PYS 1.46–49: Samādhi mit Keim
PYS 1.46–49: Samādhi mit Keim

Yogaśāstra 1.46–49: Wahrheitstragende Einsicht

Die vier gegenstandsbezogenen Samāpatti bilden den Samādhi mit Keim. In gereifter Nirvicārā entsteht eine Einsicht, die das Besondere unmittelbar erfasst.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 1.46
ता एव सबीजः समाधिः ||46||
tā eva sabījaḥ samādhiḥ ||46|| Analyse ▾ Analyse ▴
tāḥ
Nominativ Plural Feminin
Pronomen dem
diese
eva
Partikel
eben
sabījaḥ
Nominativ Singular Maskulin
Adjektiv
mit Keim
samādhiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Samādhi
Eben (eva) diese [vier Formen der Samāpatti] (tāḥ | nom pl f) [bilden] Samādhi mit Keim (sabījaḥ samādhiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Jede gesammelte Praxis beginnt mit einem Keim (bīja): einem Atemzug, Bild, Satz oder einer Intention. Wähle bewusst, welche Entwicklung dieser Keim in Deinem Leben nähren soll.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die vier Samāpatti – Savitarkā und Nirvitarkā an groben sowie Savicārā und Nirvicārā an subtilen Gegenständen – besitzen äußere Dinge als Keim. Deshalb fasst das Bhāṣya sie als den vierfachen sabīja-samādhi zusammen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
These themselves constitute ‘Meditation with its Seed’.
James R. Ballantyne - 1852
These verily constitute “seeded” meditation.
Ganganatha Jha - 1907
Diese [vier Arten der samāpatti] sind es, welche den keimhaften (sabīja) samādhi ausmachen.
Paul Deussen - 1908
These same [balanced-states] are the seeded concentration.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.47
निर्विचारवैशारद्ये ऽध्यात्मप्रसादः ||47||
nirvicāra-vaiśāradye 'dhyātma-prasādaḥ ||47|| Analyse ▾ Analyse ▴
nirvicāra
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Adjektiv
in der Samāpatti ohne subtile Betrachtung
vaiśāradye
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
bei vollendeter Klarheit
adhyātma
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
des Inneren
prasādaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Klarheit
Bei vollendeter Klarheit in der [Samāpatti] ohne subtile Betrachtung (nirvicāra-vaiśāradye | loc sg) [entsteht] innere Klarheit (adhyātma-prasādaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn ruhige Aufmerksamkeit vertrauter wird, kann innere Klarheit (prasāda) wie Helligkeit oder stilles Geordnetsein spürbar werden. Empfange sie, ohne sie besitzen zu wollen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Vaiśāradya ist der klare, stetige Strom des leuchtenden Buddhi-Sattva, dessen Unreinheit und Verhüllung entfernt sind und das nicht mehr von Rajas und Tamas überwältigt wird. Reift Nirvicāra-Samādhi in dieser Weise, entsteht adhyātma-prasāda: ein deutliches Licht der Prajñā, das wirkliche Gegenstände erfasst, ohne ihrer zeitlichen Abfolge zu folgen. Ein zitierter Vers vergleicht den Weisen mit einem Menschen auf einem Berg, der die unten stehenden Leidenden überblickt.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
When wisdom has come, through the ‘Non deliberative’ (mental affection), There is spiritual clearness.
James R. Ballantyne - 1852
On the purity of the non-deliberative, internal perspicuity.
Ganganatha Jha - 1907
Bei Herangereiftheit der bedenkenlosen [samāpatti] erfolgt [als eine höhere Stufe über das citta-prasādanam hinaus] der adhyātma-prasāda (die Beruhigung des eigentlichen Selbstes).
