IVU 6-7: Alle Wesen im Selbst
IVU 6-7: Alle Wesen im Selbst

Īśāvāsya-Upaniṣad 6-7: Einheit ohne Abwehr

Wer alle Wesen im Selbst und das Selbst in allen Wesen sieht, überwindet Abwehr, Wahn und Kummer.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Īśāvāsya Upaniṣad 6
यस्तु सर्वाणि भूतानि आत्मन्येवानुपश्यति |
yas tu sarvāṇi bhūtāni*; ātmany evānupaśyati | Analyse ▾ Analyse ▴
yaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen rel
wer, welcher
tu
Partikel
aber
sarvāṇi
Akkusativ Plural Neutrum
Pronomen quant
alle
bhūtāni
Akkusativ Plural
Substantiv Neutrum
Wesen
ātmani
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
im Selbst
eva
Partikel
eben, gerade
anupaśyati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
er sieht, erkennt
सर्वभूतेषु चात्मानम् ततो न विजुगुप्सते ||6||
sarva-bhūteṣu cātmānam; tato na vijugupsate ||6|| Analyse ▾ Analyse ▴
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen quant
alle
bhūteṣu
Lokativ Plural
Substantiv Neutrum
in den Wesen
ca
Partikel
und, auch
ātmānam
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
das Selbst
tataḥ
Adverb
daher, dann
na
Partikel
nicht
vijugupsate
3. Person Singular Medial Präsens Desiderativ
Präfix
Verbalwurzel
scheut sich, empfindet Abwehr
Metrum: Anuṣṭubh
Wer (yaḥ | nom sg m) aber (tu) alle Wesen (sarvāṇi bhūtāni | acc pl) im Selbst (ātmani | loc sg) gerade (eva) sieht (anupaśyati | 3p sg act pres), und (ca) das Selbst (ātmānaṃ | acc sg) in allen Wesen (sarva-bhūteṣu | loc pl), der empfindet (vijugupsate | 3p sg med pres des) daher (tataḥ) keine (na) Abwehr.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wer alle Wesen im Selbst sieht und das Selbst in allen Wesen, hat keinen Grund mehr, irgendetwas von sich zu stoßen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Für Śaṅkara ist der Seher hier der mumukṣu (Befreiungssuchende) oder parivrāj (Wanderasket), der alle Wesen im Selbst und das Selbst in allen Wesen erkennt. Vijugupsā (Abscheu oder Abwehr) fällt weg, weil sie nur gegenüber einem als fremd oder unrein gesehenen Anderen entsteht. Wer nur das reine Selbst sieht, hat kein Objekt der Abwehr mehr.

Īśā-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya
bhūtāni* conj. ed. ] bhūtāny GRETIL2018, LV1958
Kritischer Apparat
Now, he who on all beings
Looks as just (eva) in the Self (Ātman),
And on the Self as in all beings—<2>
He does not shrink away from Him.<3>

<2: This universal presence is claimed by Kṛishṇa for himself at BhG. 6. 30 a, b.>
<3: The indefinite word tatas may mean ‘from these beings,’ or ‘from this Self,’ or ‘from this time on,’ or pregnantly all these.—The whole line recurs at Bṛih. 4. 4. 15 d; Kaṭha 4. 5 d, 4. 12 d. >
Robert Hume - 1921
Doch wer die Wesen hier alle
Wiedererkennt im eignen Selbst
Und sich in allem, was lebet,
Der ängstigt sich vor keinem mehr.
Paul Deussen - 1897
And he who beholds all beings in the Self, and the Self in all beings, he never turns away from it <2>.

<2: Vikikitsati, Vâg. Samh.; vigugupsate, Upan. >
Max Müller - 1879
Īśāvāsya Upaniṣad 7
यस्मिन्सर्वाणि भूतानि आत्मैवाभूद्विजानतः |
yasmin sarvāṇi bhūtāni*; ātmaivābhūd vijānataḥ | Analyse ▾ Analyse ▴
yasmin
Lokativ Singular Neutrum
Pronomen rel
in welchem
sarvāṇi
Nominativ Plural Neutrum
Pronomen quant
alle
bhūtāni
Nominativ Plural
Substantiv Neutrum
Wesen
ātmā
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Selbst
eva
Partikel
eben, gerade
abhūt
3. Person Singular Aktiv Aorist
Verbalwurzel
wurde
vijānataḥ
Genitiv Singular Maskulin Partizip Präsens Aktiv
Präfix
Verbalwurzel
des Erkennenden
तत्र को मोहः कः शोक एकत्वमनुपश्यतः ||7||
tatra ko mohaḥ kaḥ śoka; ekatvam anupaśyataḥ ||7|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dort, dann
kaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen inter
welcher
mohaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Wahn, Verblendung
kaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen inter
welcher
śokaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Kummer, Schmerz
ekatvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Einheit
anupaśyataḥ
Genitiv Singular Maskulin Partizip Präsens Aktiv
Präfix
Verbalwurzel
des Schauenden, Erkennenden
Metrum: Anuṣṭubh
In wem (yasmin | loc sg n) alle Wesen (sarvāṇi bhūtāni | nom pl) für den Erkennenden (vijānataḥ | gen sg m pca) eben (eva) zum Selbst (ātmā | nom sg) geworden sind (abhūt | 3p sg act aor), dort (tatra): welcher Wahn (ko mohaḥ | nom sg), welcher Kummer (kaḥ śokaḥ | nom sg) [bleibt] für den, der Einheit (ekatvam | acc sg) sieht (anupaśyataḥ | gen sg m pca)?
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Für den Erkennenden, dem alle Wesen zum Selbst geworden sind, bleibt kein Raum für Täuschung und kein Raum für Kummer, denn er sieht Einheit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Śaṅkara fasst moha (Verblendung) und śoka (Kummer) als Wirkungen von avidyā (Unwissenheit), Begehren und Handlung. Wenn für den Erkennenden alle Wesen wirklich ātman (Selbst) geworden sind, fehlt ihnen jeder Boden. Der Vers zeigt damit nicht nur Trost, sondern den vollständigen Abbruch von saṃsāra (Daseinskreislauf) mitsamt seiner Ursache.

Īśā-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya
bhūtāni* conj. ed. ] bhūtāny GRETIL2018, LV1958
Kritischer Apparat
In whom all beings
Have become just (eva) the Self of the discerner—
Then what delusion (moha), what sorrow (śoka) is there,
Of him who perceives the unity!
Robert Hume - 1921
Wo zu den Wesen hier allen
Das Selbst ward des Erkennenden,
– Wo wäre Wahn, und wo Kummer
Für ihn, der so die Einheit schaut?
Paul Deussen - 1897
When to a man who understands, the Self has become all things, what sorrow, what trouble can there be to him who once beheld that unity?
Max Müller - 1879

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

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