PYS 2.23–26: Von Avidyā zu Kaivalya
PYS 2.23–26: Von Avidyā zu Kaivalya

Yogaśāstra 2.23–26: Trennung von Puruṣa und Prakṛti

Avidyā verbindet Puruṣa und Buddhi. Ununterbrochene Erkenntnis ihrer Verschiedenheit beendet diese Verbindung; Puruṣa bleibt in Kaivalya unvermengt und allein.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.23
स्वस्वामिशक्त्योः स्वरूपोपलब्धिहेतुः संयोगः ||23||
sva-svāmi-śaktyoḥ svarūpopalabdhi-hetuḥ saṃyogaḥ ||23|| Analyse ▾ Analyse ▴
sva
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
des Besitzes
svāmi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Besitzers
śaktyoḥ
Genitiv Dual
Substantiv Feminin
der beiden Kräfte
svarūpa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
ihrer Eigenform
upalabdhi
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
der Erkenntnis
hetuḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Ursache
saṃyogaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Verbindung
Die Verbindung (saṃyogaḥ | nom sg) [ist] die Ursache für die Erkenntnis der jeweiligen eigenen Gestalt (svarūpopalabdhi-hetuḥ | nom sg) der Kräfte von Eigentum [Prakṛti] und Eigentümer [Puruṣa] (sva-svāmi-śaktyoḥ | gen du).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Im Kontakt mit der Welt (saṃyoga) kannst Du Deine Fähigkeiten und Grenzen deutlicher erkennen. Beziehung wird so zu einem Spiegel, in dem sich Deine eigene Form (svarūpa) weiter entfaltet.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Puruṣa als Besitzer ist mit dem Sichtbaren als seinem Besitz verbunden: Die Erkenntnis des Sichtbaren ist bhoga, die Erkenntnis der eigenen Natur des Sehers apavarga. Sobald diese Aufgabe des Sehens erfüllt ist, endet die Verbindung. Unterscheidendes Wissen beseitigt das ihm entgegengesetzte Nichtsehen (adarśana) und damit die Ursache der Bindung.

