IVU 9-11: Unzulänglichkeit des Wissens
IVU 9-11: Unzulänglichkeit des Wissens

Īśāvāsya Upaniṣad 9-11: Wissen und Nichtwissen

Der Text warnt vor einseitiger Verehrung von Wissen oder Nichtwissen und sucht die rechte Verbindung beider.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner
Īśāvāsya Upaniṣad 9
अन्धं तमः प्रविशन्ति ये अविद्यामुपासते |
andhaṃ tamaḥ praviśanti; ye a*vidyām upāsate | Analyse ▾ Analyse ▴
andham
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
blind
tamas
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Finsternis
praviśanti
3. Person Plural Aktiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
treten ein
ye
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen rel
welche
avidyām
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
Nichtwissen
upāsate
3. Person Plural Medial Präsens
Präfix
Verbalwurzel
verehren, widmen sich
ततो भूय इव ते तमो य उ विदियायां रताः ||9||
tato bhūya iva te tamo; ya u vidi*yāyāṃ ratāḥ ||9|| Analyse ▾ Analyse ▴
tataḥ
Adverb
danach, davon
bhūyaḥ
Akkusativ Singular Neutrum Komperativ
Adjektiv
größere
iva
Partikel
gleichsam
te
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen dem
diese
tamas
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Finsternis
ye
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen rel
welche
u
Partikel
aber, gerade
vidyāyām
Lokativ Singular
Substantiv Feminin
im Wissen
ratāḥ
Nominativ Plural Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
erfreut, hingegeben
Metrum: Anuṣṭubh
In blinde (andhaṃ | acc sg n) Finsternis (tamaḥ | acc sg) treten ein (praviśanti | 3p pl act pres), welche (ye | nom pl m) Nichtwissen (avidyām | acc sg) verehren (upāsate | 3p pl med pres); danach (tataḥ) [gehen] diese (te | nom pl m), welche (ye | nom pl m) gerade (u) im Wissen (vidyāyām | loc sg) versunken sind (ratāḥ | nom pl m ppp), gleichsam (iva) in noch größere (bhūyaḥ | acc sg n comp) Finsternis (tamaḥ | acc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
In blinde Finsternis geraten diejenigen, die dem Nichtwissen dienen. In noch tiefere Finsternis geraten gleichsam diejenigen, die sich allein im Wissen verlieren.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Śaṅkara markiert hier einen neuen Themenkreis für karmiṇaḥ (Handelnde, Ritualausübende). Avidyā (Unwissenheit) meint hier nicht bloß Nichtwissen, sondern karma (Handlung, Ritual); vidyā (Wissen) meint devatā-jñāna (Götterwissen), nicht höchste Selbsterkenntnis. Die Kritik an einseitigem Karma oder einseitiger Göttermeditation bereitet die begrenzte Verbindung beider vor.

Īśā-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya
a*vidyām conj. ed. ] 'vidyām GRETIL2018, LV1958
Kritischer Apparat
Into blind darkness enter they
That worship ignorance;
Into darkness greater than that, as it were, they
That delight in knowledge. <4>

<4: This stanza is identical with Bṛih. 4. 4. 10. >
Robert Hume - 1921
In blinde Finsternis fahren,
Die dem Nichtwissen huldigen;
In blindere wohl noch jene,
Die am Wissen genügten sich.
Paul Deussen - 1897
All who worship what is not real knowledge (good works), enter into blind darkness: those who delight in real knowledge, enter, as it were, into greater darkness.
Max Müller - 1879
Īśāvāsya Upaniṣad 10
अन्यदेवाहुर्विद्यया अन्यदाहुरविद्यया |
anyad evāhur vidyayā; a*nyad āhur avidyayā | Analyse ▾ Analyse ▴
anyat
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
anderes
eva
Partikel
eben, gerade
āhuḥ
3. Person Plural Aktiv Perfekt
Verbalwurzel
sie sagen
vidyayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
durch Wissen
anyat
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
anderes
āhuḥ
3. Person Plural Aktiv Perfekt
Verbalwurzel
sie sagen
avidyayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
durch Nichtwissen
इति शुश्रुम धीराणाम् ये नस्तद्विचचक्षिरे ||10||
iti śuśruma dhīrāṇām; ye nas tad vicacakṣire ||10|| Analyse ▾ Analyse ▴
iti
Partikel
so
śuśruma
1. Person Plural Aktiv Perfekt
Verbalwurzel
wir haben gehört
dhīrāṇām
Genitiv Plural
Substantiv Maskulin
der Weisen
ye
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen rel
welche
naḥ
Dativ Plural
Pronomen pers 1p
uns
tat
Akkusativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses
vicacakṣire
3. Person Plural Medial Perfekt
Präfix
Verbalwurzel
erklärten, verkündeten
Metrum: Anuṣṭubh
[Etwas] anderes (anyat | nom sg n) eben (eva), sagen sie (āhuḥ | 3p pl act perf), [entsteht] durch Wissen (vidyayā | ins sg); [etwas] anderes (anyat | nom sg n), sagen sie (āhuḥ | 3p pl act perf), [entsteht] durch Nichtwissen (avidyayā | ins sg). So (iti) haben wir gehört (śuśruma | 1p pl act perf) von den Weisen (dhīrāṇām | gen pl), welche (ye | nom pl m) uns (naḥ | dat pl) dieses (tat | acc sg n) erklärten (vicacakṣire | 3p pl med perf).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Anderes, so heißt es, wird durch Wissen erreicht, und anderes durch Nichtwissen. So haben wir es von den Weisen gehört, die uns dies erklärt haben.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Śaṅkara begründet die Verbindung von karma (Handlung, Ritual) und devatā-jñāna (Götterwissen) durch unterschiedliche Früchte. Vidyā (Wissen) führt nach dieser Lesart zum Götterbereich, avidyā/karma (Unwissenheit als rituelles Handeln) zum Ahnenbereich. Die Berufung auf die dhīrāḥ (Weisen) zeigt für ihn eine überlieferte Lehrertradition.

