PJH 1-2: Beschreibung des universellen oder göttlichen Bewusstseins
PJH 1-2: Beschreibung des universellen oder göttlichen Bewusstseins

Was ist citi – und welche Handlungen führt sie aus?

Die ersten beiden Sūtras beschreiben die universelle göttliche Bewusstheit, hier mit dem femininen Nomen citi bezeichnet. Es wird beschrieben, was sie ist und welche Handlungen sie ausführt.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 1
चितिः स्वतन्त्रा विश्वसिद्धिहेतुः ||1||
citiḥ svatantrā viśva-siddhi-hetuḥ ||1|| Analyse ▾ Analyse ▴
citiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Bewusstheit, universelles Bewusstsein
svatantrā
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
völlig unabhängig
viśva
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der ganzen Welt, des Universums
siddhi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
des Zustandekommens, der Verwirklichung
hetuḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Ursache, Grund
Die Bewusstheit (citiḥ | nom sg) [ist] völlig unabhängig (svatantrā | nom sg f) [und] die Ursache für das Zustandekommen der ganzen Welt (viśva-siddhi-hetuḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Was Du erlebst, erscheint nicht außerhalb von Bewusstheit (citi). Spüre für einen Moment, wie Wahrnehmen die Welt, die Dir gerade begegnet, überhaupt erst sichtbar macht.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja entfaltet aus dem ersten Sūtra die Grundstruktur der gesamten Lehre: Die freie Bewusstheit (citi) ist die Ursache dafür, dass die Welt überhaupt erscheint, besteht und wieder in ihrem Ursprung ruht.

Bewusstheit als einzige Ursache

Mit „Welt“ meint Kṣemarāja alles von Sadāśiva bis zum Erdelement. Wenn sich Bewusstheit ausbreitet, öffnet sich diese Welt und bleibt als Erfahrung bestehen. Wenn ihre Ausbreitung zurücktritt, schließt sich die Welt wieder. Dafür beruft er sich auf die unmittelbare Erfahrung.

Eine von Bewusstheit getrennte Ursache – etwa māyā oder prakṛti als selbständige Urmaterie – weist er zurück. Was überhaupt nicht erscheint, kann nichts verursachen. Sobald etwas erscheint, ist es bereits mit dem Licht des Bewusstseins verbunden. Auch Raum, Zeit und Gestalt werden von Bewusstheit hervorgebracht und belebt. Deshalb können sie Bewusstheit nicht begrenzen. Sie ist nach Kṣemarāja allgegenwärtig, immer schon gegenwärtig und vollständig.

Ursache und Wirkung sind nicht zwei Dinge

Ein Einwand liegt nahe: Wenn die Welt nicht von Bewusstheit verschieden ist, wie kann Bewusstheit dann ihre Ursache sein? Kṣemarājas Antwort lautet: Die freie und klare Bewusstheit leuchtet selbst als die unzähligen Formen der Welt auf. Genau dieses Sich-Zeigen als Welt ist hier das Verhältnis von Ursache und Wirkung. Es gibt keinen zweiten Stoff neben ihr.

Ebenso benötigt die selbstleuchtende Bewusstheit kein außerhalb von ihr stehendes Erkenntnismittel, das sie erst beweisen müsste. Jedes Erkenntnismittel kann nur innerhalb ihres Lichts tätig werden. Kṣemarāja veranschaulicht die Unmöglichkeit eines äußeren Beweises mit dem Bild eines Menschen, der mit dem eigenen Fuß über den Schatten seines Kopfes steigen möchte.

Was „Vollendung der Welt“ noch bedeutet

Kṣemarāja liest die knappe Formulierung viśva-siddhi-hetu bewusst mehrfach. Bewusstheit ist nicht nur die Ursache des Erscheinens der Welt. Im Zurückziehen führt sie die Vielfalt auch wieder in die Harmonie der höchsten Nicht-Zweiheit. Wird ihre Freiheit wiedererkannt, wird sie zum Grund sowohl von Erfahrung und Genuss (bhoga) als auch von Befreiung (mokṣa).

Zugleich kann die vollständige Erfahrung eines beliebigen Phänomens – etwa der Farbe Blau, eines Glücksgefühls, des Körpers oder des Atems – zum Mittel werden, Bewusstheit zu erkennen. Entscheidend ist nicht nur, dass ein Objekt und ein Wahrnehmender erscheinen. Entscheidend ist die aufmerksame Wahrnehmung ihrer Verbindung. Kṣemarāja zitiert dafür das Vijñānabhairava: Objekt- und Subjektbewusstsein haben alle verkörperten Wesen; die Besonderheit des Yogins liegt in der Aufmerksamkeit auf ihren Zusammenhang.

Die einzelnen Worte als Zusammenfassung
  • Der Singular citiḥ zeigt für Kṣemarāja: Bewusstheit ist nicht durch Ort, Zeit oder andere Unterschiede in mehrere Bewusstheiten zerlegt. Damit weist das Sūtra alle letztgültig dualistischen Lehren zurück.
  • svatantrā, „völlig unabhängig“, unterscheidet diese Lehre von einem Absoluten ohne wirksame Herrschaft. Freiheit bedeutet hier die Fähigkeit, wirklich erscheinen zu lassen.
  • viśva-siddhi-hetu bündelt vier Aussagen: Bewusstheit besitzt alle Kräfte, ist die Ursache von allem, kann durch einen einfachen Zugang erkannt werden und schenkt eine große Frucht.
Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Die absolute Citi ist die Ursache bei der Vollendung des Alls.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 2
स्वेच्छया स्वभित्तौ विश्वमुन्मीलयति ||2||
svecchayā sva-bhittau viśvam unmīlayati ||2|| Analyse ▾ Analyse ▴
svecchayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
aus eigenem Willen, durch eigenen Antrieb
sva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
eigen
bhittau
Lokativ Singular
Substantiv Feminin
auf der Wand, auf der Projektionsfläche
viśvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
die ganze Welt, das Universum
unmīlayati
3. Person Singular Aktiv Präsens Causativ
Präfix
Verbalwurzel
sie entfaltet, lässt hervortreten
Aus eigenem Willen (svecchayā | ins sg) entfaltet [die Bewusstheit] (unmīlayati | 3p sg act pres caus) die ganze Welt (viśvam | acc sg) auf ihrer eigenen Wand (sva-bhittau | loc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Bewusstheit entfaltet Erfahrung auf ihrem eigenen Grund. Nimm wahr, wie Bilder, Gedanken und Empfindungen im selben offenen Feld erscheinen, das sie bemerkt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja präzisiert die im ersten Sūtra behauptete Freiheit: Bewusstheit entfaltet die Welt aus eigenem Willen. Sie folgt dabei weder dem Willen eines anderen – etwa Brahmās – noch benötigt sie einen von ihr getrennten Stoff. Sonst wäre ihre Freiheit aufgehoben.

Die „eigene Wand“ oder „Leinwand“ ist ebenfalls Bewusstheit. Kṣemarāja vergleicht die Welt mit einer Stadt, die sich in einem Spiegel zeigt: Bild und Spiegel erscheinen unterscheidbar, sind an dieser Stelle aber nicht voneinander getrennt. Unmīlana, das Öffnen oder Entfalten, bedeutet deshalb nicht die Herstellung von etwas zuvor völlig Unwirklichem. Sichtbar wird, was bereits ungetrennt im Licht des Bewusstseins gegenwärtig war.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Durch eigenen Willen entfaltet sie auf der eigenen Wand das All.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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