Das Vyāsa-Bhāṣya führt anschließend mehrere Lehrmeinungen dazu an, was dieses Nichtsehen genau sei – etwa eine Tätigkeit der Guṇa, die ausgebliebene Erkenntnis bei vorhandenem Gegenstand, Avidyā als Samen des Citta oder sogar die Kraft des Sehens selbst – und lässt diese Alternativen nebeneinander stehen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The conjunction is the cause of the apprehension of the actual condition of the natures of the possessed and the possessor.
James R. Ballantyne - 1852
Conjunction is the cause of the recognition of the natures of the faculties of itself and that of its Lord’s.
Ganganatha Jha - 1907
Die Ursache des Wahrnehmens der Wesenheit des Besessenen [der prakṛti] vermöge der Potenzen des Besessenen und des Besitzers [der prakṛti und des puruṣa] ist ihre Verbindung.
Paul Deussen - 1908
The reason for the apperception of what the power of the property and of what the power of the proprietor are is correlation.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.24
तस्य हेतुरविद्या ||24||
tasya hetur avidyā ||24|| Analyse ▾ Analyse ▴
tasya
Genitiv Singular Maskulin
Pronomen dem
dieser [Verbindung]
hetuḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Ursache
avidyā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Nichtwissen
Die Ursache (hetuḥ | nom sg) dieser [Verbindung] (tasya | gen sg) [ist] Unwissenheit (avidyā | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn eine Verbindung Dich bindet, frage, welche Unklarheit (avidyā) darin wirkt. Vielleicht hältst Du eine Erwartung, eine Rolle oder eine Angst für die ganze Wirklichkeit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die Ursache der Verbindung des individuellen Bewusstseins mit seiner Buddhi ist Avidyā, hier als Vāsanā verkehrter Erkenntnis erklärt. Solange die Buddhi nicht zur Erkenntnis des Puruṣa gelangt, hat sie ihre Aufgabe nicht erfüllt und kehrt erneut hervor. Mit vollendeter Puruṣa-Erkenntnis fällt die Ursache der Bindung fort, die Buddhi beendet ihre Tätigkeit und kehrt nicht wieder.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The cause thereof is to be quitted viz., ignorance.
James R. Ballantyne - 1852
its cause is Ignorance ;
Ganganatha Jha - 1907
Die Ursache dieser [Verbindung] ist das Nichtwissen.
Paul Deussen - 1908
The reason for this [correlation] is undifferentiated consciousness (avidyā).
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.25
तदभावात्संयोगाभावो हानं तद्दृशेः कैवल्यम् ||25||
tad-abhāvāt saṃyogābhāvo hānaṃ tad-dṛśeḥ kaivalyam ||25|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dieses [Nichtwissens]
abhāvāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
aufgrund der Abwesenheit
saṃyoga
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
der Verbindung
abhāvaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Abwesenheit
hānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Aufhebung
tad
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen dem
dieses
dṛśeḥ
Genitiv Singular
Substantiv Feminin
Sehens
kaivalyam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Alleinstehen
Aus der Abwesenheit jener [Unwissenheit] (tad-abhāvāt | abl sg) [folgt] die Abwesenheit der Verbindung (saṃyogābhāvaḥ | nom sg). Dieses Aufhören (hānam | nom sg) [ist] das Alleinstehen (kaivalyam | nom sg) der Sehkraft [des Puruṣa] (tad-dṛśeḥ | gen sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn eine Verwechslung nachlässt, entsteht inmitten von Beziehungen mehr innerer Raum (kaivalya). Freiheit kann heißen, verbunden zu bleiben, ohne Dich selbst zu verlieren.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Mit dem Ende des Nichtsehens endet die Verbindung von Buddhi und Puruṣa und damit die Bindung endgültig. Diese Beseitigung (hāna) ist für den Seher Kaivalya: Unvermischtheit und keine erneute Verbindung mit den Guṇa. Wenn die Ursache des Leids aufgehoben ist, steht Puruṣa in seiner eigenen Natur.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The ‘quitting’ consists on the surcease of the conjunction on that (ignorance); this is the isolation of the Soul.
James R. Ballantyne - 1852
From its absence, there is absence of conjunction, (which is) avoidance ; and that is the Isolation of the spectator.
Ganganatha Jha - 1907
Besteht dies nicht mehr, so besteht auch die Verbindung nicht mehr, sondern ein Freisein [vom Leiden], und dieses ist die Isolation des Sehens [dḥ. des puruṣa].
Paul Deussen - 1908
Since this [non-sight] does not exist, there is no correlation. This is the escape, the Isolation of the Seer.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.26
विवेकख्यातिरविप्लवा हानोपायः ||26||
viveka-khyātir aviplavā hānopāyaḥ ||26|| Analyse ▾ Analyse ▴
viveka
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
der Unterscheidung
khyātiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Erkenntnis
aviplavā
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
unerschütterliche
hāna
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
der Aufhebung
upāyaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Mittel
Das Mittel des Aufhörens (hānopāyaḥ | nom sg) [ist] die unerschütterliche (aviplavā | nom sg f) Erkenntnis der Unterscheidung [von Puruṣa und Prakṛti] (viveka-khyātiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Kultiviere eine verlässliche Unterscheidung (viveka-khyāti): Was ist Tatsache, was Deutung, was Gefühl und was Bedürfnis? Kehre zu dieser Klärung zurück, bevor Du entscheidest.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Viveka-khyāti ist die Erkenntnis der Verschiedenheit von Sattva und Puruṣa. Solange falsches Wissen fortbesteht, schwankt sie. Wird dieses wie ein verbrannter, unfruchtbarer Same, entsteht im von Kleśa und Rajas gereinigten Sattva ein klarer, ununterbrochener Strom der Unterscheidung. Er verhindert das erneute Hervorgehen falscher Erkenntnis und ist der Weg zur Befreiung.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The means of quitting (the state of bondage) is discriminative knowledge not discontinuous.
James R. Ballantyne - 1852
Undisturbed discriminative knowledge is the means of avoidance.
Ganganatha Jha - 1907
Das Mittel dieses Freiseins ist die ungestörte Erkenntnis des Unterschiedes [zwischen puruṣa und prakṛti].
Paul Deussen - 1908
The means of attaining escape is unwavering discriminative discernment.
James Haughton Woods - 1914

Mit AYI Free weitermachen

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
2 Nachrichten

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

S
Hi Ronald, ich hab zu diesem (und zum nachfolgenden Yoga Sūtra Abschnitt einige Fragen, weiß aber nicht, ob Du das hier liest. :) Sind die Gedanken, die hier geäußert werden, nicht dieselben wie im Vedanta? Ich leide, weil ich nicht weiß, dass ich immer Bewusstsein-Gewahrsein bin und weil ich mich mit dem Ego, also mit dem feinstofflichen Körper identifiziere?
Herzliche Grüße,
Stefan
Hallo Stefan,
obwohl die Grundlagen von Vedanta, Samkhya und Tantra völlig verschieden sind, ist die meditative Erfahrung und auch das Ergebnis im Alltag oft überraschend ähnlich. Hier in der Tat. Denke diese Aussage könnte auch im Vedanta so stehen. Vielleicht mit ein bisschen anderen Worten.
- Im Samkhya ist der Körper inkl. Geist (Citta) real aber nicht göttlich. Die Essenz (Drashtu) identifiziert sich mit dem vergänglichen Körper und Geist. Daraus entsteht Leiden. Wenn wir diese Identifikation erkennen und sie wieder lösen, entsteht Freiheit von Leiden.
- Im Vedanta ist der Körper und unser Gefühl der Getrenntheit eine Illusion, aber eine göttliche. Leiden lösen wir, indem wir die Illusion auflösen und alles als eines wahrnehmen.
Viel Freude beim Ergründen und erfahren.
Namaste und bis ganz bald
Ronald