Avidyā ist der Nährboden der übrigen Kleśa. Das Vyāsa-Bhāṣya erläutert deren vier Zustände: schlafend als bloße Samenanlage, abgeschwächt durch Gegenkultivierung, unterbrochen, wenn zeitweilig ein anderer Kleśa hervortritt, und voll wirksam an einem Gegenstand. Beim Wissenden mit verbrannten Kleśa-Samen komme als fünfter Zustand ihre endgültige Keimunfähigkeit hinzu. Alle Kleśa seien Ausprägungen der Avidyā und nähmen mit ihr ab.
anityāśuci-duḥkhānātmasu nitya-śuci-sukhātma-khyātir avidyā ||5|| Analyse ▾ Analyse ▴
Das Vyāsa-Bhāṣya entfaltet die vierfache Verkennung: Vergängliches gilt als ewig, der als äußerst unrein beschriebene Körper als rein, Leidvolles als Glück und Nicht-Selbst – etwa Körper oder Geist – als Selbst. Avidyā ist die Wurzel der Kleśa und des zur Reifung kommenden Karma-Speichers. Sie ist nicht bloß fehlendes Wissen, sondern eine dem Wissen entgegengesetzte Erkenntnis.
Asmitā ist die scheinbare Identität der Kraft des Sehens, Puruṣa, und der Erkenntniskraft, Buddhi. Obwohl Genießender und Genießbares vollständig verschieden und unvermengt sind, ermöglicht ihr scheinbares Ungetrenntsein Erfahrung; in der Erkenntnis ihrer je eigenen Natur liegt Kaivalya.
Rāga ist das aus der Erinnerung an erfahrenes Glück hervorgehende Begehren, Dürsten oder Gieren nach diesem Glück oder nach seinen Mitteln.
Dveṣa ist die aus der Erinnerung an erfahrenes Leid hervorgehende Abwehr gegen dieses Leid oder seine Mittel: Widerstand, Groll, Schädigungsabsicht und Zorn.
Abhiniveśa äußert sich in dem allen Lebewesen eigenen Wunsch: „Möge ich nicht aufhören zu sein.“ Das Vyāsa-Bhāṣya schließt aus der selbst beim neugeborenen Wurm anzutreffenden Todesfurcht auf in früheren Geburten erfahrenes Todesleid. Die daraus entstandene Vāsanā sei bei Wissenden ebenso eingewurzelt wie bei Unwissenden.
tathā rūḍho ] samā-rūḍhaḥ CYS2026
tathā rūḍhaḥ bedeutet etwa „so verwurzelt/etabliert“, während samārūḍhaḥ die Vorstellung des festen oder vollständigen Aufgestiegenseins betont. KYMV2026 bestätigt die kürzere PE1904-Lesart; TKVD2019 und CYS2026 bieten samārūḍhaḥ. Die Variante verändert die Nuance des angeborenen Selbsterhaltungstriebs, nicht die Kernaussage; ein Versmetrum entscheidet sie nicht.
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Illustrationen: KI-generiert.
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