SVU 2.14-2.16: Selbstlicht ohne Fesseln
SVU 2.14-2.16: Selbstlicht ohne Fesseln

SVU 2.14-2.16: Selbsterkenntnis und Allgegenwart

Wie im gereinigten Spiegel erscheint das Selbst in eigenem Licht. Wer den ungeborenen Gott erkennt, wird von den Fesseln frei und schaut den Einen in allen Wesen.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Nils Jacob Liersch Nils Jacob Liersch
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.14
यथैव बिम्बं मृदयोपलिप्तं तेजोमयं भ्राजते तत्सुधौतम् |
yathaiva bimbaṃ, mṛdayopaliptaṃ; tejo-mayaṃ, bhrājate tat su-dhautam | Analyse ▾ Analyse ▴
yathā
Adverb
wie
eva
Partikel
eben, gerade
bimbam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
ein Spiegel, Abbild
mṛdayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
mit Erde, Schmutz
upaliptam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
bedeckt, beschmiert
tejas
Upapada-Kompositum
Substantiv Neutrum
Glanz, Licht
mayam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
aus Glanz bestehend, leuchtend
bhrājate
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
er glänzt, strahlt
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
es, dieses
su
Karmadhāraya-Kompositum
Präfix
gut, völlig
dhautam
Nominativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
gewaschen, gereinigt
तद्वात्मतत्त्वं प्रसमीक्ष्य देही एकः कृतार्थो भवते वीतशोकः ||14||
tad vātma-tattvaṃ, prasamīkṣya dehī; ekaḥ kṛtārtho, bhavate vīta-śokaḥ ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses, so
vā
Partikel
oder, wahrlich
ātma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Selbstes, Selbst-
tattvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
das wahre Wesen, die Wirklichkeit
prasamīkṣya
Absolutus
Präfix
Präfix
Verbalwurzel
nachdem er erschaut, erkannt hat
dehī
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
der Verkörperte
ekaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Zahlwort
einer, der Eine
kṛta
Upapada-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
vollbracht, erreicht
arthaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
dessen Ziel erreicht ist, erfüllt
bhavate
3. Person Singular Medial Präsens
Verbalwurzel
er wird, ist
vīta
Upapada-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
frei geworden, vergangen
śokaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Maskulin
frei von Kummer, leidlos
Metrum: Pāda 1: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 2: Triṣṭubh mit Śālinī-Ausklang; Pāda 3: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 4: Triṣṭubh mit Śālinī-Ausklang — 12 Silben
Gerade wie (yathaiva) ein Spiegel (bimbam | nom sg), mit Erde (mṛdayā | ins sg) bedeckt (upaliptam | nom sg n ppp), aus Glanz bestehend (tejo-mayam | nom sg n) strahlt (bhrājate | 3p sg med pres) dieses [Abbild] (tat | nom sg n), gut gereinigt (su-dhautam | nom sg n ppp), so (tat | nom sg n) wahrlich (vā) [wird], nachdem er das wahre Wesen des Selbst (ātma-tattvam | acc sg) erschaut hat (prasamīkṣya | abs), der Verkörperte (dehī | nom sg) eins (ekaḥ | nom sg m), sein Ziel ist erreicht (kṛtārthaḥ | nom sg), [und] er wird (bhavate | 3p sg med pres) frei von Kummer (vīta-śokaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wie ein von Erde beschmutzter Spiegel wieder strahlt, sobald er gründlich gereinigt ist, so wird der Mensch, der das wahre Wesen des Selbst erkennt, eins, erreicht sein Ziel und wird frei von Kummer.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya vergleicht das Selbst mit einer goldenen oder silbernen Scheibe, deren aufliegender Schmutz entfernt wird. Ebenso wird das nichtduale Selbst nicht neu hergestellt, sondern klar gesehen. Wer es unmittelbar erkennt, ist erfüllt und frei von Trauer; auch die alternative Lesart tadvat satattvam führe zu demselben Sinn.