Kṣemarāja verbindet das fünfzehnte Sūtra mit einer Praxis: Der Übende folgt aufmerksam dem Hervortreten und Zurückgehen der Wahrnehmung. Dazu lässt er die Kräfte der Sinne ausströmen und zieht sie wieder zusammen. So betrachtet er Schöpfung und Auflösung nicht nur als kosmische Begriffe, sondern im eigenen Erleben.
Was „Kraft erlangen“ bedeutet
Die gesuchte Kraft (bala) ist Bewusstheit selbst, wenn die Überlagerung durch die Identifikation mit Körper, Lebensenergie und ähnlichen Begrenzungen zurücktritt und die eigene Gestalt hervortritt. Sie wird also nicht von außen erworben.
In dieser Kraft macht sich der Übende die Welt „zu eigen“. Kṣemarāja erklärt das nicht als Besitznahme. Alles von der Erde bis Sadāśiva erscheint in Nicht-Verschiedenheit von der eigenen Natur. Wie ein angefachtes Feuer Brennstoff verbrennt, nimmt Bewusstheit die als Fesseln wirkenden Sinnesobjekte in sich auf.
Einheit wird nicht erst hergestellt
Ein Einwand lautet: Wenn diese Erfahrung der Einheit nur gelegentlich auftritt, warum sollte sie als Ziel gelten? Kṣemarāja antwortet, nur das Auftauchen und Zurücktreten der Körperidentifikation lasse die Einheit vorübergehend erscheinen. Bewusstheit selbst leuchtet ununterbrochen. Ohne sie könnte auch der Körper nicht erscheinen.
Übung soll deshalb die falsche Gleichsetzung des Wahrnehmenden mit Körper, Atem und ähnlichen Begrenzungen zum Sinken bringen. Sie erzeugt nicht erst den immer gegenwärtigen, selbstleuchtenden Wahrnehmenden.
cid-ānanda-lābhe dehādiṣu cetyamāneṣv api cid-aikātmya-pratipatti-dārḍhyaṃ jīvan-muktiḥ ||16|| Analyse ▾ Analyse ▴
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cit
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der Bewusstheit | |
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ānanda
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der Freude, Glückseligkeit | |
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lābhe
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beim Erlangen | |
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deha
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Körper | |
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ādiṣu
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und den weiteren, und so weiter | |
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cetyamāneṣu
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als wahrgenommen, während sie objektiviert werden | |
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api
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obwohl, auch | |
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cit
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mit der Bewusstheit | |
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aikātmya
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des Einsseins, der Identität | |
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pratipatti
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des Erkennens, der Gewissheit | |
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dārḍhyam
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Festigkeit, Unerschütterlichkeit | |
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jīvat
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während man lebt, lebend | |
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muktiḥ
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Befreiung |
Cid-ānanda, die Freude des Bewusstseins, ist für Kṣemarāja die Erfahrung, in der die ganze Welt als nicht verschieden vom eigenen Selbst aufgenommen wird. Befreiung zu Lebzeiten (jīvanmukti) beginnt dort, wo diese Einheit auch im gewöhnlichen Erleben fest bleibt.
Beim Zurückkehren aus tiefer Sammlung erscheinen Körper, Lebensenergie, Farben und Gefühle wieder. Sie wirken nun wie einzelne Glieder oder Blätter innerhalb des einen Ganzen. Die in der Sammlung entstandene Prägung und die im folgenden Text erklärten Methoden festigen die Einsicht, dass alles ein Bewusstsein ist.
Kṣemarāja nennt diesen Zustand Befreiung, obwohl der Mensch weiterlebt und seine Lebenskräfte erhält. Die Fesseln sind geschmolzen, weil er seine eigene Natur wiedererkannt hat. Ein von ihm zitierter Spanda-Vers beschreibt die Folge: Wer die ganze Welt als Spiel der Bewusstheit wahrnimmt und darin ununterbrochen verbunden bleibt, ist ohne Zweifel zu Lebzeiten befreit.
Illustrationen: KI-generiert.
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