PYS 3.1–4: Saṃyama
PYS 3.1–4: Saṃyama

Yogaśāstra 3.1–4: Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi

Dhāraṇā bindet das Citta an einen Ort, Dhyāna hält denselben Erkenntnisinhalt ununterbrochen, und Samādhi lässt nur den Gegenstand erscheinen; ihre Einheit ist Saṃyama.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 3.1
देशबन्धश्चित्तस्य धारणा ||1||
deśa-bandhaś cittasya dhāraṇā ||1|| Analyse ▾ Analyse ▴
deśa
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Ort
bandhaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Binden
cittasya
Genitiv Singular
Substantiv Neutrum
Wahrnehmungsraum
dhāraṇā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Konzentration, Kultivierung des Denkens
Die Ortsbindung (deśa-bandhaḥ | nom sg) des Citta (cittasya | gen sg) [ist] Dhāraṇā (dhāraṇā | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wähle einen klaren Ort (deśa) – etwa den Nabelraum, eine Handfläche oder die Atembewegung. Lass Deine Aufmerksamkeit dort einige Atemzüge lang ruhen (dhāraṇā).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya versteht dhāraṇā als das Binden der Citta-Bewegung an einen bestimmten Ort. Genannt werden Nabelkreis, Herz-Lotos, Licht im Kopf, Nasen- oder Zungenspitze sowie äußere Gegenstände.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Fixing the internal organ (Citta) on a place is dhāraṇā (attention).
James R. Ballantyne - 1852
Concentration is the fixing of the mind to a certain locality.
Ganganatha Jha - 1907
Die Bindung des Cittam an einen Ort ist die Fesselung.
Paul Deussen - 1908
Binding the mind-stuff to a place is fixed-attention.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.2
तत्र प्रत्ययैकतानता ध्यानम् ||2||
tatra pratyayaikatānatā dhyānam ||2|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatra
Adverb
dort
pratyaya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Bewusstseinsinhalt, Vorstellung, Eindruck
ekatānatā
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
auf nur eines gerichtet sein
dhyānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Versenkung, Nachsinnen
Dort (tatra) [ist] die ununterbrochene Kontinuität eines Erkenntnisinhalts (pratyayaikatānatā | nom sg) Dhyāna (dhyānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Du immer wieder sanft zu demselben Erleben zurückkehrst, wird Konzentration zu einem ruhigen, ununterbrochenen Strom (dhyāna).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya erklärt dhyāna als die gleichförmige Ausrichtung der Vorstellung (pratyayaikatānatā) auf das Meditationsobjekt an dem gewählten Ort. Entscheidend ist der ununterbrochene Strom ähnlicher Vorstellungen, der nicht von anderen Vorstellungen berührt oder unterbrochen wird.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A course of uniform (fixed on only object) modification of knowledge at that place (Where the internal organ is fixed in Dhāraṇā) is dhyāna (contemplation).
James R. Ballantyne - 1852
Contemplation consists in the uninterrupted current of cognition thereof.
Ganganatha Jha - 1907
Dabei erfolgt als Richtung des Vorstellungsvermögens auf einen Punkt die Meditation.
Paul Deussen - 1908
Focusedness of the presented idea upon that place is contemplation.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.3
तदेवार्थमात्रनिर्भासं स्वरूपशून्यमिव समाधिः ||3||
tad evārtha-mātra-nirbhāsaṃ svarūpa-śūnyam iva samādhiḥ ||3|| Analyse ▾ Analyse ▴
tad
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dies
eva
Partikel
tatsächlich, genau
artha
Bahuvrīhi-Kompositum
Substantiv Maskulin
Objekt, Ding, Ziel
mātra
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
nur, Maß
nirbhāsam
Nominativ Singular Neutrum
Substantiv Maskulin
Scheinen, Erscheinen
svarūpa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
eigene Form
śūnyam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
leer
iva
Partikel
als ob
samādhiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Samādhi, vollkommene Sammlung
Eben (eva) dieses [Dhyāna] (tad | nom sg n), das nur in Gestalt des Gegenstands erscheint (artha-mātra-nirbhāsam | nom sg n) und gleichsam (iva) leer von seiner eigenen Form ist (svarūpa-śūnyam | nom sg n), [ist] Samādhi (samādhiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn das Bemühen zu meditieren zurücktritt und nur noch das Erlebte aufleuchtet, kann ein Moment tiefer Absorption (samādhi) entstehen. Du musst ihn nicht festhalten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya beschreibt samādhi als den Moment, in dem die Versenkung nur noch in der Form des Meditationsobjekts (artha-mātra) erscheint. Die eigene Gestalt der Versenkung tritt gleichsam zurück; durch das Eintreten in die Natur des Objekts wird sie Samādhi genannt.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The same (contemplation) when it arises only about a material substance or object of sense (and therefore) is (then) like a non-existence of itself (that is like ignorance is samādhi (meditation).
James R. Ballantyne - 1852
The same, enlightening the object alone, and devoid of its own identity as it were, is Meditation.
Ganganatha Jha - 1907
Diese, wenn sie nur das Objekt widerspiegelt und gleichsam der eigenen Natur ledig ist, heißt Versenkung (vgl. 1,43).
Paul Deussen - 1908
This same [contemplation], shining forth [in consciousness] as the intended object and nothing more, and, as it were, emptied of itself, is concentration.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.4
त्रयमेकत्र संयमः ||4||
trayam ekatra saṃyamaḥ ||4|| Analyse ▾ Analyse ▴
trayam
Nominativ Singular Neutrum
Zahlwort
Dreizahl, die drei
ekatra
Adverb
an einem Ort, zusammengenommen
saṃyamaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Meditation, Zusammenbinden
Die Dreiheit (trayam | nom sg n) [von Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi] an einem [Objekt] (ekatra) [ist] Saṃyama (saṃyamaḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Übe drei Bewegungen als einen Bogen: ausrichten (dhāraṇā), verweilen (dhyāna) und im Erleben aufgehen (samādhi). Dieser Bogen heißt Saṃyama.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya fasst dhāraṇā, dhyāna und samādhi als eine Dreiheit (trayam) zusammen. Wenn diese drei Mittel auf ein einziges Objekt gerichtet sind, heißen sie im technischen Sprachgebrauch dieses Lehrsystems saṃyama.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
trayam ] tad etad dhāraṇādhyānasamādhitrayam PM2026
Kritischer Apparat

PM2026 nimmt tad etad dhāraṇādhyānasamādhi- in den Sūtra auf und benennt die Dreiheit ausdrücklich. In PE1904 steht dieser Ausdruck im vorangehenden Bhāṣya, während der Sūtra nur mit trayam beginnt. Inhaltlich geht kaum Material verloren; textgeschichtlich verschiebt sich jedoch die Grenze zwischen Sūtra und Kommentar. Die Arbeitsübersetzung bleibt beim kürzeren PE1904-Sūtra.

Apparat-Kommentar
These there (when they operate only) on one object, constitute sanyama.
James R. Ballantyne - 1852
The three together constitute Sanyama.
Ganganatha Jha - 1907
[Die Fassung] der drei [Fesselung, Meditation und Versenkung] in eines ist die Allzucht.
Paul Deussen - 1908
The three in one are constraint.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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