SVU 2.6-2.7: Wo der gesammelte Geist entsteht
SVU 2.6-2.7: Wo der gesammelte Geist entsteht

SVU 2.6-2.7: Feuer, Atem und Soma führen in den Ursprung

Feuer, angehaltener Atem und überströmender Soma sammeln den Geist; unter Savitṛs Antrieb findet er im uralten Brahman seinen unerschütterlichen Ursprung.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Nils Jacob Liersch Nils Jacob Liersch
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.6
अग्निर्यत्राभिमथ्यते वायुर्यत्राधिरुध्यते |
agnir yatrābhimathyate; vāyur yatrādhirudhyate | Analyse ▾ Analyse ▴
agniḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
das Feuer
yatra
Adverb
wo
abhimathyate
3. Person Singular Passiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
wird gerieben, entfacht
vāyuḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
der Wind, Atem
yatra
Adverb
wo
adhirudhyate
3. Person Singular Passiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
wird angehalten, gehemmt
सोमो यत्रातिरिच्यते तत्र संजायते मनः ||6||
somo yatrātiricyate; tatra saṃjāyate manaḥ ||6|| Analyse ▾ Analyse ▴
somaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Soma
yatra
Adverb
wo
atiricyate
3. Person Singular Passiv Präsens
Präfix
Verbalwurzel
wird ausgegossen, tritt über
tatra
Adverb
dort
saṃjāyate
3. Person Singular Medial Präsens
Präfix
Verbalwurzel
entsteht, wird geboren
manaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
der Geist, Verstand
Metrum: Vedische Anuṣṭubh
Das Feuer (agnir | nom sg), wo (yatra) es entfacht wird (abhimathyate | 3p sg pas pres), der Atem (vāyur | nom sg), wo (yatra) er angehalten wird (adhirudhyate | 3p sg pas pres), Soma (somaḥ | nom sg), wo (yatra) er überströmt (atiricyate | 3p sg pas pres): dort (tatra) entsteht (saṃjāyate | 3p sg med pres) der Geist (manaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wo das Feuer durch Reibung entfacht, der Atem angehalten und Soma zum Überströmen gebracht wird, dort entsteht der gesammelte Geist.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya liest den Vers zuerst als Warnung: Ohne Gebet und göttliche Zustimmung bleibt der Mensch in äußeren Feuer-, Wind- und Somaritualen gebunden. Alternativ beschreibt es innere Läuterung: Im Leib wird das Erkenntnisfeuer entfacht, der Atem gezügelt und nach langem Üben ein auf das nichtduale Brahman gerichteter Geist geboren.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda sucht den Ort, an dem Feuer durch Reibung entsteht, Wind vollständig zur Ruhe kommt und Mondlicht durch eine stärkere Helligkeit übertroffen wird. Dort entsteht der yogisch verwandelte Geist; selbst der bereits verkörperte Übende wird gleichsam neu als Brahman geboren und erkennt „Das bin ich“.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa deutet den Vers ausdrücklich embryologisch. Im Mutterschoß mischen sich Feuer, Wind und Soma als männliche und weibliche Anteile; Wärme, aufwärts wirkender Atem und mütterliches Blut ermöglichen die Entwicklung. In diesem körperlichen Verband tritt die kosmische Geisteskraft individuell hervor, erkennbar an ersten Bewegungen des Embryos.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat beschreibt einen innerkörperlichen Cakra-Prozess. Das Feuer im Mūlādhāra wird erregt, der Atem steigt in der Suṣumṇā auf, und der am Dvādaśānta vorgestellte Mond ergießt sein Nektar durch den Zentralkanal. An diesen drei Orten entsteht ein Geist, der sich dem Wirklichen zuwendet.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
abhimathyate LV1958, ASS1927 ] abhimucyate LV1958-app
Kritischer Apparat
Wo Agni aus dem Reibholze Entspringt, wo Vāyu tritt hinzu, Und wo auch Soma quillt reichlich, Da entwickelt das Manas sich.
Paul Deussen - 1921
Where the fire is being kindled, Where the wind is applied thereto, Where the Soma overflows, There is inspiration (manas) born.
Robert Hume - 1921
(During the condition of Yoga) the mind becomes (concentrated on its object of thought) (in that part of the body) where heat is inflamed, where wind is checked, and where the moon is greatly melted (or emptied) (or becomes plentiful).

