PJH 7-8: Tantrische Kosmologie und Offenbarung des göttlichen Bewusstseins
PJH 7-8: Tantrische Kosmologie und Offenbarung des göttlichen Bewusstseins

Es gibt verschiedene Weisen, wie das göttliche Absolute gesehen und eingeteilt werden kann. Die 36 Tattvas sind die aufgegliederte Einteilung.

Das universelle Bewusstsein offenbart sich auf vielfältigste Art und Weise. Die 36 Tattvas, die Unreinheiten (malas), die unterschiedlichen Schichten des Selbst und die Beschränkungen (kañcukas) sind nur einige Formen. In diesem Sinnabschnitt lernen wir diese wichtigen Bausteine der tantrischen Sichtweise auf die Realität näher kennen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 7
स चैको द्विरूपस्त्रिमयश्चतुरात्मा सप्तपञ्चकस्वभावः ||7||
sa caiko dvi-rūpas tri-mayaś catur-ātmā sapta-pañcaka-svabhāvaḥ ||7|| Analyse ▾ Analyse ▴
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
er, dieser
ca
Partikel
und
ekaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Zahlwort
einer, einzig
dvi
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
zwei-, zweifach
rūpaḥ
Nominativ Singular Maskulin Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Neutrum
Gestalt, Form
tri
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
drei-, dreifach
mayaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
bestehend aus, von der Art
catur
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
vier-, vierfach
ātmā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wesen, Natur
sapta
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
sieben
pañcaka
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Fünfergruppen, der Pentaden
svabhāvaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
eigene Natur, Wesensart
Und (ca) dieser (saḥ | nom sg m) [ist] einer (ekaḥ | nom sg m), von zweifacher Form (dvi-rūpaḥ | nom sg), aus drei bestehend (tri-mayaḥ | nom sg m), vierfachen Wesens (catur-ātmā | nom sg) und von der Natur sieben Fünfergruppen (sapta-pañcaka-svabhāvaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Ein und dieselbe Person zeigt sich als Körper, Atem, Denken und offene Bewusstheit. Keine Ebene muss verleugnet werden; jede kann zum Zugang zur Ganzheit werden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das siebte Sūtra zählt scheinbar rätselhafte Zahlen auf. Kṣemarāja macht daraus mehrere Perspektiven auf denselben Wahrnehmenden. Richtig erkannt führen sie zur Befreiung. Für selbständige Wirklichkeiten gehalten werden sie zur Ursache des saṃsāra.

  • Einer: Der Wahrnehmende ist seinem Licht nach Śiva selbst. Licht kann nicht durch Ort und Zeit in mehrere voneinander unabhängige Bewusstheiten zerfallen.
  • Zweifach: Er ist reines Licht und zugleich das Aufleuchten einer zusammengezogenen Gestalt.
  • Aus drei bestehend: Er ist von drei „Unreinheiten“ (mala) bedeckt: der Erfahrung eigener Unvollständigkeit (āṇava), der Wahrnehmung getrennter Objekte (māyīya) und der Bindung an begrenztes Handeln (kārma).
  • Vierfach: Seine Schichten sind Leere, Lebensenergie, der aus acht Teilen gedachte subtile Körper (puryaṣṭaka) und der physische Körper.
  • Sieben Fünfergruppen: Er umfasst die 35 Prinzipien (tattva) von Śiva bis zur Erde.
  • Sieben: Er erscheint als sieben Klassen von Wahrnehmenden, von Śiva bis zum vollständig begrenzten sakala.
  • Fünf: Seinem Wesen nach besitzt er die Kräfte Bewusstsein, Freude, Wille, Wissen und Handeln. Unter dem Einfluss des Nichterkennens erscheinen sie durch die fünf Hüllen begrenzter Handlungsmacht (kalā), begrenzten Wissens (vidyā), Verlangens (rāga), Zeit (kāla) und Festlegung (niyati) eingeschränkt.

Wer sich in all diesen Ebenen als den einen Śiva wiedererkennt, findet nach Kṣemarāja Befreiung. Wer sie als voneinander getrennte und selbständige Wirklichkeiten nimmt, bleibt an ihre Begrenzungen gebunden.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Und er ist Einer, von zweifacher Erscheinung, dreifacher Bildung, vierfachen Wesens und von in sieben Pentaden gegliederter Natur.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 8
तद्भूमिकाः सर्वदर्शनस्थितयः ||8||
tad-bhūmikāḥ sarva-darśana-sthitayaḥ ||8|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dieses, dieses Wahrnehmers
bhūmikāḥ
Nominativ Plural
Substantiv Feminin
Rollen, Ebenen, Standorte
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen quant
alle, sämtliche
darśana
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Sichtweisen, philosophischen Systeme
sthitayaḥ
Nominativ Plural
Substantiv Feminin
Standpunkte, Zustände
Die Standpunkte aller philosophischen Systeme (sarva-darśana-sthitayaḥ | nom pl) [sind] die Rollen dieses [einen Wahrnehmenden] (tad-bhūmikāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Eine Sichtweise kann sinnvoll sein, ohne die ganze Wirklichkeit zu enthalten. Begegne anderen Positionen als verschiedenen Rollen des Bewusstseins – ernsthaft, aber ohne sie absolut zu setzen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja liest die Worte des achten Sūtras auf zwei Arten. Beide zeigen, wie viele scheinbar getrennte Erfahrungen innerhalb der einen Bewusstheit ihren Ort finden.

