▴
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tad
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dessen, davon | |
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aparijñāne
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bei Nicht-Erkennen, in Unkenntnis | |
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sva
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eigen | |
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śaktibhiḥ
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durch die eigenen Kräfte | |
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vyāmohitatā
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Verwirrtheit, Getäuschtsein | |
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saṃsāritvam
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Gebundensein im Saṃsāra |
Das Nichterkennen der eigenen fünf Handlungen ist für Kṣemarāja keine bloße Wissenslücke. Es bedeutet, von den eigenen Kräften verwirrt zu werden. Zweifel aus Alltag und Gelehrsamkeit wirken dann wie eingetriebene Pflöcke. Weil die durch śaktipāta mögliche Entfaltung der eigenen Kraft noch nicht aufgeleuchtet ist, erlebt sich Bewusstheit als saṃsārin.
Kṣemarāja erklärt diese Selbstverwirrung aus drei Perspektiven.
1. Die Kraft der Sprache und des Denkens
Die höchste Sprachkraft (parā-vāk) ist nicht vom Licht des Bewusstseins getrennt. Sie ist der immer gegenwärtige große Mantra, die volle Ich-Gewissheit, und enthält den ganzen Kreis der Kräfte von a bis kṣa. Über die Stufen paśyantī, madhyamā und die weiter entfaltete Sprache lässt sie die Ebene des Wahrnehmenden erscheinen.
Wenn diese Sprachkraft ihre höchste Gestalt nicht offenbart, erzeugt sie im durch Māyā begrenzten Wahrnehmenden in jedem Augenblick neue begriffliche Konstruktionen (vikalpa). Zugleich lässt sie selbst den reinen, nichtbegrifflichen Grund nur verhüllt erscheinen.
Die mit den Lauten verbundenen Göttinnen können in zwei Richtungen wirken:
- Im gebundenen Zustand erschaffen und erhalten sie die Erfahrung von Verschiedenheit. Die Erfahrung der Nicht-Verschiedenheit ziehen sie zurück. So wird der Mensch zum Gefäß begrenzter Vorstellungen.
- Im Zustand des Herrn ziehen sie die Verschiedenheit zurück und lassen Nicht-Verschiedenheit entstehen und bestehen. Indem die begrenzten Vorstellungen allmählich abnehmen, öffnet sich der weite nichtbegriffliche Grund der Bhairava-Mudrā. Auch Gedanken können dann als „reine Vorstellungskraft“ auftreten: etwa in der Einsicht, die ganze Entfaltung sei die eigene Gestalt des universellen Selbst.
2. Vāmeśvarī und die vier Kreise der Göttinnen
Dieselbe Bewusstseinskraft heißt Vāmeśvarī, weil sie die Welt aus sich hervorgehen lässt und im saṃsāra eine der Freiheit entgegengesetzte Bewegung annimmt. Sie erscheint als vier Kreise:
Khecarībetrifft den Wahrnehmenden und seine Fähigkeit zu handeln.Gocarīwirkt als inneres Organ – als Intellekt, Ich-Bildung und Denken.Dikcarīwirkt als nach außen gerichtete Sinneswahrnehmung.Bhūcarīerscheint als die Welt der wahrgenommenen Gegenstände.
Im gebundenen Zustand verdecken diese Kräfte ihre eigene Weite. Begrenzte Urheberschaft verbirgt die Freiheit des Bewusstseinsraums. Das innere Organ entscheidet auf Trennung hin. Die Sinne nehmen Unterschiede wahr. Gegenstände erscheinen ringsum als voneinander abgegrenzt und verdecken ihre Zugehörigkeit zum universellen Selbst.
Im Zustand des Herrn kehrt sich die Wirkung um. Khecarī offenbart umfassende Urheberschaft. Gocarī lässt die Nicht-Verschiedenheit erkennen. Dikcarī nimmt sie wahr. Bhūcarī zeigt die Gegenstände wie Glieder des eigenen Körpers. So können dieselben Kräfte je nach Erkenntnis Befreiung oder Bindung bringen.
3. Lebenskräfte und Bewusstseinszustände
Die eine Herrschaftskraft (aiśvarya-śakti) des Bewusstseins ist ihrem Wesen nach lebendige Urheberschaft. Im gebundenen Zustand verbirgt sie sich durch drei Gruppen begrenzter Erfahrung:
prāṇa,apānaundsamāna,- Wachen, Traum und Tiefschlaf,
- Körper, Lebensenergie und den subtilen Körper (
puryaṣṭaka).
Wenn dagegen aus dem mittleren Bereich udāna aufsteigt und die alles durchdringende Kraft vyāna aufleuchtet, öffnen sich der vierte Zustand (turya) und der über den vierten hinausgehende Zustand (turyātīta). Beide sind von Bewusstsein und Freude erfüllt. Dann ist auch im verkörperten Leben der Zustand des Herrn und damit jīvanmukti möglich.
