tadā prakāśānanda-sāra-mahā-mantra-vīryātmaka-pūrṇāhaṃtāveśāt sadā sarva-sarga-saṃhāra-kāri-nija-saṃvid-devatā-cakreśvaratā-prāptir bhavatīti śivam ||20|| Analyse ▾ Analyse ▴
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tadā
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dann | |
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prakāśa
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Leuchten, Offenbarkeit | |
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ānanda
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der Freude, Glückseligkeit | |
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sāra
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als Essenz habend, im Kern | |
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mahat
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groß, mächtig | |
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mantra
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des Mantras, der Mantras | |
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vīrya
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der Kraft, Wirkmacht | |
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ātmaka
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von der Natur, wesensgleich | |
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pūrṇa
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vollständig, allumfassend | |
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ahaṃtā
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in die Ichheit, in das Ich-Bewusstsein | |
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āveśāt
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durch das Eintauchen, aufgrund des Ergriffenseins | |
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sadā
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immer, beständig | |
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sarva
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alle, sämtliche | |
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sarga
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Aussendung, Schöpfung | |
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saṃhāra
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Einziehung, Auflösung | |
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kārin
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bewirkend, vollziehend | |
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nija
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eigen, angeboren | |
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saṃvid
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der Bewusstheit | |
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devatā
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der Gottheiten | |
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cakra
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über den Kreis, im Kreis | |
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īśvaratā
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der Herrschaft, Souveränität | |
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prāptiḥ
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Erlangung, Erreichen | |
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bhavati
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sie entsteht, wird erlangt | |
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iti
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so, damit | |
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śivam
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Śiva, heilsam, glückverheißend |
Das letzte Sūtra beschreibt die Frucht des immer gegenwärtigen Samādhi: Der höchste Yogin taucht in die vollkommene Ichheit (pūrṇāhaṃtā) ein und erlangt Herrschaft über den eigenen Kreis der Bewusstseinskräfte.
Vollkommene Ichheit und Mantrakraft
Diese Ichheit ist kein persönlicher Besitzanspruch. Kṣemarāja nennt sie ein natürliches Staunen des Selbst über sich selbst (svātma-camatkāra). Sie ist vollständig, von Licht und Freude erfüllt und die höchste Gestalt der Göttin Parā.
Sie ist zugleich die Lebenskraft aller Mantras. Mantras gehen aus ihr hervor, kommen in ihr zur Ruhe und können nur durch ihre Kraft ihre jeweilige Wirkung vollziehen. Wer in diese volle Ichheit eintritt, gewinnt daher Herrschaft über den eigenen Kreis der Bewusstseinsgöttinnen, der fortwährend alle Erscheinungen des Universums hervorbringt und zurücknimmt.
Die Stufen der Rückführung
Kṣemarāja ordnet die Erfahrung in einer aufsteigenden Folge:
- Das Erkannte hat als sein Wesen das Erkennen.
- Das Erkennen ruht im nach innen gewendeten, seiner selbst bewussten Wahrnehmenden.
- Wenn die Identifikation mit Körper und anderen begrenzenden Bedingungen schmilzt, zeigt sich dessen Wesen als Sadāśiva-Īśvara, dessen Körper die ganze Welt ist.
- Dessen höchste Wirklichkeit ist Maheśvara: das eine Licht, das in staunender Selbstgegenwart die ganze Welt umfasst.
Nichts kann erscheinen, ohne in dieses höchste Licht einzutreten. Weil der höchste Herr vollkommen und von nichts außerhalb seiner selbst abhängig ist, bleibt kein unerfüllter Wunsch. Seine Freiheit erscheint als ungehinderte Freude.
Die Welt der Laute im vollen „Ich“
Kṣemarāja erklärt die vollkommene Ichheit auch durch den Kreis der nicht von Māyā begrenzten Laute. A steht für das Höchste, Anuttara oder Akula. Ha bezeichnet die volle Ausbreitung der Kraft; kṣa markiert deren Ausklang. Die ganze Welt der Worte und ihrer Gegenstände wird zwischen a und ha umfasst, nach innen genommen und erscheint als bindu, als ungeteiltes Erkennen. Dort ruht sie wieder im Höchsten.
