PYS 1.12–16: Abhyāsa und Vairāgya
PYS 1.12–16: Abhyāsa und Vairāgya

Yogaśāstra 1.12–16: Wege zum Nirodha

Praxis stabilisiert den ruhigen Strom des Citta; Leidenschaftslosigkeit beendet das Dürsten nach Sinnesgegenständen, Himmelswelten und schließlich den Guṇas selbst.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 1.12
अभ्यासवैराग्याभ्यां तन्निरोधः ||12||
abhyāsa-vairāgyābhyāṃ tan-nirodhaḥ ||12|| Analyse ▾ Analyse ▴
abhyāsa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Praxis
vairāgyābhyām
Instrumentalis Dual
Substantiv Neutrum
Leidenschaftslosigkeit
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
jener
nirodhaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Unterdrückung
Durch Praxis und Leidenschaftslosigkeit (abhyāsa-vairāgyābhyām | ins du) [erfolgt] die Unterdrückung jener [Bewegungen] (tan-nirodhaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Praxis (abhyāsa) bringt Dich immer wieder zurück; Loslassen (vairāgya) verhindert, dass Du Dich am Ergebnis festhältst. Gemeinsam ermöglichen sie engagiertes Handeln ohne Verkrampfung.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya vergleicht das Citta mit einem Fluss, der in zwei Richtungen strömt: zum Guten, wenn sein Gefälle auf kaivalya und seine Bahn auf unterscheidende Erkenntnis gerichtet ist, und zum Schlechten, wenn sein Gefälle auf saṃsāra und seine Bahn auf Nichtunterscheidung gerichtet ist. Vairāgya verschließt den Strom zu den Sinnesgegenständen; die Übung unterscheidender Schau öffnet den Strom zur Unterscheidung. Der Nirodha der Citta-Vṛtti hängt von beiden ab.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The hindering of these (modification of the internal organ is to be affected) by means of exercise and dispassion.
James R. Ballantyne - 1852
By Exercise and Dispassion, ( follows ) their suppression.
Ganganatha Jha - 1907
Die Unterdrückung jener [Funktionen des Bewußtseins] geschieht durch Übung und Leidenschaftslosigkeit.
Paul Deussen - 1908
The restriction of them is by [means of] practice and passionlessness.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.13
तत्र स्थितौ यत्नो ऽभ्यासः ||13||
tatra sthitau yatno 'bhyāsaḥ ||13|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dabei
sthitau
Lokativ Singular
Substantiv Feminin
in der Beständigkeit
yatnaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Bemühung
abhyāsaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Praxis
Dabei (tatra) [ist] Praxis (abhyāsaḥ | nom sg) die Bemühung (yatnaḥ | nom sg) um Beständigkeit [in der Ruhe des Citta] (sthitau | loc sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wähle eine kleine, wiederholbare Handlung, die Beständigkeit (sthiti) wahrscheinlicher macht. Praxis beginnt nicht mit Größe, sondern mit einem verlässlichen nächsten Schritt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Sthiti ist der ruhige Strom eines von Vṛtti freien Citta. Die auf ihn gerichtete Anstrengung besteht in Kraft und Begeisterung; abhyāsa ist die Ausführung der Mittel mit dem Wunsch, diesen Zustand zu verwirklichen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Exercise is the (repeated) effort that it (viz. the internal organ) shall remain in its (unmodified) state.
James R. Ballantyne - 1852
Exercise is the effort towards quietness.
Ganganatha Jha - 1907
Die Übung ist die Bemühung, darin [in der Unterdrückung des Bewußtseins] zu beharren.
Paul Deussen - 1908
Practice is [repeated] exertion to the end that [the mind-stuff] shall have permanence in this [restricted state].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.14
स तु दीर्घकालनैरन्तर्यसत्कारासेवितो दृढभूमिः ||14||
sa tu dīrgha-kāla-nairantarya-satkārāsevito dṛḍha-bhūmiḥ ||14|| Analyse ▾ Analyse ▴
sa
Nominativ Singular Maskulin
Pronomen dem
dieser
tu
Partikel
aber
dīrgha
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
lang
kāla
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Zeit
nairantarya
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
ohne Unterbrechung
satkāra
Tatpuruṣa-Kompositum Instrumentalis
Substantiv Maskulin
mit Achtung
āsevitaḥ
Nominativ Singular Maskulin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
gepflegt
dṛḍha
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
fest
bhūmiḥ
Nominativ Singular Maskulin
Substantiv Feminin
gegründet
Diese [Praxis] (saḥ | nom sg m) aber (tu), lange Zeit, ohne Unterbrechung und mit Achtung gepflegt (dīrgha-kāla-nairantarya-satkārāsevitaḥ | nom sg m), ist fest gegründet (dṛḍha-bhūmiḥ | nom sg m).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Eine Praxis wird zum tragenden Boden (dṛḍha-bhūmi), wenn sie über lange Zeit, regelmäßig und mit Achtung gepflegt wird. Kontinuität darf dabei freundlich und anpassungsfähig sein.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Praxis wird fest gegründet, wenn sie lange, ohne Unterbrechung und mit Achtung gepflegt wird. Das Bhāṣya erläutert diese Achtung durch Askese (tapas), Enthaltsamkeit (brahmacarya), Wissen und Vertrauen. Eine so gegründete Praxis wird nicht sogleich wieder von Saṃskāras des hervorgetretenen Geistes überwältigt.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
satkārāsevito ] satkārādarāsevito TKVD2019
satkārāsevito ] satkāra-ādarā-āsevitaḥ CYS2026
Kritischer Apparat