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda verschärft das Gleichnis: Eine wirkliche Lehmbedeckung von Sonne oder Mond habe es nie gegeben. Ebenso berührt Māyā das Selbst niemals wirklich. Wird das eigene selbstleuchtende Wesen als „Ich bin Brahman“ erkannt, erweist sich der vermeintlich unwissende Verkörperte als frei von Verschiedenheit und allem aus Nichtwissen stammenden Kummer sowie im Lebenszweck erfüllt.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa versteht den Vers als Ghaṭa-Stufe, die zweite Yogaphase. Wie ein erhitztes und gereinigtes Goldstück aufleuchtet, so führt die durch Dhyāna und Samādhi gewonnene unmittelbare Selbstschau zur Einheit mit dem höchsten Selbst. „Einer“ kann zusätzlich hervorheben, dass nur ein seltener Übender diese Vollendung erreicht.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat bezieht das Bild auf einen Spiegel oder eine ähnliche leuchtende Fläche: Das Reinigungsmittel beseitigt nur die aufliegende Verunreinigung. Ebenso gehört der Makel zum Upādhi, nicht zum Selbst. Durch unmittelbares „Ich bin Brahman“ erkennt sich der Zeuge von Leib und Organen als nichtdual, erfüllt und frei von Saṃsāra und Trauer.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
sudhautam LV1958 ] sudhātam LV1958-app; sudhāntam ASS1927, LV1958-app
Kritischer Apparat
Gleichwie ein Spiegel, der mit Staub bedeckt war, Wie Feuerschein erglänzt, wenn er gereinigt, So wird nur, wer erkannt der Seele Wesen, Des Ziels teilhaftig und befreit von Kummer.
Paul Deussen - 1921
Even as a mirror stained by dust Shines brilliantly when it has been cleansed, So the embodied one, on seeing the nature of the Soul (Atman), Becomes unitary, his end attained, from sorrow freed.
Robert Hume - 1921
Just as a disc (of gold or silver), covered with dust, shines full of lustre when it is well-washed; in the same way, man, having thoroughly realized the Reality of the Spirit, and being one with God, becomes free from sorrow and attains his (desired) object.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Gleichwie ein Spiegel, der mit Staub bedeckt war, Wie Feuerschein erglänzt, wenn er gereinigt, So wird nur, wer erkannt der Seele Wesen, Des Ziels teilhaftig und befreit von Kummer.
Paul Deussen - 1897
As a metal disk (mirror), tarnished by dust, shines bright again after it has been cleaned, so is the one incarnate person satisfied and free from grief, after he has seen the real nature of the Self<1>.
<1: Pareshām pāthe tadvat sa tattvam prasamīkshya dehīti.>
F. Max Müller - 1884
As a piece (of gold or silver), covered with earth, when cleansed, shines like light, so the embodied soul, when beholding the true nature of the soul (of itself) becomes one, obtains its true end, and every pain ceases.
Edward Röer - 1853
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.15
यदात्मतत्त्वेन तु ब्रह्मतत्त्वं दीपोपमेनेह युक्तः प्रपश्येत् |
yad ātma-tattvena, tu brahma-tattvaṃ; dīpopamene,ha yuktaḥ prapaśyet | Analyse ▾ Analyse ▴
yat
Adverb
wenn, indem
ātma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Selbstes, Selbst-
tattvena
Instrumentalis Singular
Substantiv Neutrum
durch das wahre Wesen, die Wirklichkeit
tu
Partikel
aber, wahrlich
brahma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Brahman-
tattvam
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
das wahre Wesen, die Wirklichkeit
dīpa
Upapada-Kompositum
Substantiv Maskulin
Lampe, Licht
upamena
Instrumentalis Singular Neutrum
Adjektiv
durch das Vergleichbare, Gleichnis
iha
Adverb
hier
yuktaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
gesammelt, im Yoga verbunden
prapaśyet
3. Person Singular Aktiv Optativ
Präfix
Verbalwurzel
er möge erschauen, erkennen
अजं ध्रुवं सर्वतत्त्वैर्विशुद्धं ज्ञात्वा देवं मुच्यते सर्वपाशैः ||15||
ajaṃ dhruvaṃ, sarva-tattvair viśuddhaṃ; jñātvā devaṃ, mucyate sarva-pāśaiḥ ||15|| Analyse ▾ Analyse ▴
ajam
Akkusativ Singular Maskulin
Adjektiv
den Ungeborenen
dhruvam
Akkusativ Singular Maskulin
Adjektiv
den beständigen, ewigen
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen quant
