Kṣemarāja fragt nach einem erkennbaren Zeichen dafür, dass selbst der begrenzte saṃsārin Śiva ist. Seine Antwort: Auch im gewöhnlichen Erleben vollzieht er dieselben fünf Handlungen wie der höchste Herr.
Gerade diese unablässige Fünffachheit unterscheidet Kṣemarājas nichtduale Lehre von den von ihm erwähnten Brahman-Lehren. Das göttliche Bewusstsein ist nicht nur ein stiller Hintergrund. Es lässt erscheinen, erhält, zieht zurück, verbirgt und enthüllt.
Die fünf Handlungen in einer Wahrnehmung
Kṣemarāja nimmt eine konkrete Erscheinung wie die Farbe Blau:
- Schöpfung (
sṛṣṭi): Blau erscheint gerade an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. - Zurückziehen (
saṃhāra): Andere mögliche Orte, Zeiten und Erscheinungen treten dabei nicht hervor. - Erhaltung (
sthiti): Die blaue Erscheinung bleibt für eine Weile bestehen. - Verbergen (
vilayaodernigraha): Das Erscheinende zeigt sich als vom Wahrnehmenden verschieden. Die zugrunde liegende Einheit bleibt verdeckt. - Gnade oder Enthüllung (
anugraha): Dasselbe Erscheinende wird in seiner Einheit mit dem Licht des Bewusstseins erkannt.
Die kosmischen Handlungen Śivas sind damit keine Vorgänge, die nur außerhalb des Menschen stattfinden. Sie bilden die Struktur jedes einzelnen Erlebens.
Wer diese eigene Fünffachheit mit fester Einsicht immer wieder betrachtet, lässt nach Kṣemarāja die eigene göttliche Herrschaft aufgehen. Ein zu Lebzeiten Befreiter erkennt die ganze Welt als Entfaltung der eigenen, nicht begrenzten Natur. Wer dagegen nur voneinander getrennte Gegenstände sieht, bleibt gebunden.
ābhāsana-rakti-vimarśana-bījāvasthāpana-vilāpanatas tāni ||11|| Analyse ▾ Analyse ▴
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ābhāsana
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Erscheinenlassen, Manifestation | |
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rakti
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Anhaften, Sich-Einlassen | |
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vimarśana
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reflektierendes Erfassen, Bewusstwerden | |
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bīja
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als Saat, in Form eines Keims | |
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avasthāpana
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Einsetzen, Niederlegen | |
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vilāpanataḥ
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vilāpanatas
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durch Auflösen, aufgrund des Einschmelzens |
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tāni
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diese |
Kṣemarāja ergänzt eine geheime, aus der Mahārtha- oder Krama-Sicht stammende Deutung der fünf Handlungen. Sie beschreibt genauer, was im Verlauf einer einzelnen Erfahrung geschieht.
- Erscheinenlassen (
ābhāsana): Was durch die sich ausbreitenden Wahrnehmungskräfte aufleuchtet, wird in diesem Augenblick erschaffen. - Sich-Färben oder inniges Aufgehen (
rakti): Wenn Bewusstheit ohne Unterbrechung eine Zeit lang bei der Erscheinung verweilt und von ihr gleichsam gefärbt wird, erhält sie diese. - Reflektierendes Erfassen (
vimarśana): Im Moment des bewussten Erfassens, den Kṣemarāja auch mit staunender Selbstgegenwart (camatkāra) verbindet, wird die zuvor eigenständig wirkende Erscheinung zurückgenommen. - Setzen eines Samens (
bījāvasthāpana): Hinterlässt das Zurückgenommene im Inneren Zweifel oder andere Eindrücke (saṃskāra), wird es zum Samen einer später erneut entstehenden Erfahrung und damit auch erneutensaṃsāra. - Auflösen (
vilāpana): Ein bereits gespeicherter Eindruck oder eine gegenwärtige Erfahrung kann durch „plötzliches Reifen“ (haṭha-pāka) und „vollständiges Verschlingen“ (alaṃ-grāsa) im Feuer des Bewusstseins aufgehen. Das Getrennte wird in die Fülle aufgenommen. Darin besteht hier die Gnade.
Diese fünf Vorgänge sind nach Kṣemarāja immer wirksam. Ihre befreiende Bedeutung wird jedoch nicht schon durch eine begriffliche Liste sichtbar. Dafür hält er die Unterweisung und Verehrung eines wahren Lehrers (sadguru) für notwendig.
Illustrationen: KI-generiert.
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