PYS 2.20–22: Puruṣa und das Sichtbare
PYS 2.20–22: Puruṣa und das Sichtbare

Yogaśāstra 2.20–22: Seher und Gegenstand

Puruṣa ist reine, unveränderliche Sehkraft; Prakṛti dient seiner Erfahrung und Befreiung. Ist ihr Zweck erfüllt, verschwindet sie für ihn, bleibt aber für andere bestehen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 2.20
द्रष्टा दृशिमात्रः शुद्धो ऽपि प्रत्ययानुपश्यः ||20||
draṣṭā dṛśi-mātraḥ śuddho 'pi pratyayānupaśyaḥ ||20|| Analyse ▾ Analyse ▴
draṣṭā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Seher
dṛśi
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Feminin
Sehen
mātraḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
bloßer
śuddhaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
rein
api
Partikel
obwohl
pratyaya
Tatpuruṣa-Kompositum Akkusativ
Substantiv Maskulin
Erkenntnisinhalte
anupaśyaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
mitanschauend
Der Seher (draṣṭā | nom sg) [ist] bloßes Sehen (dṛśi-mātraḥ | nom sg m); obwohl (api) er rein ist (śuddhaḥ | nom sg m), betrachtet er die Erkenntnisinhalte (pratyayānupaśyaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gedanken und Erwartungen färben Deinen Blick (pratyaya), doch die wahrnehmende Gegenwart (draṣṭṛ) ist weiter als jede einzelne Deutung. Spüre den Körper und bemerke zugleich, welche Geschichte Du über ihn erzählst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Puruṣa ist reine, unveränderliche Sehkraft und weder mit Buddhi identisch noch gänzlich beziehungslos zu ihr. Buddhi wandelt sich und kennt ihre Gegenstände bald, bald nicht; Puruṣa kennt ihre Vorgänge stets. Buddhi ist zusammengesetzt, für einen anderen, dreiguṇig und unbewusst; Puruṣa ist ihr Zeuge und Selbstzweck.

Obwohl rein, folgt Puruṣa den Erkenntnisinhalten der Buddhi und erscheint wie von deren Form. Bewusstsein geht dabei nicht wirklich auf Buddhi über; ihre vom Bewusstsein erhellte Tätigkeit wird nur so bezeichnet, als sei sie davon nicht verschieden.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The ‘seer’ (soul) is vision simply, though pure looking directly on ideas.
James R. Ballantyne - 1852
The spectator is absolute sentience, and though pure, (still) beholds intellected ideas.
Ganganatha Jha - 1907
Der Seher ist der, welcher bloßes Sehen ist, und, obgleich er rein ist, die Vorstellungen [mittels der Buddhi, Sāṃkhya-Kārikā 36] erschaut.
Paul Deussen - 1908
The Seer, who is nothing but [the power of] seeing, although undefiled (cuddha), looks upon the presented-idea.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.21
तदर्थ एव दृश्यस्यात्मा ||21||
tad-artha eva dṛśyasyātmā ||21|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Tatpuruṣa-Kompositum Dativ
Pronomen dem
für diesen [Seher]
arthaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Zweck
eva
Partikel
allein
dṛśyasya
Genitiv Singular
Substantiv Neutrum
des Sichtbaren
ātmā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wesen
Das Wesen (ātmā | nom sg) des Sichtbaren (dṛśyasya | gen sg) [besteht] allein (eva) für den Zweck dieses [Sehers] (tad-arthaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Was Dir begegnet (dṛśya), kann Anlass zu achtsamer Begegnung werden. Lass Dein Wahrnehmen dem Verstehen dienen, nicht dem Besitzen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Sichtbare nimmt für Puruṣa die Rolle eines Gegenstandes an und besteht um seinetwillen. Wenn es Erfahrung und Befreiung ermöglicht und damit seinen Zweck erfüllt hat, wird es von diesem Puruṣa nicht mehr gesehen. Es erscheint für ihn vernichtet, ohne an sich zu vergehen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
For the sake of it alone is the entity of the visible.
James R. Ballantyne - 1852
Only for his purpose is the being of the spectacle.
Ganganatha Jha - 1907
Und dies ist der einzige Zweck, dem das Wesen des Sichtbaren [des Objektiven, der prakṛti] dient.
Paul Deussen - 1908
The being (ātman) of the object-of-sight is only for the sake of it [the Self].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 2.22
कृतार्थं प्रति नष्टमप्यनष्टं तदन्यसाधारणत्वात् ||22||
kṛtārthaṃ prati naṣṭam apy anaṣṭaṃ tad anya-sādhāraṇatvāt ||22|| Analyse ▾ Analyse ▴
kṛta
Bahuvrīhi-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
erfüllt
artham
Akkusativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
dessen Zweck
prati
Partikel
im Hinblick auf
naṣṭam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
beendet
api
Partikel
obwohl
anaṣṭam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
nicht beendet
tad
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses
anya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Adjektiv
anderen
sādhāraṇatvāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
weil es gemeinsam ist
Für den, dessen Zweck erfüllt ist (kṛtārtham | acc sg m), ist [das Sichtbare] in Bezug auf [ihn] (prati) verschwunden (naṣṭam | nom sg n ppp). Dennoch (api) ist dieses [Sichtbare] (tad | nom sg n) nicht verschwunden (anaṣṭam | nom sg n ppp), weil es den anderen [Puruṣa] gemeinsam ist (anya-sādhāraṇatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn eine Erfahrung ihren Zweck für Dich erfüllt hat (kṛtārtha), darfst Du sie loslassen. Dasselbe Ereignis kann für einen anderen Menschen weiterhin wichtig sein – höre seine Sicht, ohne Deine eigene festzuhalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Für den einen Puruṣa, dessen Zweck erfüllt ist, ist das Sichtbare vergangen; für andere Puruṣa bleibt es aufgrund ihrer gemeinsamen Teilhabe bestehen und weiterhin Gegenstand der Erfahrung. Weil Sehkraft und Erkenntniskraft ewig sind, nennt das Vyāsa-Bhāṣya auch ihre Verbindung anfangslos.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Though it have ceased to be in respect of him who has effected what is required, it has not ceased (in regard to all), because it is common to others besides him.
James R. Ballantyne - 1852
Destroyed in the case of one whose purpose has been fulfilled, it is not destroyed, for she is common to others besides him.
Ganganatha Jha - 1907
Demjenigen [puruṣa] gegenüber, der seinen Zweck erreicht hat, ist sie [das Sichtbare, die prakṛti] vernichtet, und doch ist sie nicht vernichtet, weil sie allen von ihm verschiedenen [puruṣa’s] gemeinsam ist.
Paul Deussen - 1908
Though it has ceased [to be seen] in the case of one whose purpose is accomplished, it has not ceased to be, since it is common to others [besides himself].
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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