Begrenzung ist nicht das letzte Problem
Kṣemarāja verbindet diese Erklärung mit dem neunten Sūtra. Dort wurde der saṃsārin aus der metaphysischen Kontraktion seiner Kräfte erklärt. Hier zeigt er dieselbe Bindung als Verwirrung durch diese Kräfte im konkreten Menschen.
Entscheidend ist deshalb nicht, dass Körper, Atem oder begrenzte Kräfte vollständig verschwinden. Wer durch sie nicht mehr über die eigene Natur getäuscht wird, ist nach der Überlieferung „der höchste Herr in einem menschlichen Körper“. Kṣemarāja schließt sogar Körper und Töpfe ein: Wer sie als aus allen 36 Prinzipien bestehende Gestalten Śivas erkennt, kann durch diese Einsicht Vollendung erlangen.
tat-parijñāne cittam evāntar-mukhī-bhāvena cetana-padādhyārohāc citiḥ ||13|| Analyse ▾ Analyse ▴
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tad
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dessen, davon | |
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parijñāne
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beim vollständigen Erkennen | |
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cittam
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der Geist, das individuelle Bewusstsein | |
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eva
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selbst, eben | |
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antar
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nach innen, im Inneren | |
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mukhī
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ī
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nach innen gerichtet |
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bhāvena
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durch den Zustand, durch das Werden | |
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cetana
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des bewussten Wesens | |
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pada
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zur Stufe, in den Zustand | |
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adhyārohāt
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aufgrund des Aufsteigens | |
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citiḥ
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universelle Bewusstheit |
Das dreizehnte Sūtra formuliert die Gegenbewegung zum zwölften. Wenn der Mensch die eigene Urheberschaft an den fünf Handlungen vollständig erkennt, fällt die Unkenntnis als Ursache der Täuschung weg. Mit ihr endet die Verwirrung durch die eigenen Kräfte, und die ursprüngliche Freiheit (svātantrya) tritt hervor.
Der zuvor erklärte Geist (citta) gibt dann seine nach außen gerichtete, zusammenziehende Tendenz auf. Durch die Wendung nach innen steigt er zur Stufe des bewussten Wahrnehmenden (cetana) auf. Indem er die verschiedenen Wahrnehmerstufen durchläuft, schmilzt auch der Rest der Kontraktion. So wird der Geist nicht in etwas Fremdes verwandelt. Er gelangt in seine eigene, aus Bewusstheit bestehende höchste Gestalt zurück: citi.
citi-vahnir avaroha-pade channo 'pi mātrayā meyendhanaṃ pluṣyati ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
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citi
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der universellen Bewusstheit | |
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vahniḥ
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Feuer | |
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avaroha
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des Herabsteigens, der Kontraktion | |
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pade
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auf der Stufe, im Zustand | |
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channaḥ
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verhüllt, verdeckt | |
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api
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obwohl, auch | |
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mātrayā
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mit einem kleinen Anteil, teilweise | |
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meya
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des Erkennbaren, des Wahrnehmungsobjekts | |
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indhanam
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Brennstoff | |
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pluṣyati
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es verbrennt, versengt |
Kṣemarāja greift einen Einwand auf: Wenn die höchste Bewusstseinskraft alle Unterschiede in sich aufnimmt, müsste sie das nicht auch im Zustand der Māyā tun – so wie die Sonne selbst hinter Wolken Dinge erhellt?
Seine Antwort ist das Bild vom Feuer unter der Asche. Bewusstheit ist Feuer, weil sie die Welt „verschlingt“, also Wahrgenommenes in sich aufnimmt. Auch im begrenzten Wahrnehmenden bleibt diese Kraft wirksam. Eine Erscheinung wie Blau oder Freude wird erkannt und dadurch Teil des Bewusstseins.
Sie wird jedoch nur „teilweise“ verbrannt. Ein Rest bleibt als Eindruck (saṃskāra) bestehen und kann die Erscheinung später erneut hervorbringen. Darum ist das Aufnehmen im gewöhnlichen Erleben noch nicht dasselbe wie die restlose Integration in die Fülle. Dass grundsätzlich jeder Wahrnehmende Erfahrungen in Bewusstsein aufnimmt, ist für Kṣemarāja schon durch die eigene Erfahrung erwiesen.
KSTS1911 liest āroha-pade („auf der Stufe des Aufstiegs“) statt avaroha-pade („auf der Stufe des Herabsteigens“). Beide Formen sind grammatisch regulär; da das Sūtra Prosa ist, gibt das Metrum kein Entscheidungskriterium. Die Richtungsänderung berührt jedoch den Sinn deutlich. Kṣemarājas Vṛtti bindet avaroha-pade unmittelbar an māyā-pramātṛtāyām, „im Zustand des Māyā-Wahrnehmenden“: Selbst dort bleibt das Feuer der Bewusstheit wirksam, obwohl es wie unter Asche verhüllt ist. Diese kontextuelle Erklärung stützt die Basislesart avaroha-pade, der die Arbeitsübersetzung folgt.
Illustrationen: KI-generiert.
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