alle, sämtliche
tattvaiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Neutrum
von allen Wirklichkeiten, Prinzipien
viśuddham
Akkusativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
völlig rein, geläutert
jñātvā
Absolutus
Verbalwurzel
nachdem er erkannt hat
devam
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
Gott, den Göttlichen
mucyate
3. Person Singular Passiv Präsens
Verbalwurzel
wird befreit
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Pronomen quant
alle, sämtliche
pāśaiḥ
Instrumentalis Plural
Substantiv Maskulin
von den Fesseln
Metrum: Triṣṭubh mit Śālinī-Ausklang
Wenn (yad) durch das wahre Wesen des Selbst (ātma-tattvena | ins sg) aber (tu) das wahre Wesen Brahmans (brahma-tattvam | acc sg), indem jenes einer Lampe gleicht (dīpa-upamena | ins sg n), hier (iha) ein im Yoga Gesammelter (yuktaḥ | nom sg m ppp) erschaut (prapaśyet | 3p sg act opt), [und wenn er] den Ungeborenen (ajam | acc sg m), Beständigen (dhruvam | acc sg m), von allen Prinzipien (sarva-tattvaiḥ | ins pl) völlig Reinen (viśuddham | acc sg m ppp) [so] erkannt hat (jñātvā | abs) – [nämlich] Gott (devam | acc sg) –, wird er befreit (mucyate | 3p sg pas pres) von allen Fesseln (sarva-pāśaiḥ | ins pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn der im Yoga Gesammelte durch das Licht des eigenen Selbst das wahre Wesen Brahmans schaut und Gott als ungeboren, beständig und von allen begrenzenden Prinzipien unberührt erkennt, wird er von sämtlichen Fesseln befreit.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya erklärt, das höchste Selbst werde nur durch das eigene selbstleuchtende Selbst erkannt, wie Licht durch Licht. Ungeboren und unveränderlich ist es von Nichtwissen und dessen Wirkungen unberührt. Diese Erkenntnis ist keine Begegnung zweier Wesen, sondern „Ich bin Brahman“ und löst sämtliche Fesseln.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda lässt den im achtgliedrigen Yoga Gesammelten Brahman im eigenen Selbst erkennen. Die Lampe steht für Selbstoffenbarkeit, nicht für ein äußeres Erkenntnismittel. „Ungeboren“, „fest“ und „rein“ schließen Veränderung und Berührung durch Nichtwissen aus; gelöst werden alle Bindungen des Ich- und Mein-Denkens.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa ordnet den Vers der dritten, Paricaya genannten Yogastufe zu. Brahman wird nicht bloß als Gegenstand, sondern in Einheit mit dem eigenen Selbst gesehen. Weil es anfanglos, unveränderlich und von allen Elementprinzipien unberührt ist, bedeutet seine Erkenntnis zugleich Ungebundenheit gegenüber sämtlichen Fesseln.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat setzt die Nähe eines Lehrers, Dienst, Hören und die übrige Erkenntnispraxis voraus. Durch Reinigung der Bedeutungen von „du“ und „das“ wird ihre unmittelbare Einheit erkannt. Die Lampe bezeichnet den Zeugen der drei Bewusstseinszustände; als dieser sieht der Suchende Brahman in der Herzhöhle und löst Nichtwissen samt seinen Wirkungen auf.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
Wem seiner Seele Wesen ward zur Fackel, Im Yoga Brahman’s Wesen zu erschauen, Fest, ewig, rein von allen Daseinsformen,—Wer so den Gott weiß, der wird frei von Banden.
Paul Deussen - 1921
When with the nature of the self, as with a lamp, A practiser of Yoga beholds here the nature of Brahma, Unborn, steadfast, from every nature free—By knowing God (deva) one is released from all fetters!
Robert Hume - 1921
When (a man) of self-control sees here (in his heart) the Reality of Brahm only by his own self, as if with a lamp, he is released from all bonds, having known the Self-Luminous Being, who is without beginning, unchangeable, and untainted with all things of Maya.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Wem seiner Seele Wesen ward zur Fackel, Im Yoga Brahman’s Wesen zu erschauen, Fest, ewig, rein von allen Daseinsformen,—Wer so den Gott weiß, der wird frei von Banden.