Paul Deussen - 1908
When there is the clearness of the super-reflective [balanced-state, the yogin gains] internal undisturbed calm.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.48
ऋतंभरा तत्र प्रज्ञा ||48||
ṛtaṃbharā tatra prajñā ||48|| Analyse ▾ Analyse ▴
ṛtaṃbharā
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
die Wahrheit in sich enthaltend
tatra
Adverb
dort
prajñā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Einsicht
Dort (tatra) [ist] die Einsicht (prajñā | nom sg) wahrheitstragend (ṛtaṃbharā | nom sg f).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Prüfe eine Einsicht nicht nur daran, wie sicher sie sich anfühlt. Wahrheitstragende Klarheit (ṛtaṃbharā) zeigt sich heute vielleicht darin, dass Du genauer wahrnimmst und ehrlicher handelst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die im gesammelten Citta entstehende Prajñā heißt ṛtaṃbharā, „wahrheitstragend“, weil sie ausschließlich Wahrheit trägt und nicht einmal eine Spur verkehrter Erkenntnis enthält. Das Bhāṣya zitiert dazu einen Vers, nach dem Prajñā durch Überlieferung, Schlussfolgerung und den Geschmack eingeübter Meditation dreifach ausgebildet wird und so zum höchsten Yoga führt.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
In that case three is knowledge which holds to the truth.
James R. Ballantyne - 1852
Therein consciousness is truth-bearing.
Ganganatha Jha - 1907
Dann ist das Bewußtsein [als Frucht der Herangereiftheit] die Wahrheit tragend.
Paul Deussen - 1908
In this [concentrated mind-stuff] the insight is truth-bearing.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.49
श्रुतानुमानप्रज्ञाभ्यामन्यविषया विशेषार्थत्वात् ||49||
śrutānumāna-prajñābhyām anya-viṣayā viśeṣārthatvāt ||49|| Analyse ▾ Analyse ▴
śruta
Dvandva-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
aus Überlieferung
anumāna
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
und Schlussfolgerung
prajñābhyām
Ablativ Dual
Substantiv Feminin
von den Einsichten
anya
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
der/das andere
viṣayā
Nominativ Singular Feminin
Substantiv Maskulin
zum Gegenstand habend
viśeṣa
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Maskulin
das Besondere
arthatvāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
weil darauf gerichtet
Gegenüber den Einsichten aus Überlieferung und Schlussfolgerung (śrutānumāna-prajñābhyām | abl du) [ist diese Einsicht] auf einen anderen Gegenstand gerichtet (anya-viṣayā | nom sg f), weil sie auf das Besondere gerichtet ist (viśeṣārthatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Direkte Erfahrung kann etwas zeigen, das Begriffe allein nicht vermitteln. Lass Gehörtes, vernünftige Schlussfolgerung und verkörpertes Erkennen einander ergänzen, statt eines davon absolut zu setzen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Wissen aus Überlieferung und Schlussfolgerung erfasst nach dem Bhāṣya das Allgemeine, weil Wörter nicht für jedes einzelne Besondere konventionalisiert sind und auch Schlüsse allgemeine Beziehungen bestimmen. Das Besondere an subtilen, verborgenen oder fernen Dingen kann auch gewöhnliche Wahrnehmung nicht erfassen. Es ist jedoch nicht deshalb unwirklich: Die Samādhi-Prajñā erfasst gerade solche Besonderheiten in den subtilen Elementen oder im Puruṣa und hat daher einen anderen Gegenstandsbereich.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
(This kind of knowledge differs) from the knowledge due to testimony and inference because of the object of these two is not particulars but generals.
James R. Ballantyne - 1852
has its subject different from those of revealed and inferential consciousness, because it refers to particulars.
Ganganatha Jha - 1907
[Ein solches Bewußtsein, prajñā, wiewohl immer noch im samprajñāta samādhi befangen] hat ein anderes Objekt als die Erkenntnis aus Offenbarung und Folgerung, weil es einen von dem ihrigen verschiedenen Zweck hat.
Paul Deussen - 1908
[This insight] has another object than the insight resulting from things heard or from inferences, inasmuch as its intended-object is a particular.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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