PYS 2.49–51: Prāṇāyāma als Atemstillstand
PYS 2.49–51: Prāṇāyāma als Atemstillstand

Yogaśāstra 2.49–51: Unterbrechen des Atems

Nach Festigung des Sitzes unterbricht Prāṇāyāma Ein- und Ausatmung. Äußere, innere und angehaltene Formen werden bemessen und schließlich überschritten.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.49
तस्मिन्सति श्वासप्रश्वासयोर्गतिविच्छेदः प्राणायामः ||49||
tasmin sati śvāsa-praśvāsayor gati-vicchedaḥ prāṇāyāmaḥ ||49|| Analyse ▾ Analyse ▴
tasmin
Lokativ Singular Neutrum
Pronomen dem
wenn dieses [Āsana]
sati
Lokativ Singular Neutrum Partizip Präsens Aktiv
Verbalwurzel
besteht
śvāsa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Einatmung
praśvāsayoḥ
Genitiv Dual
Substantiv Maskulin
und Ausatmung
gati
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Bewegung
vicchedaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Unterbrechung
prāṇāyāmaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Atemregelung
Wenn in diesem [Sitz] (tasmin | loc sg n) [Festigkeit] besteht (sati | loc sg n pca), [ist] Prāṇāyāma (prāṇāyāmaḥ | nom sg) die Unterbrechung (gati-vicchedaḥ | nom sg) der Bewegung von Einatmung und Ausatmung (śvāsa-praśvāsayoḥ | gen du).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Dein Körper ruhig und gut gestützt ist, beobachte die Übergänge von Ein- und Ausatmung (śvāsa, praśvāsa). Lass Atempausen von selbst entstehen und halte den Atem nie gegen Widerstand an.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Nach Meisterung des Āsana ist śvāsa das Einziehen äußerer Luft und praśvāsa das Ausstoßen der Luft im Leib. Prāṇāyāma ist die Unterbrechung beider Bewegungen, also das Ausbleiben von Ein- und Ausatmung.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
When this has taken place, there is regulation of the breath, a cutting short of the motion of inspiration and expiration.
James R. Ballantyne - 1852
Thereupon, the Regulation of Breath,—the controlling of the course of inspiration and expiration.
Ganganatha Jha - 1907
Nachdem dieses geschehen, folgt als Hemmung des Ganges von Einatmen und Ausatmen die Atemregulierung.
Paul Deussen - 1908
When there is this [stability of posture], the restraint of breath cutting off the flow of inspiration and expiration [follows].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.50
बाह्याभ्यन्तरस्तम्भवृत्तिर्देशकालसंख्याभिः परिदृष्टो दीर्घसूक्ष्मः ||50||
bāhyābhyantara-stambha-vṛttir deśa-kāla-saṃkhyābhiḥ paridṛṣṭo dīrgha-sūkṣmaḥ ||50|| Analyse ▾ Analyse ▴
bāhya
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
äußere
abhyantara
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
innere
stambha
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
angehaltene
vṛttiḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Feminin
Atembewegung
deśa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Ort
kāla
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Zeit
saṃkhyābhiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Feminin
Zahl
paridṛṣṭaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
bestimmt
dīrgha
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
lang
sūkṣmaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
fein
[Prāṇāyāma] hat äußere, innere und angehaltene Tätigkeit (bāhyābhyantara-stambha-vṛttiḥ | nom sg m), wird nach Ort, Zeit und Zahl (deśa-kāla-saṃkhyābhiḥ | ins pl) bestimmt (paridṛṣṭaḥ | nom sg m) und [wird] lang und subtil (dīrgha-sūkṣmaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nimm Ausatem, Einatem und die natürliche Pause wahr (bāhya, abhyantara, stambha). Beachte Ort, Dauer und Anzahl nur so lange, wie der Atem angenehm, ruhig und fein bleibt (dīrgha, sūkṣma).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Äußerer Prāṇāyāma ist die Bewegungslosigkeit nach dem Ausatmen, innerer die Bewegungslosigkeit nach dem Einatmen. Bei der Stambha-Form hören beide durch eine einzige Anstrengung auf, wie Wasser auf einem heißen Stein von allen Seiten zusammenschrumpft. Alle drei werden nach Ort, Zeit und Zahl beobachtet und als mild, mittel oder stark bemessen; durch Übung werden sie lang und fein.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Put this, which is (1) Outer, (2) Inner and (3) Steady, peculiarised by place, time and number, is long or short.
James R. Ballantyne - 1852
is an external, internal or stationary function,—regulated by place, time and number,—protracted or subtile (long or short).
Ganganatha Jha - 1907
Diese aber hat als Funktionen Außenrichtung (- recaka), Innenrichtung (- pûraka) und Festhaltung (- kumbhaka), geschieht wohlbedächtig nach Ort, Zeit und Zahl, und ist langgezogen und zart.
Paul Deussen - 1908
External or internal or suppressed in fluctuation and is regulated <1> in place and time and number and is protracted and subtile.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.51
बाह्याभ्यन्तरविषयाक्षेपी चतुर्थः ||51||
bāhyābhyantara-viṣayākṣepī caturthaḥ ||51|| Analyse ▾ Analyse ▴
bāhya
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
äußeren
abhyantara
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
und inneren
viṣaya
Tatpuruṣa-Kompositum Akkusativ
Substantiv Maskulin
Bereich
ākṣepī
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
überschreitend
caturthaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
der vierte
Der vierte [Prāṇāyāma] (caturthaḥ | nom sg m) überschreitet den äußeren und inneren Bereich (bāhyābhyantara-viṣayākṣepī | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Manchmal tritt die Unterscheidung zwischen innerem und äußerem Atem in den Hintergrund (caturtha). Lass einen solchen stillen Moment geschehen, ohne ihn herzustellen oder zu verlängern.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Beim vierten Prāṇāyāma werden äußerer und innerer Bereich zunächst nach Ort, Zeit und Zahl bestimmt und dann schrittweise überschritten; nach der stufenweisen Meisterung endet schließlich beider Bewegung. Der dritte unterscheidet sich davon: Dort setzt der Stillstand durch eine einzige Anstrengung ein, ohne dass zuvor ein äußerer oder innerer Bereich betrachtet wird.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The fourth recognises both the outer and the inner spheres,
James R. Ballantyne - 1852
The fourth is dependent on the recognition of the outer and inner spheres.
Ganganatha Jha - 1907
Mit einem äußern oder inneren Objekte sich befassend ist die vierte.
Paul Deussen - 1908
The fourth [restraint of the breath] transcends the external and the internal object.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
2 Nachrichten

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Super spannend. Das "dīrgha sūkṣmaḥ" (lang und fein) bezieht sich also auf das Beobachten/Messen und nicht auf die Atmung an sich?
Grammatikalisch hätte ich es durch das Kompositum doppeldeutig.

Es könnten auch lauter "und" Verbindungen sein:
Die Tätigkeit von Einatmung- und Ausatmung und Stillstand soll gemessen und langsam und fein sein - mit dem Mittel von Ort und Dauer und Anzahl.