PYS 2.54-55: Pratyāhāra
PYS 2.54-55: Pratyāhāra

Yogaśāstra 2.54–55: Rückzug der Sinne

Ohne Kontakt zu Gegenständen folgen die Sinne dem gehemmten Citta wie Bienen ihrer Königin. So werden sie ohne zusätzliche Methode vollständig beherrscht.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.54
स्वविषयासंप्रयोगे चित्तस्वरूपानुकार इवेन्द्रियाणां प्रत्याहारः ||54||
svaviṣayāsaṃprayoge citta-svarūpānukāra ivendriyāṇāṃ pratyāhāraḥ ||54|| Analyse ▾ Analyse ▴
svaviṣaya
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Adjektiv
Substantiv Maskulin
mit dem jeweiligen eigenen Gegenstand
asaṃprayoge
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Maskulin
wenn keine Verbindung besteht
citta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
des Citta
svarūpa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Eigenform
anukāraḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Nachahmung
iva
Partikel
gleichsam
indriyāṇām
Genitiv Plural
Substantiv Neutrum
der Sinnesorgane
pratyāhāraḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Zurückziehen der Sinne
Bei fehlender Verbindung [der Sinne] mit ihren eigenen Objekten (sva-viṣayāsaṃprayoge | loc absl sg) [ist] das Zurückziehen (pratyāhāraḥ | nom sg) der Sinne (indriyāṇām | gen pl) gleichsam (iva) eine Nachahmung der eigenen Form des Citta (citta-svarūpānukāraḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gib den Sinnen eine Pause von ihren gewohnten Objekten (sva-viṣaya), ohne sie zu unterdrücken. Mit geschlossenen oder weich geöffneten Augen darf sich Aufmerksamkeit nach innen sammeln (pratyāhāra).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Wenn die Sinne nicht mit ihren Gegenständen verbunden sind, folgen sie gleichsam der Form des Citta. Wie Bienen ihrer Königin beim Auffliegen und Niederlassen folgen, werden sie mit dem Citta gehemmt und benötigen keine eigene zusätzliche Methode der Beherrschung. Dies ist Pratyāhāra.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
cittasvarūpānukāra ] cittasya svarūpānukāra CYS2026, TKVD2019
Kritischer Apparat

CYS2026 und TKVD2019 bieten mit cittasya einen ausdrücklichen Genitiv: die Sinne ahmen „die eigene Form des Citta“ nach. PE1904 und die an Āgāśe orientierte Ansicht KYMV2026 haben stattdessen das Kompositum cittasvarūpa-. Beide Konstruktionen sind grammatisch möglich, aber die Traditionslesart macht die Abhängigkeit syntaktisch deutlicher. B1, C1 und C2 folgen nach Korrektur N-08 einheitlich der PE1904-Kompositumlesart.

Apparat-Kommentar
‘Restraint’ is as it were the accommodation of the senses to the nature of the mind in the absence of concernment with each one’s own object.
James R. Ballantyne - 1852
Abstraction is the assumption, as it were, by the senses of the original nature of the mind,from want of application to their (respective) objects.
Ganganatha Jha - 1907
Wenn die Sinnesorgane, unter Aufhebung ihrer Verbindung mit den ihnen entsprechenden Objekten, gleichsam die Natur des Chittam nachahmen, so ist dies das Einziehen der Organe.
Paul Deussen - 1908
The withdrawal of the senses is as it were the imitation of the mind-stuff itself on the part of the organs by disjoining themselves from their objects.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.55
ततः परमा वश्यतेन्द्रियाणाम् ||55||
tataḥ paramā vaśyatendriyāṇām ||55|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatas
Adverb
daraus
paramā
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
höchste
vaśyatā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Beherrschung
indriyāṇām
Genitiv Plural
Substantiv Neutrum
der Sinnesorgane
Dadurch (tataḥ | adv) [entsteht] die höchste Beherrschbarkeit (paramā vaśyatā | nom sg) der Sinne (indriyāṇām | gen pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Freiheit der Sinne (indriya-vaśyatā) heißt nicht, nichts mehr wahrzunehmen. Du kannst hören, sehen und fühlen, ohne jedem Reiz folgen zu müssen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya nennt mehrere Auffassungen von Sinnesbeherrschung: Nichtverfallen an Klang und andere Gegenstände, regelgemäße Wahrnehmung, Kontakt nach eigenem Willen, eine von Rāga, Dveṣa, Freude und Schmerz freie Wahrnehmung sowie nach Jaigīṣavya das Nichtwahrnehmen infolge der Einpunktigkeit des Citta. Die höchste Beherrschung bestehe darin, dass die Sinne mit dem gehemmten Citta ohne eigene Anstrengung und ohne weiteres Mittel gehemmt sind.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Therefrom is there complete subjection of the senses.
James R. Ballantyne - 1852
Thence the complete subjugation of the senses.
Ganganatha Jha - 1907
Daraus erfolgt eine vollkommene Unterwerfung der Sinnesorgane.
Paul Deussen - 1908
As a result of this [withdrawal] there is complete mastery of the organs.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
3 Nachrichten

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Hallo Zusammen, hallo Ronald, ich bin etwas irritiert. Es heißt oben in der Eingangserklärung: 'Die dritte Stufe der spirituellen Praxis (sādhana) ist die Sinneskontrolle (pratyāhāra)'. Aber pratyāhāra ist doch eigentlich der fünfte Aspekt des Yogaweges. Hab ich etwas nicht verstanden? Ganz herzliche Grüße, Cornelia
Hallo Cornelia,
~i~Saadhana~~ ist die spirituelle Praxis. Sie umfasst: ~i~Aasana~~, ~i~Praa.naayaama~~, ~i~Pratyaahaara~~, ~i~Dhaarnaa~~.
Ich hoffe das hilft Dir weiter.
Namaste und herzliche Grüße
Ronald