PYS 1.19–22: Zwei Zugänge
PYS 1.19–22: Zwei Zugänge

Yogaśāstra 1.19–22: Daseinsform und Methode

Für Körperlose und in Prakṛti Aufgegangene ist der Zustand daseinsbedingt; andere Yogins nähern sich ihm durch Vertrauen, Kraft, Erinnerung, Samādhi und Einsicht.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 1.19
भवप्रत्ययो विदेहप्रकृतिलयानाम् ||19||
bhava-pratyayo videha-prakṛti-layānām ||19|| Analyse ▾ Analyse ▴
bhava
Tatpuruṣa-Kompositum Ablativ
Substantiv Maskulin
durch die Daseinsform
pratyayaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
bedingt
videha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Körperlose
prakṛti
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Feminin
in Prakṛti
layānām
Genitiv Plural
Substantiv Maskulin
der Aufgegangenen
[Für] die Körperlosen und die in Prakṛti Aufgegangenen (videha-prakṛti-layānām | gen pl) [ist der andere Samādhi] durch [ihre] Daseinsform bedingt (bhava-pratyayaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Manche Fähigkeiten fallen einem Menschen von Anfang an leicht, andere müssen langsam wachsen. Beides ist kein Maß für Deinen Wert: Beginne mit den Bedingungen, die Dein Leben und Dein Körper heute mitbringen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya unterscheidet bhava-pratyaya und upāya-pratyaya. Für die körperlosen Götter (videha) entsteht der Zustand aufgrund ihrer Daseinsweise: Mit einem Citta, das nur noch die eigenen Saṃskāras verwendet, erleben sie gleichsam kaivalya, solange diese Saṃskāras ausreifen. Bei den in Prakṛti Aufgegangenen (prakṛtilaya) ist das noch nicht entlassene Citta in Prakṛti gelöst; auch sie erleben gleichsam kaivalya, bis das Citta aufgrund seiner noch unerfüllten Aufgabe wiederkehrt.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Of (the meditative state attained to by the two classes of aspirants, technically called) ‘the unembodied and resolved into nature’, the world is the cause.
James R. Ballantyne - 1852
The world-caused belongs to the Disembodied and to the Resolved-into-Nature.
Ganganatha Jha - 1907
[Der bewußte samādhi] hat die Entstehung als Ursache (ist von Geburt an vorhanden) bei den körpererhabenen (vgl. 3, 43), in der prakṛti Aufgehenden (vgl. Mahābh. XII, 306,17 und Sāṃkhya-Kārikā 45, oben S. 100 und 451).
Paul Deussen - 1908
[Concentration not conscious of objects] caused by worldly [means] is the one to which the discarnate attain and to which those [whose bodies] are resolved into primary-matter attain.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.20
श्रद्धावीर्यस्मृतिसमाधिप्रज्ञापूर्वक इतरेषाम् ||20||
śraddhā-vīrya-smṛti-samādhi-prajñā-pūrvaka itareṣām ||20|| Analyse ▾ Analyse ▴
śraddhā
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Vertrauen
vīrya
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Energie
smṛti
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Erinnerung
samādhi
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Samādhi
prajñā
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Feminin
durch Einsicht
pūrvakaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
vorbereitet
itareṣām
Genitiv Plural Maskulin
Adjektiv
der anderen
[Für] die anderen [Yogins] (itareṣām | gen pl m) [ist dieser Samādhi] vorbereitet durch Vertrauen, Energie, Erinnerung, Samādhi und Einsicht (śraddhā-vīrya-smṛti-samādhi-prajñā-pūrvakaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Vertraue auf Dich (śraddhā), handle (vīrya), reflektiere (smṛti), beobachte Dich selbst (samādhi) und integriere Deine Erfahrungen (prajñā), um eine tiefe innere Balance zu erreichen. Wenn eine dieser Qualitäten schwach ist, stärke eine andere und lass daraus einen neuen Kreislauf entstehen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Bei Yogins entsteht asaṃprajñāta-samādhi durch Mittel (upāya-pratyaya). Vertrauen (śraddhā) ist die Klarheit des Citta und schützt den Yogin wie eine gütige Mutter. Aus ihm wachsen Kraft, Erinnerung und ein unverwirrtes, gesammeltes Citta; daraus entsteht unterscheidende Prajñā, die den Gegenstand wirklichkeitsgemäß erkennt. Ihre Übung zusammen mit Leidenschaftslosigkeit gegenüber ihren jeweiligen Gegenständen führt zu asaṃprajñāta-samādhi.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
(In the practice) of others this (meditation) is preceded by faith, energy memory, meditation and discernment.