Paul Deussen - 1897
And when by means of the real nature of his self he sees, as by a lamp, the real nature of Brahman, then having known the unborn, eternal god, who is beyond all natures<1>, he is freed from all fetters.
<1: Sarvatattvair avidyātatkāryair visuddham asamsprishtam.>
F. Max Müller - 1884
When,<1> absorbed in this concentration, (the Yogi) sees by the true nature of his own self, which manifests like a light, the true nature of Bramha, which is not born, eternal and free from all effects of nature<2> (or, as Śankara explains “tattwa,” from the effects of ignorance), he gets released from all bonds.
<1: This verse, according to Dr. Weber, is taken from the Vājas., Taitt. Āraṇ. X. 1–3.>
<2: Tattwa is a term of the Sānkhya, and means a principle, something, from which something else is derived, the nature of a thing. It may also be translated,—“free from the nature of all,” which “tattwa” would, in this case, denote “nature.”>
Edward Röer - 1853
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.16
एष ह देवः प्रदिशो ऽनु सर्वाः पूर्वो ह जातः स उ गर्भे अन्तः |
eṣa ha devaḥ, pradiśo 'nu sarvāḥ; pūrvo ha jātaḥ, sa u garbhe antaḥ | Analyse ▾ Analyse ▴
eṣaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
dieser
ha
Partikel
wahrlich, eben
devaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
der Gott, Göttliche
pradiśaḥ
Akkusativ Plural
Substantiv Feminin
die Richtungen, Weltgegenden
anu
Partikel
entlang, durch alle
sarvāḥ
Akkusativ Plural Feminin
Pronomen quant
alle, sämtliche
pūrvaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
der frühere, zuerst
ha
Partikel
wahrlich, eben
jātaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
geboren, entstanden
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
er, dieser
u
Partikel
und, auch
garbhe
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
im Mutterleib, Keim
antar
Adverb
innen, im Innern
स एव जातः स जनिष्यमानः प्रत्यङ्जनास्तिष्ठति सर्वतोमुखः ||16||
sa eva jātaḥ, sa janiṣyamānaḥ; pratyaṅ janās, tiṣṭhati sarvato-mukhaḥ ||16|| Analyse ▾ Analyse ▴
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
er, dieser
eva
Partikel
eben, allein
jātaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
geboren, entstanden
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
er, dieser
janiṣyamānaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Futur Medial
Verbalwurzel
der geboren werden wird
pratyaṅ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
nach innen gewandt, im Innern
janāḥ
Vokativ Plural
Substantiv Maskulin
o Menschen
tiṣṭhati
3. Person Singular Aktiv Präsens
Verbalwurzel
er steht, weilt
sarvatas
Bahuvrīhi-Kompositum
Adverb
nach allen Seiten, überall
mukhaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Neutrum
mit Gesichtern, allseitig blickend
Metrum: Pāda 1: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 2: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 3: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 4: Jagatī mit Vaṃśa-Ausklang
Dieser (eṣaḥ | nom sg m), wahrlich (ha), Gott (devaḥ | nom sg) [durchzieht] die Richtungen (pradiśaḥ | acc pl) entlang (anu), sie alle (sarvāḥ | acc pl f). Als Erster (pūrvaḥ | nom sg m), wahrlich (ha), geboren (jātaḥ | nom sg m ppp), [ist] er (saḥ | nom sg m) auch (u) im Mutterleib (garbhe | loc sg), innen (antar). Er (saḥ | nom sg m) allein (eva) [ist] geboren (jātaḥ | nom sg m ppp), er (saḥ | nom sg m) [ist] der künftig Geborene (janiṣyamānaḥ | nom sg m pfm). Nach innen gewandt (pratyaṅ | nom sg m), o Menschen (janāḥ | voc pl), steht er (tiṣṭhati | 3p sg act pres), mit Gesichtern nach allen Seiten (sarvato-mukhaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Dieser Gott durchdringt alle Weltgegenden. Er war der Erste, der geboren wurde, und ist im Mutterleib gegenwärtig. Er ist jeder, der geboren wurde oder künftig geboren wird; im Inneren aller Menschen steht er und blickt in jede Richtung.