PJH 10-11: Die fünf göttlichen Handlungen
PJH 10-11: Die fünf göttlichen Handlungen

Hier beginnt unsere spirituelle Reise vom leidvollen Dasein als saṃsārin zur Wiedererkennung unserer wahren Natur.

Der erste Schritt ist das Erkennen der sogenannten fünf göttlichen Handlungen. Sie kennzeichnen nicht nur Śivas kosmischen Tanz in der Rolle als Naṭarāja, sondern werden auch von uns in jedem Moment des Lebens vollzogen. Wenn wir das erkennen, übernehmen wir Verantwortung für unser Leben und uns wird bewusst, dass wir nicht Teil des Ganzen sind, sondern das Ganze.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 10
तथापि तद्वत्पञ्चकृत्यानि करोति ||10||
tathāpi tadvat pañca-kṛtyāni karoti ||10|| Analyse ▾ Analyse ▴
tathāpi
Adverb
dennoch, trotzdem
tadvat
Adverb
wie jenes, auf dieselbe Weise
pañca
Dvigu-Kompositum
Zahlwort
fünf
kṛtyāni
Akkusativ Plural
Substantiv Neutrum
Handlungen, Verrichtungen
karoti
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
es vollzieht, führt aus
Dennoch (tathāpi) vollzieht [der begrenzte Wahrnehmende] (karoti | 3p sg act pres) wie jenes [höchste Bewusstsein] (tadvat) die fünf Handlungen (pañca-kṛtyāni | acc pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
In jedem Wahrnehmungsmoment lässt Du etwas erscheinen, verweilen, verschwinden, unbeachtet bleiben oder bewusst werden. Diese fünf Bewegungen machen Deine schöpferische Beteiligung sichtbar.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja fragt nach einem erkennbaren Zeichen dafür, dass selbst der begrenzte saṃsārin Śiva ist. Seine Antwort: Auch im gewöhnlichen Erleben vollzieht er dieselben fünf Handlungen wie der höchste Herr.

Gerade diese unablässige Fünffachheit unterscheidet Kṣemarājas nichtduale Lehre von den von ihm erwähnten Brahman-Lehren. Das göttliche Bewusstsein ist nicht nur ein stiller Hintergrund. Es lässt erscheinen, erhält, zieht zurück, verbirgt und enthüllt.

Die fünf Handlungen in einer Wahrnehmung

Kṣemarāja nimmt eine konkrete Erscheinung wie die Farbe Blau:

  • Schöpfung (sṛṣṭi): Blau erscheint gerade an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit.
  • Zurückziehen (saṃhāra): Andere mögliche Orte, Zeiten und Erscheinungen treten dabei nicht hervor.
  • Erhaltung (sthiti): Die blaue Erscheinung bleibt für eine Weile bestehen.
  • Verbergen (vilaya oder nigraha): Das Erscheinende zeigt sich als vom Wahrnehmenden verschieden. Die zugrunde liegende Einheit bleibt verdeckt.
  • Gnade oder Enthüllung (anugraha): Dasselbe Erscheinende wird in seiner Einheit mit dem Licht des Bewusstseins erkannt.

Die kosmischen Handlungen Śivas sind damit keine Vorgänge, die nur außerhalb des Menschen stattfinden. Sie bilden die Struktur jedes einzelnen Erlebens.

Wer diese eigene Fünffachheit mit fester Einsicht immer wieder betrachtet, lässt nach Kṣemarāja die eigene göttliche Herrschaft aufgehen. Ein zu Lebzeiten Befreiter erkennt die ganze Welt als Entfaltung der eigenen, nicht begrenzten Natur. Wer dagegen nur voneinander getrennte Gegenstände sieht, bleibt gebunden.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
Auch so wirkt er wie jener die fünf Weltprozesse.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 11
आभासनरक्तिविमर्शनबीजावस्थापनविलापनतस्तानि ||11||
ābhāsana-rakti-vimarśana-bījāvasthāpana-vilāpanatas tāni ||11|| Analyse ▾ Analyse ▴
ābhāsana
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Erscheinenlassen, Manifestation
rakti
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Anhaften, Sich-Einlassen
vimarśana
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
reflektierendes Erfassen, Bewusstwerden
bīja
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Neutrum
als Saat, in Form eines Keims
avasthāpana
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Einsetzen, Niederlegen
vilāpanataḥ
vilāpanatas
Adverb
durch Auflösen, aufgrund des Einschmelzens
tāni
Nominativ Plural Neutrum
Pronomen dem
diese
Diese [fünf Handlungen] (tāni | nom pl n) [geschehen] durch Erscheinenlassen, Sich-Färben, reflektierendes Erfassen, Setzen eines Samens und Auflösen (ābhāsana-rakti-vimarśana-bījāvasthāpana-vilāpanatas).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Erfahrung wird sichtbar, zieht Aufmerksamkeit an, wird bewusst, hinterlässt Spuren und kann sich wieder lösen. Beobachte diesen ganzen Bogen, statt Dich nur am stärksten Moment festzuhalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja ergänzt eine geheime, aus der Mahārtha- oder Krama-Sicht stammende Deutung der fünf Handlungen. Sie beschreibt genauer, was im Verlauf einer einzelnen Erfahrung geschieht.

  • Erscheinenlassen (ābhāsana): Was durch die sich ausbreitenden Wahrnehmungskräfte aufleuchtet, wird in diesem Augenblick erschaffen.
  • Sich-Färben oder inniges Aufgehen (rakti): Wenn Bewusstheit ohne Unterbrechung eine Zeit lang bei der Erscheinung verweilt und von ihr gleichsam gefärbt wird, erhält sie diese.
  • Reflektierendes Erfassen (vimarśana): Im Moment des bewussten Erfassens, den Kṣemarāja auch mit staunender Selbstgegenwart (camatkāra) verbindet, wird die zuvor eigenständig wirkende Erscheinung zurückgenommen.
  • Setzen eines Samens (bījāvasthāpana): Hinterlässt das Zurückgenommene im Inneren Zweifel oder andere Eindrücke (saṃskāra), wird es zum Samen einer später erneut entstehenden Erfahrung und damit auch erneuten saṃsāra.
  • Auflösen (vilāpana): Ein bereits gespeicherter Eindruck oder eine gegenwärtige Erfahrung kann durch „plötzliches Reifen“ (haṭha-pāka) und „vollständiges Verschlingen“ (alaṃ-grāsa) im Feuer des Bewusstseins aufgehen. Das Getrennte wird in die Fülle aufgenommen. Darin besteht hier die Gnade.

Diese fünf Vorgänge sind nach Kṣemarāja immer wirksam. Ihre befreiende Bedeutung wird jedoch nicht schon durch eine begriffliche Liste sichtbar. Dafür hält er die Unterweisung und Verehrung eines wahren Lehrers (sadguru) für notwendig.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
„Diese“ — „fünffachen Prozesse vollzieht er“, ist aus dem vorigen zu ergänzen — „auf Grund von Erscheinenlassen, Gefallenfinden, Meditation, Keimlegung und Auflösung.“
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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