PYS 1.34–39: Sechs Stützen
PYS 1.34–39: Sechs Stützen

Yogaśāstra 1.34–39: Festigung des Citta

Ausstoßen und Anhalten des Atems, außergewöhnliche Sinneserfahrung, inneres Licht, ein leidenschaftsloses Citta, Traum- oder Schlafwissen und ein gewähltes Objekt stiften Festigkeit.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 1.34
प्रच्छर्दनविधारणाभ्यां वा प्राणस्य ||34||
pracchardana-vidhāraṇābhyāṃ vā prāṇasya ||34|| Analyse ▾ Analyse ▴
pracchardana
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Ausstoßen
vidhāraṇābhyām
Instrumentalis Dual
Substantiv Neutrum
Zurückhalten
vā
Partikel
oder
prāṇasya
Genitiv Singular
Substantiv Maskulin
des Atems
Oder (vā) durch Ausstoßen und Zurückhalten (pracchardana-vidhāraṇābhyām | ins du) des Atems (prāṇasya | gen sg) [entsteht die Klärung des Citta].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lass die Ausatmung nur so weit länger werden, wie sie mühelos bleibt. Erlaube danach eine natürliche Pause, ohne den Atem festzuhalten; bei Enge, Schwindel oder Unruhe kehrst Du sofort zum freien Atem zurück.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Pracchardana ist das durch besondere Anstrengung bewirkte Ausstoßen der im Bauch befindlichen Luft durch beide Nasenöffnungen; vidhāraṇa bezeichnet ihr Anhalten und wird als prāṇāyāma bestimmt. Mit beiden soll Festigkeit des Geistes hergestellt werden.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or, he may combat distractions, by forcibly expelling and by restraining the breath.
James R. Ballantyne - 1852
Or by expulsion and retention of breath.
Ganganatha Jha - 1907
Oder durch das Ausstoßen und Zurückhalten des Atems [kann Beruhigung des Cittam erreicht werden].
Paul Deussen - 1908
Or [he gains stability] by expulsion and retention of breath.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.35
विषयवती वा प्रवृत्तिरुत्पन्ना मनसः स्थितिनिबन्धनी ||35||
viṣayavatī vā pravṛttir utpannā manasaḥ sthiti-nibandhanī ||35|| Analyse ▾ Analyse ▴
viṣayavatī
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
auf einen Gegenstand bezogen
vā
Partikel
oder
pravṛttiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Sinnestätigkeit
utpannā
Nominativ Singular Feminin Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
entstanden
manasaḥ
Genitiv Singular
Substantiv Neutrum
für das Denkprinzip
sthiti
Tatpuruṣa-Kompositum Dativ
Substantiv Feminin
Beständigkeit
nibandhanī
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
stiftend
Oder (vā) eine auf [einen Sinnes-]Gegenstand bezogene (viṣayavatī | nom sg f) Sinnestätigkeit (pravṛttiḥ | nom sg), wenn entstanden (utpannā | nom sg f), [wird] für das Denkprinzip (manasaḥ | gen sg) beständigkeitsstiftend (sthiti-nibandhanī | nom sg f).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lass eine schlichte Sinnesempfindung – einen Klang, eine Berührung oder eine Farbe – Deine Aufmerksamkeit sammeln. Bleibe neugierig, ohne die Erfahrung festhalten zu wollen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya versteht viṣayavatī pravṛtti als außergewöhnliche sinnliche Wahrnehmung: Konzentration auf die Nasenspitze erzeugt göttlichen Geruch, auf die Zungenspitze Geschmack, auf den Gaumen Farbe, auf die Zungenmitte Berührung und auf die Zungenwurzel Klang; Entsprechendes gilt für Sonne, Mond, Planeten, Edelsteine oder Lampenstrahlen. Solche Erfahrungen festigen das Citta, beseitigen Zweifel und öffnen den Weg zu Samādhi-Prajñā. Eine unmittelbare Erfahrung wenigstens eines gelehrten Details soll Vertrauen in Śāstra, Schlussfolgerung und Lehrerwort sowie in subtile Gegenstände bis hin zur Befreiung begründen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or a sensous immediate, cognition being produced, may serve as a cause of the steadiness (of the mind).
James R. Ballantyne - 1852
Or Cognition resulting from sensuous objects may be the cause of steadiness.
Ganganatha Jha - 1907
Oder eine auf [vergeistigte] Objekte bezügliche Tätigkeit, wenn gelingend, ist Veranlassung des Beharrens [in der Beruhigung des Cittam].
Paul Deussen - 1908
Or [he gains stability when] a sense-activity arises connected with an object [and] bringing the central-organ into a relation of stability.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.36
विशोका वा ज्योतिष्मती ||36||
viśokā vā jyotiṣmatī ||36|| Analyse ▾ Analyse ▴
viśokā
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
leidfrei
vā
Partikel
oder
jyotiṣmatī
Nominativ Singular Feminin
Adjektiv
lichtvoll
Oder (vā) [eine Sinnestätigkeit, die] leidfrei (viśokā | nom sg f) und lichtvoll (jyotiṣmatī | nom sg f) [ist, stabilisiert das Denkprinzip].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Stell Dir ein ruhiges inneres Licht (jyotiṣmatī) vor. Es muss Traurigkeit nicht verdrängen; vielleicht erinnert es Dich daran, dass Klarheit und Schmerz zugleich Raum haben können.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Bhāṣya beschreibt zwei leidfreie, leuchtende Vṛtti. Bei Konzentration auf den Herzlotus wird das von Natur aus leuchtende, raumgleiche Buddhi-Sattva als Licht von Sonne, Mond, Planeten, Edelsteinen oder Lampenstrahlen erfahren. In Asmitā-Samāpatti wird das Citta dagegen wie ein wellenloser Ozean: ruhig, grenzenlos und nur noch „Ich-bin“. Beide leuchtenden Erfahrungen geben dem Citta Festigkeit.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or a luminous (immediate cognition, being produced) free from sorrow (may serve as a cause of the steadiness of the mind).
