PYS 3.17–20: Außergewöhnliches Wissen
PYS 3.17–20: Außergewöhnliches Wissen

Yogaśāstra 3.17–20: Sprache, Geburten, fremdes Citta

Saṃyama erschließt die Laute aller Wesen, frühere Geburten und das Citta eines anderen; das Objekt der fremden Vorstellung bleibt ohne eigenen Saṃyama unbekannt.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 3.17
शब्दार्थप्रत्ययानामितरेतराध्यासात्संकरस्तत्प्रविभागसंयमात्सर्वभूतरुतज्ञानम् ||17||
śabdārtha-pratyayānām itaretarādhyāsāt saṃkaras tat-pravibhāga-saṃyamāt sarva-bhūta-ruta-jñānam ||17|| Analyse ▾ Analyse ▴
śabda
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Wort, Klang
artha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Ding, Objekt, Bedeutung
pratyayānām
Genitiv Plural
Substantiv Maskulin
Vorstellungen, Eindrücke
itaretara
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
gegenseitig
adhyāsāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
falsche Übertragung, Überlagerung
saṃkaraḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Vermischung
tat
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Pronomen dem
dieser
pravibhāga
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Trennung, Unterscheidung
saṃyamāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
Meditation, Zusammenbinden
sarva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
alle
bhūta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Wesen, Lebewesen
ruta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Laut, Ruf, Ausdruck
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
Aus der gegenseitigen Überlagerung (itaretarādhyāsāt | abl sg) von Wort, Gegenstand und Vorstellung (śabdārtha-pratyayānām | gen pl) [entsteht] Vermischung (saṃkaraḥ | nom sg). Durch Saṃyama auf deren Trennung (tat-pravibhāga-saṃyamāt | abl sg) [entsteht] Wissen um die Laute aller Wesen (sarva-bhūta-ruta-jñānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Höre einen Laut und unterscheide Klang (śabda), das Gemeinte (artha) und Deine innere Reaktion (pratyaya). Diese Pause schafft Raum für genaueres Zuhören und echte Verständigung.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya unterscheidet das Wort beziehungsweise den Klang (śabda), den bezeichneten Gegenstand (artha) und die Vorstellung (pratyaya). Im gewöhnlichen Sprachgebrauch werden sie durch Konvention und Erinnerung gegenseitig überlagert. Saṃyama auf ihre genaue Trennung führt zum Verständnis der Äußerungen aller Wesen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A confusedness of Śabda (an uttered sound or a word). Artha i.e., class, quality, action etc. and pratyaya (knowledge) arises from comprehending these three indiscriminately. (But when an ascetic views these separately by performing sanyama, restraint, with regard to them, A knowledge (is produced in him) of the speech of all living beings (i.e., he has a power of understanding theirs spech).
James R. Ballantyne - 1852
The word, the objected denoted by it and its idea are commingled with one another, on account of their being mistaken for one another; hence by sanyama over the distinct provinces of each of these, (arises) the comprehension of the cry of all creatures.
Ganganatha Jha - 1907
Indem man bei der Erkenntnis von Worten und Begriffen eines auf ein anderes überträgt, entsteht eine Vermengung; indem man bei ihrer Unterscheidung die Allzucht anwendet, erfolgt das Verstehen der Stimmen aller Tiere.
Paul Deussen - 1908
Word and intended-object and presented-idea are confused because they are erroneously identified with each other. By constraint upon the distinctions between them [there arises the intuitive] knowledge of the cries of all living beings.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.18
संस्कारसाक्षात्करणात्पूर्वजातिज्ञानम् ||18||
saṃskāra-sākṣātkaraṇāt pūrva-jāti-jñānam ||18|| Analyse ▾ Analyse ▴
saṃskāra
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Prägungen, alte Eindrücke
sākṣātkaraṇāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
direkte Wahrnehmung, Vergegenwärtigung
pūrva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
früher, vorangegangen
jāti
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Geburt, Leben
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
Aus der unmittelbaren Wahrnehmung der Prägungen (saṃskāra-sākṣātkaraṇāt | abl sg) [entsteht] Wissen um frühere Geburten (pūrva-jāti-jñānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Begegne einer wiederkehrenden Reaktion als Prägung (saṃskāra), nicht als festem Wesen. Wenn Du ihre Spur im Körper wahrnimmst, kann ihre Geschichte verständlicher und eine neue Antwort möglich werden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya unterscheidet Prägungen in Gestalt von Dispositionen, die Erinnerung und Kleśas verursachen, von karmischen Prägungen, die Reifung bewirken. Sie können nur zusammen mit Ort, Zeit, Ursache und Erfahrung unmittelbar erkannt werden; daraus entsteht Wissen über eigene und fremde frühere Geburten. Die Erzählung von Jaigīṣavya verdeutlicht, dass selbst himmlische Erfahrungen gegenüber kaivalya als leidvoll gelten.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A knowledge of the class (etc., experienced) in former birth (arises) from presenting to our mind (sākṣātkaraṇa)– the trains of self-productive thought– samskāras (of the internal organ).
James R. Ballantyne - 1852
By the mental presentation of the impressions, the knowledge of previous births.
Ganganatha Jha - 1907
Aus der Vergegenwärtigung der Sâṃskâra’s [der aus den Werken einer frühern Geburt resultierenden Charaktereindrücke] erfolgt Kenntnis der frühern Geburt.
Paul Deussen - 1908
As a result of direct-perception of subliminal impressions there is [intuitive] knowledge of previous births.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.19
प्रत्ययस्य परचित्तज्ञानम् ||19||
pratyayasya para-citta-jñānam ||19|| Analyse ▾ Analyse ▴
pratyayasya
Genitiv Singular
Substantiv Maskulin
Vorstellung, Eindruck
para
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
anders, fremd
citta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Wahrnehmungsraum, Geist
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
[Durch Saṃyama] auf eine Vorstellung (pratyayasya | gen sg) [entsteht] Wissen vom Citta eines anderen (para-citta-jñānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Wenn Du einem Menschen zuhörst, bleibe nicht bei Deiner Deutung hängen. Nimm auch wahr, was sich in Worten, Atem und Haltung zeigt; so kann ein behutsames Gespür für seine innere Welt (para-citta) entstehen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya deutet das Verständnis des fremden Citta als Ergebnis von saṃyama auf eine Vorstellung (pratyaya):

