Kṣemarāja entfaltet aus dem ersten Sūtra die Grundstruktur der gesamten Lehre: Die freie Bewusstheit (citi) ist die Ursache dafür, dass die Welt überhaupt erscheint, besteht und wieder in ihrem Ursprung ruht.
Bewusstheit als einzige Ursache
Mit „Welt“ meint Kṣemarāja alles von Sadāśiva bis zum Erdelement. Wenn sich Bewusstheit ausbreitet, öffnet sich diese Welt und bleibt als Erfahrung bestehen. Wenn ihre Ausbreitung zurücktritt, schließt sich die Welt wieder. Dafür beruft er sich auf die unmittelbare Erfahrung.
Eine von Bewusstheit getrennte Ursache – etwa māyā oder prakṛti als selbständige Urmaterie – weist er zurück. Was überhaupt nicht erscheint, kann nichts verursachen. Sobald etwas erscheint, ist es bereits mit dem Licht des Bewusstseins verbunden. Auch Raum, Zeit und Gestalt werden von Bewusstheit hervorgebracht und belebt. Deshalb können sie Bewusstheit nicht begrenzen. Sie ist nach Kṣemarāja allgegenwärtig, immer schon gegenwärtig und vollständig.
Ursache und Wirkung sind nicht zwei Dinge
Ein Einwand liegt nahe: Wenn die Welt nicht von Bewusstheit verschieden ist, wie kann Bewusstheit dann ihre Ursache sein? Kṣemarājas Antwort lautet: Die freie und klare Bewusstheit leuchtet selbst als die unzähligen Formen der Welt auf. Genau dieses Sich-Zeigen als Welt ist hier das Verhältnis von Ursache und Wirkung. Es gibt keinen zweiten Stoff neben ihr.
Ebenso benötigt die selbstleuchtende Bewusstheit kein außerhalb von ihr stehendes Erkenntnismittel, das sie erst beweisen müsste. Jedes Erkenntnismittel kann nur innerhalb ihres Lichts tätig werden. Kṣemarāja veranschaulicht die Unmöglichkeit eines äußeren Beweises mit dem Bild eines Menschen, der mit dem eigenen Fuß über den Schatten seines Kopfes steigen möchte.
Was „Vollendung der Welt“ noch bedeutet
Kṣemarāja liest die knappe Formulierung viśva-siddhi-hetu bewusst mehrfach. Bewusstheit ist nicht nur die Ursache des Erscheinens der Welt. Im Zurückziehen führt sie die Vielfalt auch wieder in die Harmonie der höchsten Nicht-Zweiheit. Wird ihre Freiheit wiedererkannt, wird sie zum Grund sowohl von Erfahrung und Genuss (bhoga) als auch von Befreiung (mokṣa).
Zugleich kann die vollständige Erfahrung eines beliebigen Phänomens – etwa der Farbe Blau, eines Glücksgefühls, des Körpers oder des Atems – zum Mittel werden, Bewusstheit zu erkennen. Entscheidend ist nicht nur, dass ein Objekt und ein Wahrnehmender erscheinen. Entscheidend ist die aufmerksame Wahrnehmung ihrer Verbindung. Kṣemarāja zitiert dafür das Vijñānabhairava: Objekt- und Subjektbewusstsein haben alle verkörperten Wesen; die Besonderheit des Yogins liegt in der Aufmerksamkeit auf ihren Zusammenhang.
Die einzelnen Worte als Zusammenfassung
- Der Singular
citiḥzeigt für Kṣemarāja: Bewusstheit ist nicht durch Ort, Zeit oder andere Unterschiede in mehrere Bewusstheiten zerlegt. Damit weist das Sūtra alle letztgültig dualistischen Lehren zurück. svatantrā, „völlig unabhängig“, unterscheidet diese Lehre von einem Absoluten ohne wirksame Herrschaft. Freiheit bedeutet hier die Fähigkeit, wirklich erscheinen zu lassen.viśva-siddhi-hetubündelt vier Aussagen: Bewusstheit besitzt alle Kräfte, ist die Ursache von allem, kann durch einen einfachen Zugang erkannt werden und schenkt eine große Frucht.
Kṣemarāja präzisiert die im ersten Sūtra behauptete Freiheit: Bewusstheit entfaltet die Welt aus eigenem Willen. Sie folgt dabei weder dem Willen eines anderen – etwa Brahmās – noch benötigt sie einen von ihr getrennten Stoff. Sonst wäre ihre Freiheit aufgehoben.
Die „eigene Wand“ oder „Leinwand“ ist ebenfalls Bewusstheit. Kṣemarāja vergleicht die Welt mit einer Stadt, die sich in einem Spiegel zeigt: Bild und Spiegel erscheinen unterscheidbar, sind an dieser Stelle aber nicht voneinander getrennt. Unmīlana, das Öffnen oder Entfalten, bedeutet deshalb nicht die Herstellung von etwas zuvor völlig Unwirklichem. Sichtbar wird, was bereits ungetrennt im Licht des Bewusstseins gegenwärtig war.
Illustrationen: KI-generiert.
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