Yoga Sūtra 2: Über die spirituelle Praxis (Sādhana)

Das zweite Kapitel des Yoga Sūtra beschreibt die Praxis (sādhana), durch die ein zerstreuter Geist zu Sammlung, Unterscheidung und Freiheit geführt wird.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
PYS 2.1–2: Kriyā-Yoga
PYS 2.1–2: Kriyā-Yoga

Yogaśāstra 2.1–2: Askese, Rezitation und Hingabe

Tapas, Rezitation oder Studium von Befreiungslehren und das Darbringen aller Handlungen an Īśvara schwächen die Kleśa und bereiten Samādhi vor.

PYS 2.3–9: Fünf Kleśa
PYS 2.3–9: Fünf Kleśa

Yogaśāstra 2.3–9: Formen verkehrter Erkenntnis

Avidyā nährt Asmitā, Rāga, Dveṣa und Abhiniveśa. Diese Verkennungen halten den Wandel der Guṇa, Karma und Wiedergeburt in Gang.

Patañjali Yoga Sūtra 2.3
Unwissenheit, Ichheit, Anhaften, Abneigung und Festhalten am Leben (avidyāsmitā-rāga-dveṣābhiniveśāḥ | nom pl) [sind] die Kleśa (kleśāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.4
Unwissenheit (avidyā | nom sg) [ist] das Feld (kṣetram | nom sg) der übrigen [vier Kleśa] (uttareṣām | gen pl m), ob sie ruhend, abgeschwächt, unterbrochen oder voll hervorgetreten sind (prasupta-tanu-vicchinnodārāṇām | gen pl m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.5
Unwissenheit (avidyā | nom sg) [ist] die Erkenntnis des Ewigen, Reinen, Lustvollen und des Selbst (nitya-śuci-sukhātma-khyātiḥ | nom sg) im Vergänglichen, Unreinen, Leidvollen und Nicht-Selbst (anityāśuci-duḥkhānātmasu | loc pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.6
Ichheit (asmitā | nom sg) [ist] gleichsam (iva) die Einheit (ekātmatā | nom sg) der Kraft des Sehenden [Puruṣa] und der Kraft des Erkenntnisinstruments [Buddhi] (dṛg-darśana-śaktyoḥ | gen du).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.7
Anhaften (rāgaḥ | nom sg) [ist] das, was einer Lusterfahrung folgt (sukhānuśayī | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.8
Abneigung (dveṣaḥ | nom sg) [ist] das, was einer Leiderfahrung folgt (duḥkhānuśayī | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.9
Das aus eigener Neigung fortströmende (sva-rasa-vāhī | nom sg m), selbst (api) beim Weisen (viduṣaḥ | gen sg) ebenso (tathā) fest verwurzelte (rūḍhaḥ | nom sg m ppp) Festhalten am Leben (abhiniveśaḥ | nom sg) [ist ein Kleśa].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
PYS 2.10–11: Aufhebung der Kleśa
PYS 2.10–11: Aufhebung der Kleśa

Yogaśāstra 2.10–11: Meditation und Rückauflösung

Aktive Kleśa werden durch unterscheidende Meditation beseitigt; ihre verbrannten Samen vergehen endgültig, wenn das Citta in seine Ursache zurückkehrt.

PYS 2.12–14: Karmischer Speicher
PYS 2.12–14: Karmischer Speicher

Yogaśāstra 2.12–14: Früchte des Karma

Der in den Kleśa wurzelnde Karmāśaya reift in dieser oder einer künftigen Geburt als Art der Geburt, Lebensdauer und freud- oder leidvolle Erfahrung.

PYS 2.15–17: Alles ist Leiden
PYS 2.15–17: Alles ist Leiden

Yogaśāstra 2.15–17: Ursache künftigen Leids

Für den Unterscheidenden ist jede bedingte Erfahrung leidvoll. Vermeidbar ist künftiges Leid; seine Ursache ist die Verbindung von Puruṣa und Prakṛti.

PYS 2.18–19: Entfaltung der Prakṛti
PYS 2.18–19: Entfaltung der Prakṛti

Yogaśāstra 2.18–19: Vier Ebenen der Guṇa

Die vier Stufen reichen vom merkmallosen Pradhāna über Buddhi und subtile Entfaltungen bis zu Sinnen und groben Elementen; ihr Zweck ist Erfahrung und...

