PJH 5-6: Die Kontraktion des Göttlichen
PJH 5-6: Die Kontraktion des Göttlichen

Von citi über cetana zu citta

Die universelle göttliche Bewusstheit (citi) kontrahiert sich über das individuelle Selbst (cetana) zum menschlichen Geist (citta).

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 5
चितिरेव चेतनपदादवरूढा चेत्यसंकोचिनी चित्तम् ||5||
citir eva cetana-padād avarūḍhā cetya-saṃkocinī cittam ||5|| Analyse ▾ Analyse ▴
citiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
die universelle Bewusstheit
eva
Partikel
eben, gerade, allein
cetana
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des bewussten Wesens
padāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
von der Stufe, aus dem Zustand
avarūḍhā
Nominativ Singular Feminin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
herabgestiegen
cetya
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Adjektiv
durch das Wahrnehmbare, entsprechend dem Objekt
saṃkocinī
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
sich zusammenziehend, begrenzend
cittam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Geist, individuelles Bewusstsein
Gerade (eva) die Bewusstheit (citiḥ | nom sg), die von der Stufe des bewussten Wesens (cetana-padāt | abl sg) herabgestiegen ist (avarūḍhā | nom sg f ppp), zieht sich durch das wahrnehmbare Objekt zusammen (cetya-saṃkocinī | nom sg f) [und ist] der Geist (cittam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Bewusstheit sich auf ein einzelnes Objekt zusammenzieht, entsteht Geist (citta). Bemerke diese Verengung und zugleich den offenen Raum, in dem sie geschieht.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja beantwortet den Einwand, der von Vorstellungen geprägte Geist könne doch nicht Śiva sein: Citta, der individuelle Geist, ist nichts anderes als Bewusstheit in einem zweifach zusammengezogenen Zustand.

Bewusstheit verhüllt ihre eigene Gestalt und übernimmt unterschiedliche Grade der Begrenzung. Wenn ihr Licht überwiegt, erscheinen höhere Formen des Wahrnehmens: reines Leuchten ohne ausgeprägte Urheberschaft bei den vijñānākalas, Licht mit Selbstbezug auf der Ebene reiner Erkenntnis und – bei weiter abnehmender Kontraktion – die Ebenen Īśvara, Sadāśiva und Anāśrita-Śiva. Auch durch die in Samādhi gewonnene Vorherrschaft des Bewusstseins können sich zunehmend hohe Wahrnehmerstufen des reinen Weges öffnen.

Wo dagegen die Kontraktion vorherrscht, entstehen die Wahrnehmerstufen vom Leeren abwärts. Bewusstheit steigt dann von der Stufe des bewussten Wahrnehmers (cetana) herab, richtet sich auf ein Objekt und wird durch dieses – etwa durch Blau oder ein Glücksgefühl – nochmals eingegrenzt. Die Begrenzung des Wahrnehmenden und die Begrenzung durch das Wahrgenommene ergeben zusammen citta.

Auch die drei Eigenschaften sattva, rajas und tamas sind keine bewusstlose Substanz neben Bewusstheit. Kṣemarāja versteht sie als stark zusammengezogene Erscheinungsformen ihrer Wissens-, Handlungs- und Māyā-Kraft im Zustand des gebundenen Wesens.

Darum geht das Licht der eigenen Natur selbst im Zustand begrifflicher Unterscheidung (vikalpa) nicht verloren. Wer sich an der höchsten Wirklichkeit orientiert, kann diesem Licht auch innerhalb des Denkens folgen.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Das Citta ist nur die von der Stufe des Cetana herabgestiegene, durch das Wahrnehmungsobjekt in den Zustand der Beschränkung geratene Citi.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 6
तन्मयो मायाप्रमाता ||6||
tan-mayo māyā-pramātā ||6|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Pronomen dem
aus diesem, davon
mayaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
bestehend aus, erfüllt von
māyā
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Māyā, der differenzierenden Erscheinungskraft
pramātā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wahrnehmer, erkennendes Subjekt
Jemand der [nur] aus diesem [Geist] (tan-mayaḥ | nom sg m) besteht, wird zum Wahrnehmer von Māyā [der Dualität] (māyā-pramātā | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Du Dich ganz mit dem begrenzten Geist identifizierst, erscheint die Welt nur noch als Gegenüber. Nimm Trennung ernst, ohne sie für die ganze Wahrheit zu halten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der durch Māyā begrenzte Wahrnehmende besteht für Kṣemarāja aus citta. Körper und Lebensenergie sind von diesem Geist geprägt. Selbst der scheinbar leere Zustand trägt geistige Eindrücke in sich; sonst könnte ein Mensch nach dem Zurückkehren aus ihm seine Aufgaben nicht wieder aufnehmen.

So erklärt sich auch die unterschiedliche Aussage zweier Śivasūtras: Aus höchster Sicht heißt es „Bewusstsein ist das Selbst“ (caitanyam ātmā). Bei der Beschreibung des durch Māyā begrenzten Wahrnehmenden heißt es dagegen „der Geist ist das Selbst“ (cittam ātmā). Die zweite Aussage beschreibt eine gebundene Wahrnehmerstufe, nicht eine andere letzte Wirklichkeit.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Aus ihm besteht der Mâyâpramâtar.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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