(The mind of an unprayerful man) becomes only absorbed in ceremonial actions, in which fire is burnt, where the wind (makes noise) when checked, and where the Soma juice is greatly emptied.

S. Vivekananda:—Where the fire is churned, where the air is controlled, where the flow of Soma becomes plentiful, there a (perfect) mind is created.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Wo Agni aus dem Reibholze Entspringt, wo Vāyu tritt hinzu, Und wo auch Soma quillt reichlich, Da entwickelt das Manas sich.
Paul Deussen - 1897
Where the fire is rubbed<1>, where the wind is checked, where the Soma flows over, there the mind is born.
<1: That is, at the Soma sacrifice, after the fire has been kindled and stirred by the wind, the poets, on partaking of the juice, are inspirited for new songs. Saṅkara, however, suggests another explanation as more appropriate for the Upanishad, namely, “Where the fire, i.e. the Highest Self, which burns all ignorance, has been kindled (in the body, where it has been rubbed with the syllable Om), and where the breath has acted, i.e. has made the sound peculiar to the initial stages of Yoga, there Brahman is produced.” In fact, what was intended to be taught was this, that we must begin with sacrificial acts, then practise yoga, then reach samādhi, perfect knowledge, and lastly bliss.>
F. Max Müller - 1884
(At the sacrifice) where the fire is kindled, where (in the vessels, appertaining to it) the wind is noisy, where the Soma-juice remains, (when it has been poured in the sacrificial cup), there mind does attend.
Edward Röer - 1853
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.7
सवित्रा प्रसवेन च जुषेत ब्रह्म पूर्वियम् |
savitrā prasavena ca; juṣeta brahma pūrvi*yam | Analyse ▾ Analyse ▴
savitrā
Instrumentalis Singular
Substantiv Maskulin
durch Savitṛ, den Antreiber
prasavena
Instrumentalis Singular
Substantiv Maskulin
durch den Antrieb, Impuls
ca
Partikel
und
juṣeta
3. Person Singular Medial Optativ
Verbalwurzel
er möge sich hingeben, verehren
brahma
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
das heilige Wort, Brahman
pūrvyam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
das uralte, ursprüngliche
तत्र योनिं कृणवसे नहि ते पूर्तमक्षिपत् ||7||
tatra yoniṃ kṛṇavase; nahi te pūrtam akṣipat ||7|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dort
yonim
Akkusativ Singular
Substantiv Feminin
den Ursprung, Mutterschoß
kṛṇavase
Infinitiv
Verbalwurzel
zu bereiten, zu schaffen
nahi
Partikel
denn nicht, wahrlich nicht
te
Dativ Singular
Pronomen pers 2p
dir, für dich
pūrtam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
das Erfüllte, Vollbrachte
akṣipat
3. Person Singular Aktiv Präteritum
Verbalwurzel
er hat verworfen, beseitigt
Metrum: Anuṣṭubh
Durch Savitṛ (savitrā | ins sg), durch seinen Antrieb (prasavena | ins sg) zugleich (ca), möge man sich hingeben (juṣeta | 3p sg med opt) dem uralten Brahman (brahma pūrvyam | acc sg n). Dort (tatra) [ist] den Ursprung (yonim | acc sg) zu bereiten (kṛṇavase | inf); denn nicht (nahi) hat dir (te | dat sg) das Vollbrachte (pūrtam | nom sg n ppp) [ihn] beseitigt (akṣipat | 3p sg act pret).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Unter Savitṛs Antrieb wende man sich dem uralten Brahman zu und begründe darin die eigene Herkunft. Dann kann das bereits vollbrachte Werk einen nicht mehr aus diesem Ursprung vertreiben.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya fordert, durch Savitṛs Gnade das uralte Brahman zu verehren und in ihm die Festigkeit des Samādhi zu schaffen. Geläuterte frühere Handlungen binden dann nicht erneut: Ihre keimfähige Kraft ist im Erkenntnisfeuer verbrannt, wie die Schrift vom Verbrennen aller Verfehlungen sagt.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda identifiziert Savitṛ mit dem anfanglosen Brahman und lässt den Übenden in ihm seinen inneren Standort schaffen. „Yoni“ kann auch die Māyā als Weltmutter bezeichnen, die erkannt werden soll. Gutes wie schlechtes früheres Karma vermag den in Brahman gefestigten Geist nicht mehr nach außen zu treiben.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa setzt seine Geburtsdeutung fort. Der neu entstandene Geist dient den Lebenskräften und der uranfänglichen Speise; Savitṛ bringt ihn je nach angesammeltem Karma in eine hohe oder niedrige Geburt. Keine vollzogene Handlung gehe selbst in unermesslicher Zeit verloren, bevor ihre heilsame oder unheilsame Frucht erfahren wurde.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat gibt eine präzise Meditationsanweisung: Der am Dvādaśānta vorgestellte Mond soll Nektar durch die Suṣumṇā herabströmen lassen; im Mūlādhāra wird das Feuermaṇḍala als Sitz Brahmans errichtet. So meditiert, verzögere Brahman die Frucht nicht, sondern gewähre sie rasch.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
prasavena ca conj. Hauschild apud LV1958-app ] prasavena LV1958
Kritischer Apparat
Durch Savitar, durch seinen Trieb Freut des Gebets, des alten, euch; Wenn dort ihr euren Stand nehmet, Befleckt euch früh’res Werk nicht mehr.
Paul Deussen - 1921
With Savitri as the inspirer One should delight in the ancient prayer (brahma pūrvyam). If there thou make thy source, The former [work] besmears thee not.<1>
<1: Such is the traditional interpretation of a line which, even in its original source (RV. 6. 16. 18a with a very slight alteration), is of doubtful meaning.>
Robert Hume - 1921
One should win the love of the Creator who is the Chief Cause of the world. Thou shouldst practise faith in that Being who is Brahm, existing from time without beginning; in that case no (need of) doing public works (i.e., Karma in general) will disturb thee.

