PJH 3-4: Wahrnehmender und Wahrgenommenes; Mikrokosmos und Makrokosmos
PJH 3-4: Wahrnehmender und Wahrgenommenes; Mikrokosmos und Makrokosmos

Hier beginnt die Kontraktion in die begrenzte menschliche Erfahrung

Hier beginnt der Prozess der Kontraktion der universellen göttlichen Bewusstheit in die begrenzte menschliche Erfahrung. Zunächst werden Wahrnehmender und Wahrgenommenes beschrieben. Und wir erfahren, dass intelligente Wesen eine mikrokosmische Ausgabe der universellen göttlichen Bewusstheit sind.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 3
तन्नानानुरूपग्राह्यग्राहकभेदात् ||3||
tan nānānurūpa-grāhya-grāhaka-bhedāt ||3|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses, das
nānā
Adverb
mannigfach, auf vielerlei Weise
anurūpa
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
entsprechend, wechselseitig angepasst
grāhya
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
das zu Erfassende, Wahrnehmungsobjekt
grāhaka
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Erfassenden, Wahrnehmungssubjekt
bhedāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
aufgrund der Unterscheidung, durch die Verschiedenheit
Dieses [Universum] (tat | nom sg n) [ist] mannigfach (nānā) aufgrund der Unterscheidung von einander entsprechenden Wahrnehmungsobjekten und Wahrnehmenden (anurūpa-grāhya-grāhaka-bhedāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wahrnehmung entsteht im Zusammenspiel von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Prüfe, wie Deine Haltung beeinflusst, welche Welt Dir entgegenkommt, ohne die Wirklichkeit auf Deine Meinung zu reduzieren.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja erklärt die Vielfalt der Welt durch die einander entsprechenden Formen des Wahrgenommenen und der Wahrnehmenden. Jede Ebene des Erfassens besitzt die ihr angemessene Welt.

Entsprechende Ebenen von Subjekt und Objekt
  • Auf der Ebene Sadāśivas ist das „Dies“, die Objektseite, noch von der deutlich hervortretenden Ichheit überdeckt. Dazu gehört die Klasse der mantra-maheśvaras.
  • Auf der Ebene Īśvaras tritt die Objektseite klar hervor und steht zugleich in Einheit mit der Ichheit. Dazu gehören die mantreśvaras.
  • Auf der Ebene reiner Erkenntnis (vidyā) erscheinen die vielfach gegliederten Mantra-Wahrnehmenden und eine entsprechend von Unterschieden geprägte Welt.
  • Die vijñānākalas oberhalb von Māyā sind reines Erkennen ohne wirksame Urheberschaft. Ihnen entspricht eine Objektwelt, die weitgehend in Nicht-Unterschiedenheit ruht.
  • Den im Leeren ruhenden pralaya-kevalins in Māyā entspricht eine beinahe aufgelöste Welt.
  • Die begrenzten sakalas bis hinab zur Erde erfahren Subjekt und Objekt als deutlich voneinander getrennt.

Śiva, der diese Ebenen übersteigt, erfährt die Dinge als reines Licht. Für Paramaśiva, der zugleich jenseits der Welt und die Welt selbst ist, leuchtet die ganze Folge von Śiva bis zur Erde ungetrennt auf.

Damit bleibt die Unterscheidung von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem für Kṣemarāja eine reale Weise des Erscheinens, aber keine letzte Zweiheit. In letzter Wirklichkeit gibt es kein selbständiges Objekt und kein selbständiges Subjekt. Es ist Paramaśiva selbst, der in tausendfacher Vielfalt erscheint.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Dasselbe ist mannigfaltig infolge der Trennung in die einander entsprechenden Objekte und Subjekte.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 4
चितिसंकोचात्मा चेतनो ऽपि संकुचितविश्वमयः ||4||
citi-saṃkocātmā cetano 'pi saṃkucita-viśva-mayaḥ ||4|| Analyse ▾ Analyse ▴
citi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der universellen Bewusstheit
saṃkoca
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
der Kontraktion, des Sich-Zusammenziehens
ātmā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wesen, Natur
cetanaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
das bewusste Wesen
api
Partikel
auch
saṃkucita
Karmadhāraya-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
kontrahiert, zusammengezogen
viśva
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Neutrum
aus dem Universum, aus allem
mayaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
bestehend aus, erfüllt von
Auch (api) das bewusste Wesen (cetanaḥ | nom sg), dessen Natur die Kontraktion der Bewusstheit ist (citi-saṃkoca-ātmā | nom sg), besteht aus der kontrahierten Welt (saṃkucita-viśva-mayaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Du bist mehr als eine isolierte Rolle. Auch in begrenzter Form trägt Dein Erleben eine ganze Welt von Körper, Beziehungen, Erinnerungen und Umgebung in sich.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Wie der höchste Herr die ganze Welt als seinen Körper umfasst, so trägt auch jedes bewusste Einzelwesen die gesamte Welt in zusammengezogener Form in sich.

Kṣemarāja beschreibt zunächst die kosmische Entfaltung. Paramaśiva lässt die mit ihm geeinte Welt zuerst in einem Zustand aufleuchten, der noch leerer als die gewöhnlich gedachte Leere und vom Licht nicht getrennt ist. Danach verdichtet sich der „Saft“ des Bewusstseins zu den Ebenen, Welten, Dingen und jeweiligen Wahrnehmenden.

Der begrenzte Wahrnehmende enthält denselben Kosmos wie ein winziger Samen bereits den ganzen Banyanbaum in verdichteter Form enthält. Kṣemarāja stützt dies durch tantrische Schriftstellen: Körper, Gottheiten und Elemente bilden keinen fremden Bereich außerhalb des Bewusstseins.

Nur durch Māyās verhüllende Kraft bleibt diese Identität unausgedrückt. Das bewusste Wesen erscheint deshalb zusammengezogen, ohne jemals etwas anderes als der weltumfassende Śiva zu werden. Selbst die Kontraktion muss im Bewusstsein erscheinen und ist daher von Bewusstheit durchdrungen. Jenseits dieses Erscheinens bleibt kein zweites Etwas übrig.

Das gründliche Erkennen dieser Identität von Śiva und dem verkörperten Wesen ist für Kṣemarāja Befreiung. Ihr Nichterkennen ist Bindung.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Und wie der Erhabene der Leib des Alls ist, so ist auch der durch die Zusammenziehung der Citi bedingte Cetana aus dem zusammengezogenen All gebildet.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
0 Nachrichten

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

Noch keine Nachrichten.