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya entfaltet die Allgegenwart des einen Selbst. Derselbe ist vor allem als Hiraṇyagarbha geboren, im Mutterschoß gegenwärtig, jedes bereits geborene Kind und jedes künftige Wesen. Als inneres Selbst aller Lebenden trägt er deren sämtliche Gesichter und steht ihnen doch nicht als anderes Wesen gegenüber.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda unterscheidet mehrere Erscheinungsweisen: das unentfaltete Brahman, den zuerst geborenen Sūtrātman, Virāṭ im Weltei und Prajāpati im Innern sowie das innere Selbst jedes Menschen. „Nach innen gewandt“ verhindert, dass diese kosmischen Formen als wirkliche Geburt des Selbst missverstanden werden; Geburt gehört nur zur Überlagerung.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa weist den Vers der vierten, Niṣpatti genannten Vollendungsstufe zu. Der eine ist Hiraṇyagarbha, tritt als Schöpfer in sein Werk ein und erscheint in vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Wesen. Als nach innen erfahrenes „Ich“ ist er in allen Menschen gegenwärtig und besitzt überall ein Gesicht.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat beschreibt das unbegrenzte, nichtduale Bewusstsein unter Upādhis. Es erscheint zuerst als Hiraṇyagarbha, im Weltei als Virāṭ und unter unzähligen individuellen Leib-Geist-Bedingungen als vergangene, gegenwärtige und künftige Jīvas. Die Vielheit der Gesichter betrifft diese Bedingungen; innerlich ist in allen derselbe höchste Ātman gegenwärtig.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
eṣa ha LV1958 ] eṣo 'ha conj. Silburn apud LV1958-app

janās LV1958 ] janāṃs ASS1927, LV1958-app
Kritischer Apparat
Er ist der Gott in allen Weltenräumen, Vormals geboren und im Mutterleibe; Er ward geboren, wird geboren werden, Ist in den Menschen und allgegenwärtig.<1>
<1: Vāj. Samh. 32,4 (Gesch. d. Phil. I, 292).>
Paul Deussen - 1921
That God faces all the quarters of heaven. Aforetime was he born, and he it is within the womb. He has been born forth. He will be born. He stands opposite creatures, having his face in all directions.<1>
<1: This stanza = VS. 32. 4.>
Robert Hume - 1921
It is this Luminous Being alone who pervades all the directions. It is He who was first-born (as Hiranyagarbha); it is He who is immanent in the womb (of the Universe as Virat); whatever is born (as individual soul) is He; and whatever will be born will be He with faces everywhere, He is present within (as the self of) all human beings.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Er ist der Gott in allen Weltenräumen, Vormals geboren und im Mutterleibe; Er ward geboren, wird geboren werden, Ist in den Menschen und allgegenwärtig.<1>
<1: Vāj. Samh. 32,4 (Gesch. d. Phil. I, 292).>
Paul Deussen - 1897
He indeed is the god who pervades all regions: he is the first-born (as Hiranyagarbha), and he is in the womb. He has been born, and he will be born<1>. He stands behind all persons, looking everywhere.
<1: This verse is found in the Vāg. Samh. XXXII, 4; Taitt. Ār. X, 1, 3, with slight modifications. The Vāgasaneyins read esho ha (so do A. B.) for esha hi; sa eva gātah (A. B.) for sa vigātah; ganās (A. B.) for ganāms. The Āranyaka has sa vigāyamānah for sa vigātah, pratyaṅmukhās for pratyañganāms, and visvatomukhah for sarvatomukhah. Colebrooke (Essays, I, 57) gives a translation of it. If we read ganāh, we must take it as a vocative.>
F. Max Müller - 1884
For he (the Yogi) is the god who is born before all the quarters and intermediate quarters (Hiranyagarbha), he is indeed within the womb, he is born, he will be born; in the shape of all he dwells in every creature.
Edward Röer - 1853

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Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Nils Jacob Liersch

Meine Begeisterung für Yoga, indische Philosophie und Sanskrit führte mich zum Studium der Indologie und Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg. Seit 2004 befinde ich mich auf meinem persönlichen Yogaweg... mehr ›

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