PYS 2.15–17: Alles ist Leiden
PYS 2.15–17: Alles ist Leiden

Yogaśāstra 2.15–17: Ursache künftigen Leids

Für den Unterscheidenden ist jede bedingte Erfahrung leidvoll. Vermeidbar ist künftiges Leid; seine Ursache ist die Verbindung von Puruṣa und Prakṛti.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.15
परिणामतापसंस्कारदुःखैर्गुणवृत्तिविरोधाच्च दुःखमेव सर्वं विवेकिनः ||15||
pariṇāma-tāpa-saṃskāra-duḥkhair guṇa-vṛtti-virodhāc ca duḥkham eva sarvaṃ vivekinaḥ ||15|| Analyse ▾ Analyse ▴
pariṇāma
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Wandel
tāpa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Bedrängnis
saṃskāra
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Prägung
duḥkhaiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Neutrum
durch die Leiden
guṇa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
der Guṇa
vṛtti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
ihrer Bewegungen
virodhāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
wegen des Widerstreits
ca
Partikel
und
duḥkham
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
leidvoll
eva
Partikel
ausschließlich
sarvam
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen quant
alles
vivekinaḥ
Genitiv Singular Maskulin
Adjektiv
für den Unterscheidenden
Für den Unterscheidenden (vivekinaḥ | gen sg m) ist alles (sarvam | nom sg n) nur (eva) Leiden (duḥkham | nom sg): wegen des Leidens aus Wandel, Bedrängnis und Prägungen (pariṇāma-tāpa-saṃskāra-duḥkhaiḥ | ins pl) sowie (ca) wegen des Widerstreits der Tätigkeiten der Guṇa (guṇa-vṛtti-virodhāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Unterscheidungskraft (viveka) erkennt, dass selbst Angenehmes sich wandelt (pariṇāma). Du darfst Freude ganz erleben, ohne von ihr zu verlangen, dauerhaft zu sein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Für den Unterscheidenden ist alles leidvoll. Sinnesglück erzeugt Rāga und weiteres Karma; durch Genuss werden Verlangen und Leistungsfähigkeit der Sinne nicht gestillt, sondern gesteigert. Schmerz erzeugt Dveṣa, und das Streben nach Glück führt durch Helfen und Schädigen erneut zu Verdienst und Schuld. Glücks- und Leidenserfahrungen hinterlassen Saṃskāra, aus denen bei neuer Reifung wieder Karma entsteht. Auch die wechselnden, miteinander widerstreitenden Guṇa lassen keinen beständigen Zustand zu.

Nur der Yogi empfinde diesen anfangslosen Leidensstrom so empfindlich wie einen Faden auf dem Augapfel. Das Vyāsa-Bhāṣya ordnet die Lehre deshalb wie eine vierteilige Medizin: Saṃsāra ist das zu beseitigende Leiden, die Verbindung von Pradhāna und Puruṣa seine Ursache, Mokṣa die Beseitigung und richtiges Erkennen das Mittel.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
And, to the discriminating, all is grief, simply, since the modifications due to the qualities are adverse (to the summum bonum) through the vexations of the various forms (of nature) and of anxiety and of impressions self-continuant.
James R. Ballantyne - 1852
To the wise, all is pain,—because of the adverse functions of the Attributes, and of the pains of consequence, anxiety and impression.
Ganganatha Jha - 1907
Wegen der Schmerzen, die aus der Unbeständigkeit [des Genießens], aus der Beängstigung [während des Genießens] und aus den [nachbleibenden und künftig abzubüßenden] Charaktereindrücken entspringen, und weil die Funktionen der guṇa [z.B. Liebe und Haß] sich gegenseitig bekämpfen (vgl. Sāṃkhya-Kārikā 12), ist für den Weisen alles ein Leiden.
Paul Deussen - 1908
As being the pains which are mutations and anxieties and subliminal-impressions, and by reason of the opposition <1> of the fluctuations of the aspects (guṇa), to the discriminating all is nothing but pain.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.16
हेयं दुःखमनागतम् ||16||
heyaṃ duḥkham anāgatam ||16|| Analyse ▾ Analyse ▴
heyam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
zu vermeiden
duḥkham
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Leiden
anāgatam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
noch nicht eingetretenes
Das noch nicht eingetretene Leiden (duḥkham anāgatam | nom sg) [ist] zu vermeiden (heyam | nom sg n).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nicht jedes künftige Leiden muss eintreten (anāgata-duḥkha). Eine klare Grenze, ein ehrliches Gespräch oder eine kleine Kursänderung heute kann morgen etwas bewahren.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Vergangenes Leid ist bereits erfahren, gegenwärtiges im jeweiligen Augenblick schon eingetreten. Beseitigt werden kann daher nur zukünftiges Leid; gerade dieses bedrängt nach dem Vyāsa-Bhāṣya den empfindsam unterscheidenden Yogi.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
What is to be shunned is pain not yet come.
James R. Ballantyne - 1852
Avoidable is the pain not yet come.
Ganganatha Jha - 1907
Das künftige Leiden ist das zu Vermeidende.
Paul Deussen - 1908
That which is to be escaped is pain yet to come.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.17
द्रष्टृदृश्ययोः संयोगो हेयहेतुः ||17||
draṣṭṛ-dṛśyayoḥ saṃyogo heya-hetuḥ ||17|| Analyse ▾ Analyse ▴
draṣṭṛ
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Seher
dṛśyayoḥ
Genitiv Dual
Substantiv Neutrum
und Sichtbares
saṃyogaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Verbindung
heya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
des zu Vermeidenden
hetuḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Ursache
Die Verbindung (saṃyogaḥ | nom sg) von Seher und Sichtbarem (draṣṭṛ-dṛśyayoḥ | gen du) [ist] die Ursache des zu vermeidenden [Leidens] (heya-hetuḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Leiden verstärkt sich, wenn Wahrnehmen und Wahrgenommenes unlösbar miteinander verschmelzen (saṃyoga). Schaffe einen Atemzug Abstand zwischen einer Erfahrung und Deiner Antwort darauf.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der Seher ist Puruṣa, der die Buddhi wahrnimmt; das Sichtbare sind alle auf Buddhi-Sattva beruhenden Eigenschaften. Wie ein Magnet wirkt es durch bloße Nähe für den Seher und wird zum Gegenstand seiner Erfahrung. Die anfangslose, zweckgerichtete Verbindung beider ist die Ursache des Leids.

Eigentlich wird Sattva von Rajas gequält. Der unveränderliche, untätige Puruṣa erscheint nur deshalb als leidend, weil er der Form des leidenden Sattva folgt. Das Vyāsa-Bhāṣya vergleicht die Vermeidung dieser Verbindung mit dem Wissen um Fußsohle, Dorn und schützendes Schuhwerk.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The cause of what is to be shunned is the conjunction of the seer with the visual.
James R. Ballantyne - 1852
The conjunction of the Spectator and the Spectacle is the cause of that which is to be warded off.
Ganganatha Jha - 1907
Die Ursache dieses zu Vermeidenden [des Leidens] ist die Verbindung von Seher und zu Sehendem (puruṣa und prakṛti).
Paul Deussen - 1908
The correlation of the Seer and the object-of-sight is the cause of that which is to be escaped.
James Haughton Woods - 1914

Mit AYI Free weitermachen

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
0 Nachrichten

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

Noch keine Nachrichten.