PYS 2.20–22: Puruṣa und das Sichtbare
PYS 2.20–22: Puruṣa und das Sichtbare

Yogaśāstra 2.20–22: Seher und Gegenstand

Puruṣa ist reine, unveränderliche Sehkraft; Prakṛti dient seiner Erfahrung und Befreiung. Ist ihr Zweck erfüllt, verschwindet sie für ihn, bleibt aber für...

PYS 2.23–26: Von Avidyā zu Kaivalya
PYS 2.23–26: Von Avidyā zu Kaivalya

Yogaśāstra 2.23–26: Trennung von Puruṣa und Prakṛti

Avidyā verbindet Puruṣa und Buddhi. Ununterbrochene Erkenntnis ihrer Verschiedenheit beendet diese Verbindung; Puruṣa bleibt in Kaivalya unvermengt und allein.

PYS 2.27–29: Aṣṭāṅga als Befreiungsweg
PYS 2.27–29: Aṣṭāṅga als Befreiungsweg

Yogaśāstra 2.27–29: Acht Glieder zur Unterscheidung

Die acht Glieder tilgen verkehrte Erkenntnis und lassen Viveka-Khyāti erstrahlen. Ihr Ziel ist die endgültige Trennung der Guṇa vom Puruṣa.

PYS 2.30–34: Gelübde und Gegenbetrachtung
PYS 2.30–34: Gelübde und Gegenbetrachtung

Yogaśāstra 2.30–34: Yama, Niyama und Vitarka

Yama und Niyama ordnen asketische Lebensführung; widersprechende Absichten werden durch Gegenbetrachtung ihrer endlosen Folgen von Leid und Unwissenheit...

Patañjali Yoga Sūtra 2.30
Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit und Nichtannehmen [von Gaben] (ahiṃsā-satyāsteya-brahma-caryāparigrahāḥ | nom pl) [sind] die Yama (yamāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.31
Wenn [die Yama] nicht durch Geburtsstand, Ort, Zeit oder Umstand begrenzt sind (jāti-deśa-kāla-samayānavacchinnāḥ | nom pl m), sind sie universell (sārva-bhaumāḥ | nom pl m) und [bilden] das große Gelübde (mahā-vratam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.32
Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Rezitation heiliger Texte und Hingabe an Īśvara (śauca-saṃtoṣa-tapaḥ-svādhyāyeśvara-praṇidhānāni | nom pl) [sind] die Niyama (niyamāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.33
Wenn dem Yoga widersprechende Erwägungen bedrängen (vitarka-bādhane | loc absl sg), [soll] die Gegenbetrachtung geübt werden (pratipakṣa-bhāvanam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.34
Dem Yoga widersprechende Erwägungen (vitarkāḥ | nom pl) wie Verletzen und Ähnliches (hiṃsādayaḥ | nom pl), ob selbst ausgeführt, veranlasst oder gebilligt (kṛta-kāritānumoditāḥ | nom pl m), ob durch Gier, Zorn oder Verblendung bedingt (lobha-krodha-moha-pūrvakāḥ | nom pl m), ob mild, mittel oder heftig (mṛdu-madhyādhimātrāḥ | nom pl m), bringen endlose Früchte von Leid und Unwissenheit hervor (duḥkhājñānānanta-phalāḥ | nom pl m). So (iti) [wird] die Gegenbetrachtung geübt (pratipakṣa-bhāvanam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
PYS 2.35–39: Vollendete Yama
PYS 2.35–39: Vollendete Yama

Yogaśāstra 2.35–39: Übernatürliche Wirkungen

Vollkommene Ahiṃsā, Satya, Asteya, Brahmacarya und Aparigraha bewirken Feindlosigkeit, unfehlbare Rede, Schätze, Kraft und Wissen um frühere und künftige...

Patañjali Yoga Sūtra 2.35
Bei festem Gegründetsein im Nichtverletzen (ahiṃsā-pratiṣṭhāyām | loc absl sg) [entsteht] in seiner [des Yogin] Gegenwart (tat-saṃnidhau | loc sg) das Aufgeben von Feindseligkeit (vaira-tyāgaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.36
Bei festem Gegründetsein in Wahrhaftigkeit (satya-pratiṣṭhāyām | loc absl sg) [entsteht] die Abhängigkeit der Handlungen und ihrer Früchte [vom Yogin] (kriyā-phalāśrayatvam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.37
Bei festem Gegründetsein im Nichtstehlen (asteya-pratiṣṭhāyām | loc absl sg) [erfolgt] das Erscheinen aller Schätze (sarva-ratnopasthānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.38
Bei festem Gegründetsein in Keuschheit (brahma-carya-pratiṣṭhāyām | loc absl sg) [entsteht] die Erlangung von Kraft (vīrya-lābhaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.39
Bei Festigkeit im Nichtannehmen [von Gaben] (aparigraha-sthairye | loc absl sg) [entsteht] vollständige Erkenntnis darüber, wie Geburten beschaffen sind (janma-kathaṃtā-saṃbodhaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
PYS 2.40–45: Vollendete Niyama
PYS 2.40–45: Vollendete Niyama

