SVU 2.8-2.9: Floß und Atemzügel
SVU 2.8-2.9: Floß und Atemzügel

SVU 2.8-2.9: Aufrichtung und Atemführung

Der Übende richtet den Körper auf, sammelt die Sinne im Herzen, überquert auf dem Brahman-Floß gefährliche Ströme und zügelt Atem und Geist.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Nils Jacob Liersch Nils Jacob Liersch
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.8
त्रिरुन्नतं स्थाप्य समं शरीरं हृदीन्द्रियाणि मनसा संनिवेश्य |
trir unnataṃ, sthāpya samaṃ śarīraṃ; hṛdīndriyāṇi, manasā saṃniveśya | Analyse ▾ Analyse ▴
tris
Adverb
dreimal, dreifach
unnatam
Akkusativ Singular Neutrum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
aufgerichtet, erhoben
sthāpya
Absolutus
Verbalwurzel
nachdem man aufgerichtet, gehalten hat
samam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
gerade, gleichmäßig
śarīram
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
den Körper
hṛdi
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
im Herzen
indriyāṇi
Akkusativ Plural
Substantiv Neutrum
die Sinne
manasā
Instrumentalis Singular
Substantiv Neutrum
mit dem Geist, Verstand
saṃniveśya
Absolutus
Präfix
Präfix
Verbalwurzel
nachdem man hineingelegt, gesammelt hat
ब्रह्मोडुपेन प्रतरेत विद्वान्स्रोतांसि सर्वाणि भयावहानि ||8||
brahmoḍupena, pratareta vidvān; srotāṃsi sarvāṇi, bhayāvahāni ||8|| Analyse ▾ Analyse ▴
brahma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Brahman-
uḍupena
Instrumentalis Singular
Substantiv Neutrum
mit dem Floß, Boot
pratareta
3. Person Singular Medial Optativ
Präfix
Verbalwurzel
er möge hinübergelangen
vidvān
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Aktiv
Verbalwurzel
der Wissende, Weise
srotāṃsi
Akkusativ Plural
Substantiv Neutrum
die Ströme, Fluten
sarvāṇi
Akkusativ Plural Neutrum
Pronomen quant
alle, sämtliche
bhaya
Upapada-Kompositum
Substantiv Neutrum
Gefahr, Furcht
āvahāni
Akkusativ Plural Neutrum
Präfix
Verbalwurzel
Gefahr bringenden, furchtbaren
Metrum: Pāda 1: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 2: Triṣṭubh mit Śālinī-Ausklang — 12 Silben; Pāda 3: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 4: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang
Nachdem man [Brust, Hals und Kopf] dreifach (tris) aufgerichtet (unnatam | acc sg n ppp) gehalten hat (sthāpya | abs), den Körper gerade (samaṃ śarīram | acc sg), [und] im Herzen (hṛdi | loc sg) die Sinne (indriyāṇi | acc pl) mit dem Geist (manasā | ins sg) gesammelt hat (saṃniveśya | abs), möge [man] mit dem Brahman-Floß (brahmoḍupena | ins sg) hinübergelangen (pratareta | 3p sg med opt), als Wissender (vidvān | nom sg m ppa), über alle Gefahr bringenden Ströme (srotāṃsi sarvāṇi bhayāvahāni | acc pl n).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Halte Brust, Hals und Kopf aufrecht und den ganzen Körper gerade. Sammle die Sinne mit dem Geist im Herzen. So kann der Wissende auf dem Floß des Brahman alle gefahrvollen Ströme überqueren.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya verbindet die aufrechte Haltung von Brust, Hals und Kopf mit dem Rückzug der Sinne ins Herz. Praṇava als Boot trägt über die Ströme des Saṃsāra. Ausführlich ergänzt es Nāḍī-Reinigung, wechselndes Atmen sowie Recaka, Pūraka und Kumbhaka mit festgelegten Zählmaßen und Übungszeiten.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda ordnet den Vers in den achtgliedrigen Yoga ein. Āsana beruhigt die Handlungsorgane, Pratyāhāra führt die Erkenntnissinne mit dem geistigen Zügel ins Herz; Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi halten sie dort fest. Das Boot der Brahmanerkenntnis zerstört schließlich Verhüllung und Zerstreuung, die beiden Seiten des Nichtwissens.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa versteht die drei erhobenen Körperteile als Kopf, Hals und Brust und verlegt die Sinne in das Herzlotus. Das Boot des Brahman, auch als Oṃ verstanden, überquert die gefährlichen Ströme der Wünsche. Zur Verdeutlichung zitiert er das bekannte Bild der Hoffnung als reißender, von Gier und Verblendung erfüllter Fluss.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat weist einen mittleren, noch nicht unmittelbar erkenntnisfähigen Übenden an: Körper aufrichten, Sinne samt Geist in der Herzhöhle sammeln und mit dem rettenden Praṇava übersetzen. Oṃ bezeichnet dabei sowohl das niedere als auch das höchste Brahman und wird zum Boot über sämtliche gefahrvollen Ströme des Saṃsāra.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
trirunnataṃ LV1958, ASS1927 ] dhruvatvam LV1958-app
Kritischer Apparat
Den Leib dreifach gerichtet, ebenmäßig, Manas und Sinne im Herzen eingeschlossen, So mag der Weise auf dem Brahmanschiffe Die fürchterlichen Fluten überfahren.
Paul Deussen - 1921
