PJH 21: Epilog und Schlusssegen
PJH 21: Epilog und Schlusssegen

Pratyabhijñāhṛdayam: Schlussverse und Segenswunsch

Im Nachwort finden wir zwei Schlussverse in unterschiedlichen Versmaßen. Sie führen zum Bild des Bewusstseins als Ozean und zum Anliegen der Lehre zurück. Nach dem Kolophon folgt der Segenswunsch śubham astu.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 21.1
देहप्राणसुखादिभिः प्रतिकलं संरुध्यमानो जनः |
deha-prāṇa-sukhādibhiḥ pratikalaṃ saṃrudhyamāno janaḥ | Analyse ▾ Analyse ▴
deha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Körper
prāṇa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Lebensenergie
sukha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Freude
ādibhiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Maskulin
und durch Weiteres
pratikalam
Adverb
in jedem Augenblick
saṃrudhyamānaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Präsens Passiv
Präfix
Verbalwurzel
begrenzt werdend
janaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Mensch
पूर्णानन्दघनामिमां न चिनुते माहेश्वरीं स्वां चितिम् |
pūrṇānanda-ghanām imāṃ na cinute māheśvarīṃ svāṃ citim | Analyse ▾ Analyse ▴
pūrṇa
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
vollkommen
ānanda
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
von Freude
ghanām
Akkusativ Singular Feminin
Adjektiv
erfüllt
imām
Akkusativ Singular Feminin
Pronomen dem
diese
na
Partikel
nicht
cinute
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
erkennt
māheśvarīm
Akkusativ Singular Feminin
Adjektiv
Śiva zugehörige
svām
Akkusativ Singular Feminin
Adjektiv
eigene
citim
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
Bewusstheit
मध्येबोधसुधाब्धि विश्वमभितस्तत्फेनपिण्डोपमं |
madhye-bodha-sudhābdhi viśvam abhitas tat-phena-piṇḍopamaṃ | Analyse ▾ Analyse ▴
madhye
Avyayībhāva-Kompositum
Substantiv Neutrum
mitten in
bodha
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Bewusstseins
sudhā
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
des Nektars
abdhi
Substantiv Maskulin
im Ozean
viśvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
die Welt
abhitas
Adverb
ringsum
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dessen
phena
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
aus Schaum
piṇḍa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Masse
upamam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
gleich
यः पश्येदुपदेशतस्तु कथितः साक्षात्स एकः शिवः ||21.1||
yaḥ paśyed upadeśatas tu kathitaḥ sākṣāt sa ekaḥ śivaḥ ||21.1|| Analyse ▾ Analyse ▴
yaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen rel
wer
paśyet
3. Person Singular Aktiv Optativ
Verbalwurzel
schaut
upadeśatas
Adverb
aufgrund der Unterweisung
tu
Partikel
aber
kathitaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
genannt
sākṣāt
Adverb
leibhaftig
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
der
ekaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Zahlwort
allein
śivaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Śiva
Ein Mensch (janaḥ | nom sg), der in jedem Augenblick (pratikalam) durch Körper, Lebensenergie, Freude und Weiteres (deha-prāṇa-sukhādibhiḥ | ins pl) begrenzt wird (saṃrudhyamānaḥ | nom sg m pcp), erkennt (cinute | 3p sg med pres) diese (imām | acc sg f) eigene Bewusstheit (svāṃ citim | acc sg) nicht (na), die Śiva zugehört (māheśvarīm | acc sg f) [und] von vollkommener Freude erfüllt ist (pūrṇānanda-ghanām | acc sg f). Wer (yaḥ | nom sg m) aber (tu) aufgrund der Unterweisung (upadeśatas) die Welt (viśvam | acc sg) ringsum (abhitas) mitten im Nektarozean des Bewusstseins (madhye-bodha-sudhābdhi) gleich einer Masse seines Schaums (tat-phena-piṇḍopamam | acc sg n) schaut (paśyet | 3p sg act opt), der (saḥ | nom sg m) allein (ekaḥ | nom sg m) [wird] leibhaftig (sākṣāt) Śiva (śivaḥ | nom sg) genannt (kathitaḥ | nom sg m ppp).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lass Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken wie Schaum auf einem weiten Meer erscheinen. Spüre, wie all diese unterschiedlichen Erfahrungen in Deiner Bewusstheit Platz finden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der erste Epilogvers greift Kṣemarājas Bild vom Ozean der Bewusstheit auf. Körper, Lebensenergie und Freude begrenzen den Menschen, solange er darin seine ganze Identität sieht. Dieselbe Welt kann als Schaum innerhalb des umfassenden Bewusstseins erfahren werden.