Yogaśāstra 2.40–45: Askese und Siddhi

Śauca führt zur Abscheu vor Körpern, Saṃtoṣa zu höchster Freude, Tapas zu Siddhi, Svādhyāya zur Begegnung mit Gottheiten und Hingabe an Īśvara zur Vollendung...

Patañjali Yoga Sūtra 2.40
Aus Reinheit (śaucāt | abl sg) [entstehen] Abscheu vor dem eigenen Körper (svāṅga-jugupsā | nom sg) und Nichtberührung (asaṃsargaḥ | nom sg) mit anderen [Körpern] (paraiḥ | ins pl m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.41
Und (ca) [aus Reinheit entstehen] Reinheit des Sattva [des Citta], Heiterkeit, Einpunktigkeit, Beherrschung der Sinne und Eignung zur Schau des Selbst [des Puruṣa] (sattva-śuddhi-saumanasyaikāgryendriya-jayātma-darśana-yogyatvāni | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.42
Aus Zufriedenheit (saṃtoṣāt | abl sg) [entsteht] die Erlangung unübertrefflicher Freude (anuttamaḥ sukha-lābhaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.43
Aus Askese (tapasaḥ | abl sg) [entsteht] durch das Schwinden der Unreinheit (aśuddhi-kṣayāt | abl sg) Vollkommenheit des Körpers und der Sinne (kāyendriya-siddhiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.44
Aus der Rezitation heiliger Texte (svādhyāyāt | abl sg) [entsteht] die Verbindung mit der erwählten Gottheit (iṣṭa-devatā-saṃprayogaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Patañjali Yoga Sūtra 2.45
Aus Hingabe an Īśvara (īśvara-praṇidhānāt | abl sg) [entsteht] die Vollendung des Samādhi (samādhi-siddhiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
PYS 2.46–48: Āsana als Sitzhaltung
PYS 2.46–48: Āsana als Sitzhaltung

Yogaśāstra 2.46–48: Stabiler meditativer Sitz

Āsana ist eine stabile, angenehme Haltung. Es wird durch Nachlassen der Anstrengung oder Versenkung in Ananta vollendet und macht gegen Gegensatzpaare...

PYS 2.49–51: Prāṇāyāma als Atemstillstand
PYS 2.49–51: Prāṇāyāma als Atemstillstand

Yogaśāstra 2.49–51: Unterbrechen des Atems

Nach Festigung des Sitzes unterbricht Prāṇāyāma Ein- und Ausatmung. Äußere, innere und angehaltene Formen werden bemessen und schließlich überschritten.

PYS 2.52–53: Karmahülle und Dhāraṇā
PYS 2.52–53: Karmahülle und Dhāraṇā

Yogaśāstra 2.52–53: Wirkung des Prāṇāyāma

Prāṇāyāma schwächt das Karma, das das Licht des Sattva bedeckt und an Saṃsāra bindet; dadurch wird Manas für Dhāraṇā geeignet.

PYS 2.54-55: Pratyāhāra
PYS 2.54-55: Pratyāhāra

Yogaśāstra 2.54–55: Rückzug der Sinne

Ohne Kontakt zu Gegenständen folgen die Sinne dem gehemmten Citta wie Bienen ihrer Königin. So werden sie ohne zusätzliche Methode vollständig beherrscht.

Yoga Sūtra Kapitel 2: In Lautschrift und mit Tonaufnahme zum Mitchanten

Es ist eine meditative Praxis, das Yoga Sūtra zu chanten. Nutzte die Lautschrift, um die genaue Aussprache zu verstehen und chante in Call & Response mit...

Yoga Sūtra Kapitel 2: In Devanāgarī

Es ist eine meditative Praxis, das Yoga Sūtra zu chanten. Nutzte die Lautschrift, um die genaue Aussprache zu verstehen und chante in Call & Response mit...

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›