Or

One should serve Brahm, existing from time without beginning, with nectar produced from the moon (during the practice of Yoga); in that place (called mūlādhāra) thou shouldst make a locality called (pratimaṇḍala) for the worship of Brahm. In that way the fruit will not be delayed to thee.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Durch Savitar, durch seinen Trieb Freut des Gebets, des alten, euch; Wenn dort ihr euren Stand nehmet, Befleckt euch früh’res Werk nicht mehr.
Paul Deussen - 1897
Let us love the old Brahman by the grace of Savitri; if thou make thy dwelling there, the path will not hurt thee<1>.
<1: We must read krinavase, in the sense of “do this and nothing will hurt thee,” or, if thou do this, thy former deeds will no longer hurt thee.>
F. Max Müller - 1884
Worship ye, the ancient Bramha by Savitri, the creator; in him do thou make (thy) entrance (which is characterized by concentration); for thy former work (ceremonial work) does not bind thee.
Edward Röer - 1853

Mit AYI Free weitermachen

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Nils Jacob Liersch

Meine Begeisterung für Yoga, indische Philosophie und Sanskrit führte mich zum Studium der Indologie und Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg. Seit 2004 befinde ich mich auf meinem persönlichen Yogaweg... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
0 Nachrichten

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

Noch keine Nachrichten.