Holding his body steady with the three [upper parts<1>] erect, And causing the senses with the mind to enter into the heart, A wise man with the Brahma-boat should cross over All the fear-bringing streams.
<1: Head, chest, and neck—so prescribed at BhG. 6. 13.>
Robert Hume - 1921
Having equally balanced the body, with its three portions raised, and fixed the organs of sense on the heart by means of the mind, the wise man should cross, by the boat of Om (or knowledge of Brahm), all the dangerous rivers.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Den Leib dreifach gerichtet, ebenmäßig, Manas und Sinne im Herzen eingeschlossen, So mag der Weise auf dem Brahmanschiffe Die fürchterlichen Fluten überfahren.
Paul Deussen - 1897
If a wise man hold his body with its three erect parts (chest, neck, and head) even<1>, and turn his senses with the mind towards the heart, he will then in the boat of Brahman<2> cross all the torrents which cause fear.
<1: Cf. Bhagavadgītā VI, 13. Samam kāyasirogrīvam dhārayan. Saṅkara says: trīny unnatāny urogrīvasirāmsy unnatāni yasmin sarire.>
<2: Explained by Saṅkara as the syllable Om.>
F. Max Müller - 1884
Keeping the upper parts (the chest, neck, and the head) erect<1> and equal to the (other parts of the) body, subduing within the heart the senses together with the mind, let the wise by the raft of Bramha (Om) cross over all the fearful torrents (of the world).
<1: See the similar passage in Bhagv. G. 5 Adh. 27. 3 and 6 Adh. 11–13.>
Edward Röer - 1853
Śvetāśvatara Upaniṣad 2.9
प्राणान्प्रपीड्येह स युक्तचेष्टः क्षीणे प्राणे नासिकयोच्छ्वसीत |
prāṇān prapīḍye,ha sa yukta-ceṣṭaḥ; kṣīṇe prāṇe, nāsikayocchvasīta | Analyse ▾ Analyse ▴
prāṇān
Akkusativ Plural
Substantiv Maskulin
die Lebenshauche, Atemzüge
prapīḍya
Absolutus
Präfix
Verbalwurzel
nachdem man unterdrückt, gezügelt hat
iha
Adverb
hier
saḥ
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
er, dieser
yukta
Karmadhāraya-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
beherrscht, geregelt
ceṣṭaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Feminin
mit geregelten Bewegungen, Bemühungen
kṣīṇe
Lokativ Absolutus Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
wenn er vermindert, erschöpft ist
prāṇe
Lokativ Absolutus Singular
Substantiv Maskulin
wenn der Atem vermindert ist
nāsikayā
Instrumentalis Singular
Substantiv Feminin
durch die Nase
ucchvasīta
3. Person Singular Aktiv Optativ
Präfix
Verbalwurzel
man möge ausatmen
दुष्टाश्वयुक्तमिव वाहमेनं विद्वान्मनो धारयेताप्रमत्तः ||9||
duṣṭāśva-yuktam, iva vāham enaṃ; vidvān mano, dhārayetāpramattaḥ ||9|| Analyse ▾ Analyse ▴
duṣṭa
Karmadhāraya-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
schlecht, verdorben
aśva
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Maskulin
mit Pferden
yuktam
Akkusativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
angeschirrt, bespannt
iva
Partikel
wie, gleich
vāham
Akkusativ Singular
Substantiv Maskulin
das Fahrzeug, Gespann
enam
Akkusativ Singular Maskulin
Pronomen dem
dieses, ihn
vidvān
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Aktiv
Verbalwurzel
der Wissende, Weise
manas
Akkusativ Singular
Substantiv Neutrum
den Geist, Verstand
dhārayet
3. Person Singular Aktiv Optativ Causativ
Verbalwurzel
er möge festhalten, sammeln
apramattaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Präfix
Verbalwurzel
unermüdlich, aufmerksam
Metrum: Pāda 1: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 2: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 3: Triṣṭubh mit Vajrā-Ausklang; Pāda 4: Triṣṭubh mit Śālinī-Ausklang
Nachdem er die Lebenshauche (prāṇān | acc pl) gezügelt hat (prapīḍya | abs), hier (iha), [sei] er (saḥ | nom sg m) von geregelter Bewegung (yukta-ceṣṭaḥ | nom sg m); wenn der Atem vermindert ist (kṣīṇe prāṇe | loc absl sg), möge er durch die Nase (nāsikayā | ins sg) ausatmen (ucchvasīta | 3p sg act opt). Einem mit schlechten Pferden bespannten [Gespann] (duṣṭāśva-yuktam | acc sg m ppp) gleich (iva) [ist] das Fahrzeug (vāham | acc sg), dieses [hier] (enam | acc sg m). Als Wissender (vidvān | nom sg m ppa) möge [er] den Geist (manas | acc sg) festhalten (dhārayet | 3p sg act opt caus), ohne Nachlässigkeit (apramattaḥ | nom sg m ppp).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Zügle die Lebenshauche und halte jede Bewegung unter Kontrolle. Wenn der Atem schwach geworden ist, atme behutsam durch die Nase aus. Wie ein Wagenlenker ein Gespann mit unruhigen Pferden führt, so soll der Wissende den Geist aufmerksam im Zaum halten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Śaṅkara zugeschriebene Bhāṣya setzt gereinigte Nāḍīs voraus. Die Lebenskräfte werden im eigenen Leib gezügelt und der geschwächte Atem langsam durch die Nase entlassen. Wie ein Wagenlenker schwer beherrschbare Pferde führt, soll der wachsame Weise den Geist durch Atemlenkung festhalten.