Wer so erkennt, wird im Vers Śiva selbst genannt. Das ist eine Aussage der nichtdualen Lehre über die erkannte Natur des Selbst. Der Vers steht nach der Auslegung des zwanzigsten Sūtras und bildet den ersten Teil des Epilogs; er ist kein zusätzliches Sūtra.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Pratyabhijñāhṛdaya 21.2
येषां वृत्तः शाङ्करः शक्तिपातो |
yeṣāṃ vṛttaḥ śāṅkaraḥ śakti-pāto | Analyse ▾ Analyse ▴
yeṣām
Genitiv Plural Maskulin
Pronomen rel
denen
vṛttaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
widerfahren
śāṅkaraḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
von Śiva ausgehend
śakti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Kraft
pātaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Herabsteigen
ये ऽनभ्यासात्तीक्ष्णयुक्तिष्वयोग्याः |
ye 'nabhyāsāt tīkṣṇa-yuktiṣv ayogyāḥ | Analyse ▾ Analyse ▴
ye
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen rel
die
anabhyāsāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
aus Mangel an Übung
tīkṣṇa
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
scharfsinnig
yuktiṣu
Lokativ Plural
Substantiv Feminin
in Argumentationen
ayogyāḥ
Nominativ Plural Maskulin
Adjektiv
nicht bewandert
शक्ता ज्ञातुं नेश्वरप्रत्यभिज्ञाम् |
śaktā jñātuṃ neśvara-pratyabhijñām | Analyse ▾ Analyse ▴
śaktāḥ
Nominativ Plural Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
fähig
jñātum
Infinitiv
Verbalwurzel
zu verstehen
na
Partikel
nicht
īśvara
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Herrn
pratyabhijñām
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
die Wiedererkennung
उक्तस्तेषामेष तत्त्वोपदेशः ||21.2||
uktas teṣām eṣa tattvopadeśaḥ ||21.2|| Analyse ▾ Analyse ▴
uktaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
vorgetragen
teṣām
Genitiv Plural Maskulin
Pronomen dem
für jene
eṣaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
diese
tattva
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
über die Wirklichkeit
upadeśaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Unterweisung
Für jene (teṣām | gen pl m), denen (yeṣām | gen pl m) das von Śiva ausgehende (śāṅkaraḥ | nom sg m) Herabsteigen der Kraft (śakti-pātaḥ | nom sg) widerfahren ist (vṛttaḥ | nom sg m ppp), [und] die (ye | nom pl m) aus Mangel an Übung (anabhyāsāt | abl sg) in scharfsinniger Argumentation (tīkṣṇa-yuktiṣu | loc pl) nicht bewandert (ayogyāḥ | nom pl m) [und] nicht (na) fähig (śaktāḥ | nom pl m ppp) [sind], die Īśvarapratyabhijñā (īśvara-pratyabhijñām | acc sg) zu verstehen (jñātum | inf), [ist] diese (eṣaḥ | nom sg m) Unterweisung über die Wirklichkeit (tattvopadeśaḥ | nom sg) vorgetragen (uktaḥ | nom sg m ppp).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Eine lebendige Erfahrung kann der Anfang Deines Lernens sein. Suche eine Form der Unterweisung, die Dich von dort aus weiterführt und für Dich verständlich bleibt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der zweite Epilogvers nimmt die Zielgruppe des Prologs wieder auf. Śaktipāta, das Herabsteigen der Kraft, bezeichnet hier ein von Śiva ausgehendes Erwachen. Es wird bei den angesprochenen Menschen bereits vorausgesetzt.

Die fehlende Übung betrifft die anspruchsvolle philosophische Argumentation. Mit Īśvarapratyabhijñā ist das ausführliche Werk Utpaladevas zur Wiedererkennung gemeint. Die vorliegende Unterweisung soll dessen Lehre zugänglich machen. Nach diesem Vers folgen in der Vorlage der Kolophon mit Kṣemarājas Namen und der Schlusssegen śubham astu.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Pratyabhijñāhṛdaya 21.3
शुभमस्तु |
śubham astu | Analyse ▾ Analyse ▴
śubham
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
glückverheißend, heilsam
astu
3. Person Singular Aktiv Imperativ
Verbalwurzel
möge sein
Möge (astu | 3p sg act imp) [es] glückverheißend (śubham | nom sg n) sein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Der Text endet mit einem schlichten Segenswunsch: Möge es heilsam und glückverheißend sein. Was Du verstanden hast, soll nicht bei Worten bleiben, sondern in Deinem Leben eine gute Wirkung entfalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Śubham astu steht nach den beiden Epilogversen und dem Kolophon. Die konventionelle kolophonische Segensformel wünscht Heil beziehungsweise glückliches Gelingen. Sie gehört zum überlieferten Rahmen, ist aber weder ein weiteres Sūtra noch ein Endmantra im engeren Sinn.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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