TKVD2019 und CYS2026 ergänzen ādara, also Eifer, Achtung oder hingebungsvolle Sorgfalt, neben satkāra. Dadurch nennt die Praxisformel eine zusätzliche Qualität. KYMV2026 stimmt hier mit dem kürzeren PE1904-Text überein. Beide Fassungen sind grammatisch möglich; die Metrumangabe Sūtra entscheidet nicht zwischen ihnen, und die Arbeitsübersetzung folgt weiterhin PE1904.

Apparat-Kommentar
But this (exercise) is a firm position observed out of regard (for the end in view and perseveringly adhered to) for a long time unintermittingly.
James R. Ballantyne - 1852
But it is of firm ground when attended to for a long time unremittingly and with proper devotion.
Ganganatha Jha - 1907
Diese [Bemühung] aber gewinnt festen Boden, wenn sie lange Zeit ununterbrochen gastfreundlich gepflegt wird.
Paul Deussen - 1908
But this [practice] becomes confirmed when it has been cultivated for a long time and uninterruptedly and with earnest attention.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.15
दृष्टानुश्रविकविषयवितृष्णस्य वशीकारसंज्ञा वैराग्यम् ||15||
dṛṣṭānuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṃjñā vairāgyam ||15|| Analyse ▾ Analyse ▴
dṛṣṭa
Dvandva-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Verbalwurzel
gesehen
ānuśravika
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
aus der Überlieferung bekannt
viṣaya
Tatpuruṣa-Kompositum Ablativ
Substantiv Maskulin
nach Gegenständen
vitṛṣṇasya
Genitiv Singular Maskulin
Adjektiv
des Durstlosen
vaśīkāra
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Meisterschaft
saṃjñā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Bezeichnung, Bewusstseinslage
vairāgyam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Leidenschaftslosigkeit
Die als Meisterschaft bezeichnete Bewusstseinslage (vaśīkāra-saṃjñā | nom sg) dessen, der nach gesehenen und aus der Überlieferung bekannten Gegenständen nicht mehr dürstet (dṛṣṭānuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya | gen sg m), [ist] Leidenschaftslosigkeit (vairāgyam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Bemerke die innere Verheißung: „Wenn ich das erreiche, dann bin ich zufrieden.“ Loslösung (vairāgya) heißt nicht, nichts zu wünschen, sondern einen Wunsch wahrzunehmen, ohne ihm gehorchen zu müssen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Zu den sichtbaren Gegenständen zählt das Bhāṣya Frauen, Essen, Trinken und Macht; zu den aus der Überlieferung bekannten Zielen Himmel, Körperlosigkeit und Aufgehen in Prakṛti. Wer selbst beim Kontakt mit göttlichen oder weltlichen Gegenständen deren Mängel erkennt, bleibt durch die Kraft unterscheidender Erkenntnis ohne Gier. Diese mühelose, weder abwehrende noch aneignende Herrschaft des Citta nennt es vaśīkāra-vairāgya.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Dispassion is the consciousness of having overcome (one’s desires, this consciousness being that) of him who thirsts after neither the objects that are seen (on earth) nor those that are heard of (in scripture).
James R. Ballantyne - 1852
Dispassion is the ( Vaśikārasanjnā ) Consciousness of being the subjugator, belonging to one who is devoid of any thirst for perceptible and scriptural objects.