Śvetāśvatara-Upaniṣad Śaṅkara-Bhāṣya

Śaṅkarānanda verbindet Atemzügelung mit maßvollem Essen, Handeln und Üben. Wenn der Atem allmählich dünn geworden ist, wird er sanft entlassen; zugleich hält der Weise den Geist als Zügel der widerspenstigen Sinnespferde. Selbst bezwungene Sinne dürften wie frühere Feinde nie arglos behandelt werden.

Śaṅkarānandas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Nārāyaṇa erklärt „mit angemessener Betätigung“ durch das Ideal maßvollen Essens, Schlafens und Handelns. Der in Prāṇāyāma fein gewordene Atem wird langsam ausgeatmet; danach ist der Geist zu fixieren. Die Reihenfolge beruht auf der Abhängigkeit des Geistes vom Atem: Atemstabilität ermöglicht erst geistige Stabilität.

Nārāyaṇas Śvetāśvataropaniṣaddīpikā

Vijñānabhagavat beschreibt Kumbhaka an den bekannten Atemorten und das anschließende langsame Ausatmen durch Iḍā oder Piṅgalā. Wo immer der Atem angehalten wird, soll der Übende auch den Geist festhalten, denn nach der Yogaregel folgt der Geist dem Atem. Umsicht ersetzt dabei jede gewaltsame Übertreibung.

Vijñānabhagavats Śvetāśvataropaniṣadvivaraṇa
sa yuktaceṣṭaḥ LV1958 ] saṃyuktaceṣṭaḥ ASS1927, LV1958-app
Kritischer Apparat
Den Odem hemmend, die Bewegung zügelnd, Bei Schwund des Hauchs ausatmend durch die Nase, Wie jenen Wagen mit den schlechten Rossen (Kāṭh. 3,4). So fesselt ohne Lässigkeit das Manas!
Paul Deussen - 1921
Having repressed his breathings here in the body, and having his movements checked, One should breathe through his nostrils with diminished breath. Like that chariot yoked with vicious horses,<1> His mind the wise man should restrain undistractedly.
<1: Described at Katha 3. 4.>
Robert Hume - 1921
Being moderate in his activities (the yogi), having forcibly checked the breaths in the body, should breathe through the nostril when the breath has decreased (in quantity). Being careful, the wise man should control his mind like a chariot, to which refractory horses have been yoked.
Siddhesvar Varma Shastri - 1916
Den Odem hemmend, die Bewegung zügelnd, Bei Schwund des Hauchs ausatmend durch die Nase, Wie jenen Wagen mit den schlechten Rossen (Kāṭh. 3,4). So fesselt ohne Lässigkeit das Manas!
Paul Deussen - 1897
Compressing his breathings let him, who has subdued all motions, breathe forth through the nose with gentle breath<1>. Let the wise man without fail restrain his mind, that chariot yoked with vicious horses<2>.
<1: Cf. Bhagavadgītā V, 27. Prānāpānau samau kritvā nāsābhyantara kārinau. See Telang’s notes, Sacred Books of the East, vol. viii, p. 68 seq.>
<2: A similar metaphor in Kath. Up. III, 4–6; Sacred Books of the East, vol. xv, p. 13.>
F. Max Müller - 1884
Keeping down the senses (Prāṇā), subduing his desires, and gently respiring by the nostrils, let the wise diligently attend to the mind, as (the charioteer) to a car, drawn by vicious horses.<1>
<1: Vid. Kāth. 3, 4 to 9.>
Edward Röer - 1853

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Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Nils Jacob Liersch

Meine Begeisterung für Yoga, indische Philosophie und Sanskrit führte mich zum Studium der Indologie und Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg. Seit 2004 befinde ich mich auf meinem persönlichen Yogaweg... mehr ›

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