Philosophische Systeme als Rollen eines Schauspielers

In der ersten Lesart sind die Standpunkte aller philosophischen Systeme frei gewählte Rollen des einen Selbst. Kṣemarāja vergleicht es mit einem Schauspieler, der unterschiedliche Bühnenfiguren annimmt:

  • Die Cārvākas halten den mit Bewusstsein ausgestatteten Körper für das Selbst.
  • Nyāya und verwandte Systeme verorten es im Träger von Wissen und anderen Eigenschaften, also nahe der Ebene des Intellekts; Befreiung erscheint ihnen beinahe als Leere nach dem Erlöschen dieser Eigenschaften.
  • Die Mīmāṃsā erkennt das Selbst über die Ich-Erfahrung, sieht es aber durch Freude, Schmerz und andere Bestimmungen überlagert und bleibt damit ebenfalls auf der Ebene des Intellekts.
  • Buddhistische Schulen, die einen Strom von Erkenntnismomenten annehmen, bleiben bei den Bewegungen des Intellekts. Die Madhyamaka-Lehre wird der Leere zugeordnet.
  • Manche Vedāntins setzen das Selbst mit Lebensenergie gleich. Lehren eines „Nichtseins-Brahman“ ruhen in der Leere, andere Vedāntins mit ihrer Aussage vom ursprünglichen Sein auf der Ebene Īśvaras.
  • Die Pāñcarātras verorten die letzte Grundlage in der unentfalteten höheren Natur, aus der die einzelnen Seelen wie Funken hervorgehen. Sāṃkhya und verwandte Lehren erreichen eine Ebene, die den vijñānākalas ähnelt.
  • Die Grammatiker verstehen das Selbst als Wort-Brahman in der Stufe paśyantī und werden Sadāśiva zugeordnet.
  • Tantrische Lehren bestimmen das Selbst entweder als weltübersteigend, in den Kula-Traditionen als die ganze Welt oder im Trika zugleich als weltübersteigend und weltumfassend.

Kṣemarāja will diese Positionen nicht als ebenso viele letzte Wirklichkeiten nebeneinanderstellen. Sie sind Abstufungen, in denen die Freiheit des einen Bewusstseins mehr oder weniger verhüllt oder geöffnet ist. Ein begrenzter Blick hält einen Teilbereich für das Ganze. Die umfassende Durchdringung wird nach Kṣemarāja erst durch einen höchsten śaktipāta zugänglich. Seine Zitate unterstreichen dabei auch eine scharfe traditionelle Abgrenzung: Selbst ernsthaft nach Befreiung Suchende können durch Māyā in einer begrenzten Lehre festgehalten werden.

Die Ruhepunkte jeder Wahrnehmung

In der zweiten Lesart meint darśana nicht ein philosophisches System, sondern ein konkretes Wahrnehmen – etwa Blau sehen oder Freude empfinden. Dessen sthiti, sein Zur-Ruhe-Kommen, kann zu einer „Bühne“ werden, auf der sich die eigene, aus Bewusstsein und Freude bestehende Natur enthüllt.

Kṣemarāja beschreibt einen wiederkehrenden Ablauf:

  1. Eine nach außen gerichtete Erscheinung kommt in der eigenen Bewusstheit zur Ruhe.
  2. Das äußere Objekt wird zurückgenommen und ein stiller innerer Zustand tritt hervor.
  3. Von dort spannt sich bereits die Reihe der neu entstehenden Erkenntnisse auf.

In diesem Wechsel von Erscheinen, Bestehen, Zurückziehen und Vereinigung wirkt die „vierte“ Bewusstseinskraft (turīyā). Sie lässt die jeweiligen Schöpfungs- und Auflösungsbewegungen aus sich hervorgehen und nimmt sie wieder in sich auf. Kṣemarāja nennt sie zugleich voll und fein, beides und keines von beidem: Sie ist nicht auf eine einzelne Phase festgelegt. Wird diese Ebene zunehmend eingeübt, nimmt sie den hingebungsvollen Menschen in sich auf.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Und so sind die Sthitis aller Darshanas seine Rollen.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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