PYS 2.12–14: Karmischer Speicher
PYS 2.12–14: Karmischer Speicher

Yogaśāstra 2.12–14: Früchte des Karma

Der in den Kleśa wurzelnde Karmāśaya reift in dieser oder einer künftigen Geburt als Art der Geburt, Lebensdauer und freud- oder leidvolle Erfahrung.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.12
क्लेशमूलः कर्माशयो दृष्टादृष्टजन्मवेदनीयः ||12||
kleśa-mūlaḥ karmāśayo dṛṣṭādṛṣṭa-janma-vedanīyaḥ ||12|| Analyse ▾ Analyse ▴
kleśa
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
die Kleśa
mūlaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Neutrum
zur Wurzel habend
karma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
des Karma
āśayaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Speicher [latenter Anlagen]
dṛṣṭa
Dvandva-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
sichtbaren
adṛṣṭa
Karmadhāraya-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
unsichtbaren
janma
Upapada-Kompositum
Substantiv Neutrum
in einer Geburt
vedanīyaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Futur Passiv
Verbalwurzel
zu erfahren
Der karmische Speicher (karmāśayaḥ | nom sg), der in den Kleśa wurzelt (kleśa-mūlaḥ | nom sg m), ist in einer sichtbaren [gegenwärtigen] oder unsichtbaren [künftigen] Geburt zu erfahren (dṛṣṭādṛṣṭa-janma-vedanīyaḥ | nom sg m pfp).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Handlungen hinterlassen einen Nährboden für Wiederholungen (karmāśaya). Frage Dich bei einem vertrauten Muster: Welche kleine Handlung würde heute eine andere Spur legen?
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der aus Verdienst und Schuld bestehende Karma-Speicher entsteht nach dem Vyāsa-Bhāṣya aus Begierde, Gier, Verblendung und Zorn. Er kann in der gegenwärtigen oder einer künftigen Geburt reifen. Besonders intensives verdienstvolles oder schädliches Handeln kann sofort Frucht tragen; für Höllenwesen gebe es keine in derselben Geburt reifende, für Menschen mit erloschenen Kleśa keine in einer künftigen Geburt reifende Anlage.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The stock of works, whose root is the afflictions, is what is to be had fruition of on this visible state or in that unseen.
James R. Ballantyne - 1852
The residua of actions have their origin in distractions, and are felt in the manifest or the unmanifest life.
Ganganatha Jha - 1907
Die kleśa sind die Wurzel des Werkrückstandes, welcher abzubüßen ist in der sichtbaren [gegenwärtigen] oder unsichtbaren [zukünftigen] Geburt.
Paul Deussen - 1908
The latent-deposit of karma has its root in the hindrances and may be felt in a birth seen or in a birth unseen.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.13
सति मूले तद्विपाको जात्यायुर्भोगाः ||13||
sati mūle tad-vipāko jāty-āyur-bhogāḥ ||13|| Analyse ▾ Analyse ▴
sati
Lokativ Singular Neutrum Partizip Präsens Aktiv
Verbalwurzel
bestehend
mūle
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Neutrum
wenn die Wurzel
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
deren
vipākaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Reifung
jāti
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Geburt
āyus
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Lebensdauer
bhogāḥ
Nominativ Plural
Substantiv Maskulin
Erfahrungen
Solange die Wurzel besteht (sati mūle | loc absl sg), [besteht] ihre Reifung (tad-vipākaḥ | nom sg) in Geburt, Lebensdauer und Erfahrung (jātyāyur-bhogāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Was Du regelmäßig nährst, prägt Deine Lebensweise, Deinen Umgang mit Zeit und Deine Fähigkeit zu genießen (jāti, āyus, bhoga). Wähle Gewohnheiten, mit deren Früchten Du wirklich leben möchtest.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Solange die Kleśa als Wurzel bestehen, kann der Karma-Speicher wie ein ungeschältes, unverbranntes Samenkorn keimen. Seine drei Früchte sind Geburt (jāti), Lebensdauer (āyus) und Erfahrung (bhoga).

Das Vyāsa-Bhāṣya fasst die zwischen Geburt und Tod angesammelten karmischen Anlagen als ein bei Eintritt des Todes wirksam werdendes Gefüge auf: Es bringt grundsätzlich eine neue Geburt samt Lebensdauer und Erfahrungen hervor. Nicht fest zur Reifung bestimmtes Karma kann durch gegensätzliches Karma vernichtet, einem stärkeren Karma untergeordnet oder lange zurückgehalten werden. Davon unterscheidet der Kommentar die anfangslosen Vāsanā als Erinnerungsursachen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
While there is the root, fructification is rank, years and enjoyment.
James R. Ballantyne - 1852
The root existing, its fruition (consists in) birth, life (or age) and experience.
Ganganatha Jha - 1907
Solange diese Wurzel besteht, erfolgen als sein [des Werkrückstandes] Heranreifen Geburt, Lebensdauer und Genießen.
Paul Deussen - 1908
So long as the root exists, there will be fruition from it [that is] birth [and] length-of-life [and] kind-of-experience.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.14
ते ह्लादपरितापफलाः पुण्यापुण्यहेतुत्वात् ||14||
te hlāda-paritāpa-phalāḥ puṇyāpuṇya-hetutvāt ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
te
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen dem
diese
hlāda
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Freude
paritāpa
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
Peinigung
phalāḥ
Nominativ Plural Maskulin
Substantiv Neutrum
zu Früchten habend
puṇya
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Verdienst
apuṇya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Nichtverdienst
hetutvāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
weil [beides] Ursache ist
Diese [drei Ergebnisse] (te | nom pl m) haben Freude oder Peinigung als Frucht (hlāda-paritāpa-phalāḥ | nom pl m), weil sie in Verdienst oder Nichtverdienst begründet sind (puṇyāpuṇya-hetutvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Handlungen tragen Früchte, die Freude oder Schmerz enthalten können (hlāda, paritāpa). Du kontrollierst nicht jedes Ergebnis, doch Du kannst die Qualität Deiner Absicht und Deines Tuns wählen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Geburt, Lebensdauer und Erfahrung bringen, wenn sie aus Verdienst (puṇya) hervorgehen, Freude und, wenn sie aus Schuld (apuṇya) hervorgehen, Schmerz. Für den Yogi ist jedoch selbst im Augenblick sinnlichen Glücks Leid enthalten.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
These have joy or suffering as their fruits, accordingly as the cause is virtue or vice.
James R. Ballantyne - 1852
They have pleasure or pain for their fruit, according as their cause is virtue or vice.
Ganganatha Jha - 1907
Diese [nämlich Geburt, Lebensdauer und Genießen] bringen als Frucht Erquickung oder Peinigung, je nachdem Gutes oder Böses ihre Ursache bildete.
Paul Deussen - 1908
These [fruitions] have joy or extreme anguish as results in accordance with the quality of their causes whether merit or demerit.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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