PJH 15-16: Erlangung der Kraft, Freude des Bewusstseins (cidānanda) und Befreiung zu Lebzeiten (jīvanmukti)
PJH 15-16: Erlangung der Kraft, Freude des Bewusstseins (cidānanda) und Befreiung zu Lebzeiten (jīvanmukti)

Cidānanda und Jīvanmukti

In diesem Sinnabschnitt erfahren wir, was die Befreiung zu Lebzeiten (jīvanmukti) ist, wie wir sie erreichen können und was die Freude des Bewusstseins (cidānanda) damit zu tun hat.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Bärbel Münchow Bärbel Münchow
Pratyabhijñāhṛdaya 15
बललाभे विश्वमात्मसात्करोति ||15||
bala-lābhe viśvam ātmasāt karoti ||15|| Analyse ▾ Analyse ▴
bala
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Kraft, der Stärke
lābhe
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
beim Erlangen, beim Gewinnen
viśvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
die ganze Welt, das Universum
ātmasāt
Adverb
zu sich selbst, sich zu eigen
karoti
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
es macht, verwandelt
Beim Erlangen der Kraft (bala-lābhe | loc sg) macht [die Bewusstheit] (karoti | 3p sg act pres) sich die ganze Welt (viśvam | acc sg) zu eigen (ātmasāt).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Innere Kraft bedeutet hier nicht Kontrolle über die Welt. Sie wächst, wenn Du Erfahrungen nicht ausgrenzt, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs aufnehmen kannst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Kṣemarāja verbindet das fünfzehnte Sūtra mit einer Praxis: Der Übende folgt aufmerksam dem Hervortreten und Zurückgehen der Wahrnehmung. Dazu lässt er die Kräfte der Sinne ausströmen und zieht sie wieder zusammen. So betrachtet er Schöpfung und Auflösung nicht nur als kosmische Begriffe, sondern im eigenen Erleben.

Was „Kraft erlangen“ bedeutet

Die gesuchte Kraft (bala) ist Bewusstheit selbst, wenn die Überlagerung durch die Identifikation mit Körper, Lebensenergie und ähnlichen Begrenzungen zurücktritt und die eigene Gestalt hervortritt. Sie wird also nicht von außen erworben.

In dieser Kraft macht sich der Übende die Welt „zu eigen“. Kṣemarāja erklärt das nicht als Besitznahme. Alles von der Erde bis Sadāśiva erscheint in Nicht-Verschiedenheit von der eigenen Natur. Wie ein angefachtes Feuer Brennstoff verbrennt, nimmt Bewusstheit die als Fesseln wirkenden Sinnesobjekte in sich auf.

Einheit wird nicht erst hergestellt

Ein Einwand lautet: Wenn diese Erfahrung der Einheit nur gelegentlich auftritt, warum sollte sie als Ziel gelten? Kṣemarāja antwortet, nur das Auftauchen und Zurücktreten der Körperidentifikation lasse die Einheit vorübergehend erscheinen. Bewusstheit selbst leuchtet ununterbrochen. Ohne sie könnte auch der Körper nicht erscheinen.

Übung soll deshalb die falsche Gleichsetzung des Wahrnehmenden mit Körper, Atem und ähnlichen Begrenzungen zum Sinken bringen. Sie erzeugt nicht erst den immer gegenwärtigen, selbstleuchtenden Wahrnehmenden.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
macht sie sich in der Machtergreifung das All zu eigen.
Emil Baer - 1926
Pratyabhijñāhṛdaya 16
चिदानन्दलाभे देहादिषु चेत्यमानेष्वपि चिदैकात्म्यप्रतिपत्तिदार्ढ्यं जीवन्मुक्तिः ||16||
cid-ānanda-lābhe dehādiṣu cetyamāneṣv api cid-aikātmya-pratipatti-dārḍhyaṃ jīvan-muktiḥ ||16|| Analyse ▾ Analyse ▴
cit
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Bewusstheit
ānanda
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
der Freude, Glückseligkeit
lābhe
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
beim Erlangen
deha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Körper
ādiṣu
Lokativ Plural
Substantiv Maskulin
und den weiteren, und so weiter
cetyamāneṣu
Lokativ Plural Maskulin Partizip Präsens Passiv Causativ
Verbalwurzel
als wahrgenommen, während sie objektiviert werden
api
Partikel
obwohl, auch
cit
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Feminin
mit der Bewusstheit
aikātmya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
des Einsseins, der Identität
pratipatti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
des Erkennens, der Gewissheit
dārḍhyam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Festigkeit, Unerschütterlichkeit
jīvat
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ Partizip Präsens Aktiv
Verbalwurzel
während man lebt, lebend
muktiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Befreiung
Beim Erlangen der Freude der Bewusstheit (cid-ānanda-lābhe | loc sg) [ist] Befreiung zu Lebzeiten (jīvan-muktiḥ | nom sg) die Festigkeit der Erkenntnis der Einheit mit Bewusstheit (cid-aikātmya-pratipatti-dārḍhyam | nom sg), auch (api) während Körper und Weiteres wahrgenommen werden (dehādiṣu cetyamāneṣu | loc pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Freiheit muss Körper und Alltag nicht zum Verschwinden bringen. Sie kann als stabile Erfahrung wachsen, dass auch das Konkrete in Bewusstheit erscheint und nicht von ihr getrennt ist.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Cid-ānanda, die Freude des Bewusstseins, ist für Kṣemarāja die Erfahrung, in der die ganze Welt als nicht verschieden vom eigenen Selbst aufgenommen wird. Befreiung zu Lebzeiten (jīvanmukti) beginnt dort, wo diese Einheit auch im gewöhnlichen Erleben fest bleibt.

Beim Zurückkehren aus tiefer Sammlung erscheinen Körper, Lebensenergie, Farben und Gefühle wieder. Sie wirken nun wie einzelne Glieder oder Blätter innerhalb des einen Ganzen. Die in der Sammlung entstandene Prägung und die im folgenden Text erklärten Methoden festigen die Einsicht, dass alles ein Bewusstsein ist.

Kṣemarāja nennt diesen Zustand Befreiung, obwohl der Mensch weiterlebt und seine Lebenskräfte erhält. Die Fesseln sind geschmolzen, weil er seine eigene Natur wiedererkannt hat. Ein von ihm zitierter Spanda-Vers beschreibt die Folge: Wer die ganze Welt als Spiel der Bewusstheit wahrnimmt und darin ununterbrochen verbunden bleibt, ist ohne Zweifel zu Lebzeiten befreit.

Kṣemarājas Pratyabhijñāhṛdayavṛtti
So ist denn Erlösung bei Lebzeiten dauernde Gewinnung des Zustandes, in dem die Cit [unser] einziges Selbst ist, bei Erlangung von Geist und Wonne, mögen auch der Körper und die andern [physischen Konstituenten] sich noch immer bemerkbar machen.
Emil Baer - 1926

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Bärbel Münchow

Übt seit 2003 Pratyabhijñāhṛdayam Aus Hamburg Ashtanga YogaYogatherapiePhilosophie & Sanskrit

2003 entdeckte ich Yoga für mich – damals noch als neue „Sportart“, weil meine Knie und mein Rücken Tennis und Laufen nicht mehr mochten. Was zunächst als körperlicher Ausgleich begann, ist längst zu einer großen... mehr ›

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