James R. Ballantyne - 1852
Of others, preceded by faith, energy, memory, meditation and discrimination.
Ganganatha Jha - 1907
Bei den andern [die nicht videha-prakṛitilaya sind] setzt er (der bewußte samādhi) voraus: Vertrauen, Kraft, Gedächtnis und Bewußtsein des [als Ziel vorschwebenden] samādhi.
Paul Deussen - 1908
[Concentration not conscious of objects,] which follows upon belief [and] energy [and] mindfulness [and] concentration [and] insight, is that to which the others [the yogins] attain.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.21
तीव्रसंवेगानामासन्नः ||21||
tīvra-saṃvegānām āsannaḥ ||21|| Analyse ▾ Analyse ▴
tīvra
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
heftig
saṃvegānām
Genitiv Plural
Substantiv Maskulin
der Eifrigen
āsannaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
nahe
[Die Erlangung des Samādhi] ist für jene mit heftigem Eifer (tīvra-saṃvegānām | gen pl) nahe (āsannaḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Was Du mit ungeteilter Aufmerksamkeit und innerer Dringlichkeit (saṃvega) pflegst, rückt näher. Intensität bedeutet dabei Hingabe, nicht Härte gegen Dich selbst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya ordnet Yogins zunächst nach milden, mittleren und starken Mitteln und innerhalb jeder Gruppe nochmals nach mildem, mittlerem und heftigem saṃvega. Für diejenigen mit starken Mitteln und heftigem saṃvega sind sowohl das Erlangen des Samādhi als auch dessen Frucht nahe.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The attainment of the state of abstract meditation is speedy in the case of the hotly impetuous.
James R. Ballantyne - 1852
the ardently—dispassionate, proximate,
Ganganatha Jha - 1907
Den [durch die genannten Mittel] heftig Anstürmenden ist er (der bewußte samādhi) nahe.
Paul Deussen - 1908
For the keenly intense, [concentration] is near.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.22
मृदुमध्याधिमात्रत्वात्ततो ऽपि विशेषः ||22||
mṛdu-madhyādhimātratvāt tato 'pi viśeṣaḥ ||22|| Analyse ▾ Analyse ▴
mṛdu
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
mild
madhya
Dvandva-Kompositum
Adjektiv
mittel
adhimātratvāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
aufgrund äußerster Stärke
tatas
Adverb
darüber hinaus
api
Partikel
auch
viśeṣaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Abstufung
Da [der Eifer] mild, mittel oder äußerst stark [sein kann] (mṛdu-madhyādhimātratvāt | abl sg), besteht darüber hinaus (tataḥ) auch (api) eine Abstufung (viśeṣaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Deine Kraft kann heute mild, mittel oder intensiv sein. Passe die Praxis an Deine tatsächliche Energie an und bleibe in jeder Dosierung aufrichtig.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Auch innerhalb des heftigen saṃvega unterscheidet das Bhāṣya mild-heftig, mittel-heftig und äußerst heftig. Entsprechend sind Samādhi und seine Frucht nahe, näher oder am nächsten; am nächsten sind sie für den Yogin mit starken Mitteln und äußerst heftigem saṃvega.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Through the ‘mild’, the ‘medium’ and the ‘transcendent’ (nature of the methods adopted) there is thence also a distinction (among the ascetics who adopt the methods).
James R. Ballantyne - 1852
A further distinction, on account of the mild, the moderate and the excessive.
Ganganatha Jha - 1907
Weil es Schwache, Mittlere und Übermäßige gibt, folgt auch daraus ein Unterschied.
Paul Deussen - 1908
Because [this keenness] is gentle or moderate or keen, there is a [concentration] superior even to this [near kind].
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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