Das natürliche Sich-selbst-Erfassen (vimarśa) ist deshalb für Kṣemarāja zugleich die lebendige Ganzheit der Laute. „Ich“ bedeutet, alle objektive Erfahrung in sich ruhen zu lassen. Weil dieses Ruhen nichts außerhalb seiner selbst benötigt, ist es Freiheit, ursprüngliche Urheberschaft und Herrschaft.
Eine Bewusstseinskraft in allen Erfahrungen
Beim Eintauchen in diese Ichheit sinkt zunächst die begrenzende Identifikation mit Körper und Lebensenergie. Danach werden auch Körper, Farbe, Freude und alle anderen Erscheinungen von ihrem „Geschmack“ durchdrungen.
Was immer erscheint, entschieden, erinnert oder vorgestellt wird, hat dieselbe Bewusstseinskraft als tragenden Grund. Durch Māyā scheint sie je nach Gegenstand verschieden zu sein und erhält Namen wie Wissen, Vorstellung oder Entscheidung. In Wirklichkeit bleibt sie eine einzige, zeitlich nicht aufgespaltene und unbegrenzte Bewusstheit.
Wer durch die vorher erklärten Mittel in diese Kraft eintritt und sich auf sie stützt, erkennt auch das Öffnen und Schließen der Sinne als ihre Bewegung. Die inneren und äußeren Kräfte sind dann nicht länger ein von Māyā bestimmter Apparat, sondern der angeborene Kreis der Bewusstseinsgöttinnen. Herrschaft über diesen Kreis bedeutet für Kṣemarāja die Gestalt des höchsten Bhairava.
Bei einem dafür zitierten Spanda-Vers legt Kṣemarāja Wert auf die genaue Deutung: Der „eine Ort“, in den alles gelegt wird, ist das gemeinsame Pulsieren des Bewusstseins im ersten Aufgehen (unmeṣa). Der kontrollierte Vorgang von Entstehen und Auflösung bezieht sich auf den subtilen Körper (puryaṣṭaka). Kṣemarāja widerspricht hier ausdrücklich einer Auslegung, die den „einen Ort“ einfach als groben oder subtilen Körper versteht.
„So ist es Śiva“
Das Wort śivam trägt zugleich die Bedeutung „glückverheißend“. Die Übersetzung wählt hier „Śiva“; der Kommentar erschließt die zusätzliche Bedeutung als Segenswort. Mit iti śivam schließt Kṣemarāja nicht nur grammatisch ab. Alles in dieser Unterweisung ist für ihn Śiva:
- weil die Lehre zur Verwirklichung Śivas führt,
- weil sie aus Śiva hervorgegangen ist und auf den Āgamas, den göttlichen Offenbarungsschriften, beruht,
- und weil sie von Śivas eigener Natur nicht verschieden ist – denn für Kṣemarāja ist alles Śiva.
Der Schluss ist damit zugleich Zusammenfassung und Segenswort: Was erkannt wird, der Vorgang des Erkennens, der Wahrnehmende und die Kraft, durch die all dies erscheint, sind Gestalten derselben Wirklichkeit.
Epilog und Kolophon
In den Schlussversen fasst Kṣemarāja den Gegensatz noch einmal in einem Bild zusammen. Wer sich in jedem Augenblick durch die Identifikation mit Körper, Lebensenergie, Freude und ähnlichen Erscheinungen begrenzen lässt, erkennt die eigene, von vollkommener Freude erfüllte Bewusstheit nicht. Wer dagegen durch diese Unterweisung die ganze Welt wie Schaum im Nektarozean des Bewusstseins sieht, wird als Śiva selbst bezeichnet.
Der nächste Vers nennt erneut die ursprüngliche Zielgruppe: Menschen, bei denen bereits ein von Śiva bewirkter śaktipāta stattgefunden hat, die aber ohne langes Training in scharfer Argumentation die umfassende Īśvarapratyabhijñā nicht verstehen können.
Im Kolophon nennt sich Rājānaka Kṣemarāja einen, der von den „Lotusfüßen“ seines Lehrers Abhinavagupta lebt. Damit stellt er seine eigene Unterweisung ausdrücklich in dessen Überlieferung.
Illustrationen: KI-generiert.
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