James R. Ballantyne - 1852
Or the sorrowless, luminous.—
Ganganatha Jha - 1907
Oder eine kummerfreie, lichtvolle [Geistesstimmung ist Veranlassung dieses Beharrens].
Paul Deussen - 1908
Or an undistressed [and] luminous [sense-activity when arisen brings the central-organ into a relation of stability].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.37
वीतरागविषयं वा चित्तम् ||37||
vīta-rāga-viṣayaṃ vā cittam ||37|| Analyse ▾ Analyse ▴
vīta
Bahuvrīhi-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
frei von
rāga
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
Leidenschaft
viṣayam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Maskulin
zum Gegenstand habend
vā
Partikel
oder
cittam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Citta
Oder (vā) ein Citta (cittam | nom sg), das [das Citta] eines von Leidenschaft Freien zum Gegenstand hat (vīta-rāga-viṣayam | nom sg n), [erlangt Beständigkeit].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Erinnere Dich an einen Menschen, dessen Ruhe nicht Gleichgültigkeit ist. Lass Atem, Gesicht und Haltung für einige Momente etwas von dieser Qualität aufnehmen, ohne die Person nachzuahmen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Wird das Citta des Yogin von einem leidenschaftslosen Citta als seiner Stütze gefärbt, gewinnt es nach dem Bhāṣya Festigkeit.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or the thought, taking as its objects some one devoid of passion (may find what will serve as a cause of the steadiness of the mind).
James R. Ballantyne - 1852
Or the internal organ having for its object the passionless.
Ganganatha Jha - 1907
Oder ein auf leidenschaftslose Dinge bezügliches Denken [ist Veranlassung dieses Beharrens].
Paul Deussen - 1908
Or the mind-stuff [reaches the stable state] by having as its object [a mind-stuff] freed from passion.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.38
स्वप्ननिद्राज्ञानालम्बनं वा ||38||
svapna-nidrā-jñānālambanaṃ vā ||38|| Analyse ▾ Analyse ▴
svapna
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Traum
nidrā
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Schlaf
jñāna
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Erkenntnis
ālambanam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
als Stütze
vā
Partikel
oder
Oder (vā) [ein Citta], das Erkenntnis aus Traum oder Schlaf als Stütze hat (svapna-nidrā-jñānālambanam | nom sg), [erlangt Beständigkeit].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Bleibe nach dem Aufwachen einen Moment bei der Stimmung eines Traums oder bei der Qualität des Schlafs (nidrā), bevor Du zum Telefon greifst. Nimm eine Spur wahr und lass sie dann weiterziehen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Citta des Yogin kann die Form einer Traum-Erkenntnis oder einer Schlaf-Erkenntnis annehmen und durch diese als Stütze Festigkeit gewinnen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or the dwelling on knowledge (that presents itself) in dream or in sleep (may serve as a cause of the steadiness of the mind).
James R. Ballantyne - 1852
Or that depending on knowledge resulting from dream or sleep.
Ganganatha Jha - 1907
Oder sie [die Veranlassung dieses Beharrens] ist bedingt durch eine [die objektive Kontemplation begünstigende] auf Traum und Schlaf rückbezügliche Erkenntnis.
Paul Deussen - 1908
Or [the mind-stuff reaches the stable state] by having as the supporting-object a perception in dream or in sleep.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 1.39
यथाभिमतध्यानाद्वा ||39||
yathābhimata-dhyānād vā ||39|| Analyse ▾ Analyse ▴
yathā
Avyayībhāva-Kompositum
Adverb
nach
abhimata
Karmadhāraya-Kompositum Partizip Perfekt Passiv
Präfix
Verbalwurzel
eigener Neigung
dhyānāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
durch Meditation
vā
Partikel
oder
Oder (vā) durch Meditation nach eigener Neigung (yathābhimata-dhyānāt | abl sg) [erlangt das Citta Beständigkeit].
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wähle ein Meditationsobjekt, das Dich wirklich sammelt: Atem, Bewegung, Bild, Klang oder ein bedeutsames Wort. Seine Eignung für Dich ist wichtiger als sein Ansehen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Der Yogin soll genau über den Gegenstand meditieren, den er wünscht. Hat das Citta an diesem Gegenstand Festigkeit gewonnen, erlangt es diese nach dem Bhāṣya auch an anderen Gegenständen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Or (the steadying of the mind may be affected) by pondering anything that one approves.
James R. Ballantyne - 1852
Or by meditating according to one’s predilection.
Ganganatha Jha - 1907
Oder durch eine beliebige Meditation [erfolgt die Beruhigung des Cittam].
Paul Deussen - 1908
Or [the mind-stuff reaches the stable state] by contemplation upon any such an object as is desired.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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Wow, kummerloses Leuchten, fantastisch!
Die Meditationstechniken von Patanjali. Immer wieder eine Inspiration.