Īśā-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya
vidyayā a*nyad conj. ed. ] vidyayān yad GRETIL2018; vidyayā 'nyad LV1958
Kritischer Apparat
Other, indeed, they say, than knowledge!
Other, they say, than non-knowledge!<5>
—Thus we have heard from the wise (dhīra)
Who to us have explained It.<6>

<5: The point here made is that both knowledge and lack of knowledge are inadequate for apprehending the Ultimate.>
<6: A somewhat more concrete, and perhaps earlier, form of this stanza occurs as Kena 3 e-h.>
Robert Hume - 1921
Anders als, wozu führt Wissen <1>,
Und wozu führt Nichtwissen, ist's!
So haben von den Altmeistern
Die Lehre überkommen wir.

<1: Der Ausdruck anyad vidyayâ ist eine kühne Ellipse: "verschieden (von dem was) durch Wissen (erreicht wird)". Die Erklärung liegt in Kena 8 b: anyad eva tad viditât.>
Paul Deussen - 1897
One thing, they say, is obtained from real knowledge; another, they say, from what is not knowledge. Thus we have heard from the wise who taught us this <4>.

<4: Cf. Talavak. Up. I, 4; vidyâyah, avidyâyâh, Vâg. Samh.; vidyayâ, avidyayâ, Upan.>
Max Müller - 1879
Īśāvāsya Upaniṣad 11
विदियां च अविद्यां च यस्तद्वेदोभयं सह |
vidi*yāṃ ca a*vidyāṃ ca; yas tad vedobhayaṃ saha | Analyse ▾ Analyse ▴
vidyām
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
Wissen
ca
Partikel
und
avidyām
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
Nichtwissen
ca
Partikel
und
yaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen rel
wer
tat
Akkusativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses
veda
3. Person Singular Aktiv Perfekt
Verbalwurzel
weiß, kennt
ubhayam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
beides
saha
Partikel
zusammen
अविद्यया मृत्युं तीर्त्वा विद्ययामृतमश्नुते ||11||
avidyayā mṛtyuṃ tīrtvā; vidyayāmṛtam aśnute ||11|| Analyse ▾ Analyse ▴
avidyayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
durch Nichtwissen
mṛtyum
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
Tod
tīrtvā
Absolutus
Verbalwurzel
überschritten habend
vidyayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
durch Wissen
amṛtam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
Unsterblichkeit
aśnute
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
erlangt, genießt
Metrum: Anuṣṭubh
Wer (yaḥ | nom sg m) Wissen (vidyām | acc sg) und (ca) Nichtwissen (avidyām | acc sg) und (ca) dieses (tat | acc sg n) beides (ubhayam | acc sg n) zusammen (saha) kennt (veda | 3p sg act perf), der überschreitet (tīrtvā | abs) durch Nichtwissen (avidyayā | ins sg) den Tod (mṛtyum | acc sg) und erlangt (aśnute | 3p sg med pres) durch Wissen (vidyayā | ins sg) Unsterblichkeit (amṛtam | acc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wer Wissen und Nichtwissen zusammen erkennt, überschreitet durch Nichtwissen den Tod und erlangt durch Wissen Unsterblichkeit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Śaṅkara liest vidyā (Wissen) hier weiterhin als devatā-upāsanā (Verehrung oder Meditation auf eine Gottheit) und avidyā (Unwissenheit) als karma (Handlung, Ritual). Wer beides zusammen ausführt, überschreitet durch Karma den Tod im rituellen Bereich und erreicht durch Götterwissen ein relatives amṛta (Unsterblichkeit), nicht die endgültige Befreiung durch Paramātman-Wissen (Wissen um das höchste Selbst).

Īśā-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya
vidi*yāṃ conj. ed. ] vidyāṃ GRETIL2018, LV1958
Kritischer Apparat
Knowledge and non-knowledge—
He who this pair conjointly (saha) knows,
With non-knowledge passing over death,
With knowledge wins the immortal. <6>

<6: This stanza occurs again in Maitri 7. 9. >
Robert Hume - 1921
Wer das Wissen und Nichtwissen
Beide [als unzulänglich] weiß,
Der überschreitet durch beides <2>
Den Tod und hat Unsterblichkeit.

<2: Nämlich dadurch, daß er Wissen und Nichtwissen als unzulänglich durchschaut. Auf die Gegenüberstellung, daß er durch das eine den Tod überschreite und durch das andre Unsterblichkeit erlange, ist kein Gewicht zu legen, schon deswegen nicht, weil "den Tod überschreiten" und die "Unsterblichkeit erlangen" ganz dasselbe ist. Die nämliche Bemerkung gilt für Vers 14.>
Paul Deussen - 1897
He who knows at the same time both knowledge and not-knowledge, overcomes death through not-knowledge, and obtains immortality through knowledge.
Max Müller - 1879

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

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