  • Der Yogin richtet saṃyama auf die Vorstellung, die mit einem anderen Geist verbunden ist.
  • Dadurch wird der Zustand oder Inhalt dieses anderen Citta erkennbar.
  • Es geht dabei zunächst um die Vorstellung selbst, nicht automatisch um jedes Objekt, das dieser Vorstellung zugrunde liegt.

Diese Einschränkung wird im folgenden Sūtra 3.20 ausdrücklich gemacht.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
The mind of other persons becomes known to (an ascetic) when he performs sanyama (restraint) with regard to the pratyaya– knowledge (contained in it i.e. in the mind of other persons).
James R. Ballantyne - 1852
With reference to cognition, the knowledge of another's mind.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf die Vorstellung [die einer von einem andern hat] erfolgt Kenntnis des Cittam des andern.
Paul Deussen - 1908
[As a result of constraint] upon a presented-idea [there arises intuitive] knowledge of the mind-stuff of another.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.20
न च तत्सालम्बनं तस्याविषयीभूतत्वात् ||20||
na ca tat sālambanaṃ tasyāviṣayī-bhūtatvāt ||20|| Analyse ▾ Analyse ▴
na
Partikel
nicht
ca
Partikel
aber, und
tat
Nominativ Singular Neutrum
Pronomen dem
dieses
sālambanam
Nominativ Singular Neutrum
Adjektiv
mit Bezugsobjekt versehen
tasya
Genitiv Singular
Pronomen dem
dessen
aviṣayī
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Nicht-Objekt, nicht im Feld
bhūtatvāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
Gewordensein, Existenz
Aber (ca) dieses [Wissen] (tat | nom sg n) [schließt] sein Bezugsobjekt [das Objekt der fremden Vorstellung] nicht (na) mit ein (sālambanam | nom sg n), weil dieses [Bezugsobjekt] (tasya | gen sg) nicht zum Gegenstand [des Saṃyama] geworden ist (aviṣayī-bhūtatvāt | abl sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Auch tiefe Einfühlung zeigt nur, was sich gerade ausdrückt, nicht automatisch, worauf es innerlich beruht. Lass Dein Verstehen offen und frage nach, statt Gewissheit über einen anderen Menschen zu behaupten.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya begrenzt die Aussage von 3.19: Der Yogin erkennt etwa, dass eine fremde Vorstellung gefärbt ist, aber nicht zugleich, worauf sie gerichtet ist. Das Objekt des fremden Citta war nicht selbst Gegenstand seines saṃyama.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
tat ] om. PM2026
Kritischer Apparat

Ohne tat lautet die Aussage allgemein, die fremde Vorstellung werde nicht zusammen mit ihrer Stütze erkannt. PE1904 setzt mit tat einen ausdrücklichen Rückverweis. Die Auslassung in PM2026 glättet die Formulierung, verändert den Lehrsinn aber kaum; ein metrisches Kriterium greift nicht.

Apparat-Kommentar
It i.e. (the mind of other persons) is not comprehended with its Ālambana– support i.e., object (to an ascetic) because it was not the object (of Sanyama which he, the ascetic, made use of in comprehending the mind).
James R. Ballantyne - 1852
But not along with its object, that not being the object.
Ganganatha Jha - 1907
Diese Kenntnis schließt nicht ein dasjenige, worauf [als Objekt] des Cittam des andern sich bezieht, weil dieses nicht zum Gegenstand [der Allzucht] gemacht worden war.
Paul Deussen - 1908
But [the intuitive knowledge of the presented-idea of another] does not have that [idea] together with that upon which it depends [as its object], since that upon which it depends is not-in-the-field [of consciousness].
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
4 Nachrichten Ø

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F
Danke für die Inspiration!
So alt und so wahr :-)
Könnte aktueller nicht sein. Jemanden oder etwas so wahrnehmen, wie er/es wirklich ist, eine hohe, erstrebenswerte Kunst!