Ganganatha Jha - 1907
Die Leidenschaftslosigkeit ist das Bewußtsein der Selbstbeherrschung eines nicht mehr nach wahrnehmbaren und Schrift-verheißenden Dingen Dürstenden.
Paul Deussen - 1908
Passionlessness is the consciousness of being master on the part of one who has rid himself of thirst for either seen or revealed objects.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.16
तत्परं पुरुषख्यातेर्गुणवैतृष्ण्यम् ||16||
tat paraṃ puruṣa-khyāter guṇa-vaitṛṣṇyam ||16|| Analyse ▾ Analyse ▴
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
diese [Leidenschaftslosigkeit]
param
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
höher
puruṣa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
des Puruṣa
khyāteḥ
Ablativ Singular
Substantiv Feminin
aufgrund der Erkenntnis
guṇa
Tatpuruṣa-Kompositum Ablativ
Substantiv Maskulin
gegenüber den Guṇa
vaitṛṣṇyam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Durstlosigkeit
Diese [Leidenschaftslosigkeit] (tat | nom sg n) [ist] die höhere (param | nom sg n): Aufgrund der Erkenntnis des Puruṣa (puruṣa-khyāteḥ | abl sg) [besteht] Durstlosigkeit gegenüber den Guṇa (guṇa-vaitṛṣṇyam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Stimmungen, Energie und Vorlieben verändern sich wie die Grundqualitäten (guṇa). Beobachte ihren Wandel, ohne jede Veränderung zu Deiner Identität zu machen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya unterscheidet zwei Stufen der Leidenschaftslosigkeit. Die höhere entsteht durch die eingeübte Schau des Puruṣa und richtet sich auch auf die Guṇas in ihren manifesten und unmanifesten Formen. Mit ihr erkennt der Yogin: Das zu Erreichende ist erreicht, die zu tilgenden Kleśas sind getilgt und die Kette des Werdens, durch die man wiederholt geboren wird und stirbt, ist durchschnitten. Diese höchste Vollendung des Wissens führt notwendig zu kaivalya.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
This (viz. ‘Dispassion’) carried to the utmost is indifference regarding the ‘Qualities’ (i.e., everything else than soul and this indifference arises from a knowledge of soul (as distinguished from the ‘Qualities’).
James R. Ballantyne - 1852
Indifference to the attributes, being conducive to the knowledge of the Spirit, is the highest ( form of it ).
Ganganatha Jha - 1907
Dieses Nichtmehrdürsten nach den Guṇa’s erreicht seinen Höhepunkt bei dem das Aufleuchten des puruṣa Besitzenden.
Paul Deussen - 1908
This [passionlessness] is highest when discernment of the Self results in thirstlessness for qualities [and not merely for objects].
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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5 Nachrichten Ø

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Zu 1.12 das Wort vairāgyābhyām, der Wortteil abhyām. Übersetze ich das richtig mit „beides“?
„abhyAm“ ist die Kasus Endung von Instrumentalis Dual, also „durch“ Gelassenheit. Dvandva Kompositum ist eine Aufzählung, also: durch Beharrlichkeit „und“ Gelassenheit
LG
macht mich gerade mal wiede sprachlos... genial wie die Sutras hier beschrieben und erklärt werden. Ganz herzlichen Dank! Verweile nun mit Enthusiasmus und Gelassenheit für die nächste Zeit bei diesem Sutra.