PYS 3.29–34: Körperorte und Erkenntnisse
PYS 3.29–34: Körperorte und Erkenntnisse

Yogaśāstra 3.29–34: Nabel, Kehle, Scheitel und Herz

Saṃyama an Nabel, Kehle, Kūrma-Nāḍī, Scheitellicht und Herz erzeugt Wissen von Körper und Citta, beendet Hunger und Durst, verleiht Festigkeit und lässt Siddhas erscheinen; Prātibha erkennt alles.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 3.29
नाभिचक्रे कायव्यूहज्ञानम् ||29||
nābhi-cakre kāya-vyūha-jñānam ||29|| Analyse ▾ Analyse ▴
nābhi
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Feminin
Nabel
cakre
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
Rad, Zentrum
kāya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Körper
vyūha
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Anordnung, Gliederung
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
Durch [Saṃyama] auf das Nabelzentrum (nābhi-cakre | loc sg) [entsteht] Wissen um den Aufbau des Körpers [aus Doṣa, Dhātu und Körperteilen] (kāya-vyūha-jñānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lege die Hände um den Nabel und spüre den Atem in Bauch, Rücken und Seiten. Erforsche von dieser Mitte aus, wie Dein Körper als Ganzes zusammenwirkt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Durch saṃyama auf das Nabelzentrum erkennt der Yogin nach dem Vyāsa-Bhāṣya den Aufbau des Körpers: die drei Doṣas Wind, Galle und Schleim sowie die sieben, von außen nach innen angeordneten Bestandteile Haut, Blut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark und Samen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A knowledge of the arrangement of the body (arises in an ascetic), when he performs Sanyama (restraint) with regard to the wheel of the navel.
James R. Ballantyne - 1852
In the circle of the navel, the knowledge of arrangement of the body.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf das Nabelcakram erfolgt Kenntnis des Körpersystems.
Paul Deussen - 1908
As a result of constraint upon the navel-circle [there arises] knowledge of the arrangement of the body.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.30
कण्ठकूपे क्षुत्पिपासानिवृत्तिः ||30||
kaṇṭha-kūpe kṣut-pipāsā-nivṛttiḥ ||30|| Analyse ▾ Analyse ▴
kaṇṭha
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Kehle, Hals
kūpe
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
Grube, Höhlung
kṣudh
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Hunger
pipāsā
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Feminin
Durst
nivṛttiḥ
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Aufhören, Zurücktreten
Durch [Saṃyama] auf die Kehlgrube (kaṇṭha-kūpe | loc sg) [entsteht] das Aufhören von Hunger und Durst (kṣut-pipāsā-nivṛttiḥ | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Nimm Hunger, Durst, Schlucken und Stimme im Kehlenraum wahr. Gib Dir drei ruhige Atemzüge, bevor Du entscheidest, wie Du auf das reagierst, was Dein Körper braucht.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya lokalisiert die Kehlgrube (kaṇṭha-kūpa) unterhalb eines Strangs unter der Zunge. Durch saṃyama dort bedrängen Hunger und Durst den Yogin nicht.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A cessation of hunger and thirst (arises in an ascetic), when he performs Sanyama (restraint) with regard to the cavity of the throat.
James R. Ballantyne - 1852
In the throat-pit the cessation of hunger and thirst.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf die Kehlgrube erfolgt Aufhören des Hungers und des Durstes.
Paul Deussen - 1908
As a result of constraint upon the pit of the throat [there follows] the cessation of hunger and thirst.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.31
कूर्मनाड्यां स्थैर्यम् ||31||
kūrma-nāḍyāṃ sthairyam ||31|| Analyse ▾ Analyse ▴
kūrma
Karmadhāraya-Kompositum
Substantiv Maskulin
Schildkröte
nāḍyām
Lokativ Singular
Substantiv Feminin
Ader, Kanal
sthairyam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Festigkeit, Stabilität
Durch [Saṃyama] auf den schildkrötenförmigen inneren Kanal [unterhalb der Kehlgrube im Brustraum] (kūrma-nāḍyām | loc sg) [entsteht] Festigkeit (sthairyam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Ziehe die Aufmerksamkeit wie eine Schildkröte behutsam nach innen, ohne den Körper eng zu machen. Spüre Brustraum und Boden, bis Atem und Haltung in stiller Festigkeit zusammenfinden.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya lokalisiert die schildkrötenförmige kūrma-nāḍī unterhalb der Kehlgrube in der Brust. Saṃyama darauf verleiht einen festen Stand wie bei einer Schlange oder einem Waran.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
Steadiness (is produced in an ascetic), when he performs Sanyama (restraint) with regard to the tube (nāḍī) called Kūrma.
James R. Ballantyne - 1852
In the tortoise-tube, steadiness.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf die Kūrmanāḍī erfolgt Festigkeit.
Paul Deussen - 1908
[As a result of constraint] upon the tortoise-tube [there follows] motionlessness [of the mind-stuff].
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.32
मूर्धज्योतिषि सिद्धदर्शनम् ||32||
mūrdha-jyotiṣi siddha-darśanam ||32|| Analyse ▾ Analyse ▴
mūrdhan
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Scheitel, Kopf
jyotiṣi
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
Licht
siddha
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Vollendeter, Meister
darśanam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Schauen, Sicht
Durch [Saṃyama] auf das Scheitellicht (mūrdha-jyotiṣi | loc sg) [entsteht] das Schauen der Siddhas [vollendeter Wesen] (siddha-darśanam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Stell Dir über dem Scheitel ein stilles Licht vor. Lass es Dich an Menschen erinnern, deren Klarheit Dich inspiriert, und nimm eine ihrer Qualitäten in Deine Haltung auf.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya verortet im Inneren der Schädeldecke ein strahlendes Licht. Durch saṃyama darauf sieht der Yogin die Siddhas, die sich im Raum zwischen Himmel und Erde bewegen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A sight of the Siddhas (is produced in an ascetic), when he performs Sanyama (restraint) with regard to the light in the head.
James R. Ballantyne - 1852
In the coronal light, Vision of the Perfect Ones.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf das Licht im Kopfe erfolgt ein Schauen der Siddha.
Paul Deussen - 1908
[As a result of constraint] upon the light in the head [there follows] the sight of the Siddhas.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.33
प्रातिभाद्वा सर्वम् ||33||
prātibhād vā sarvam ||33|| Analyse ▾ Analyse ▴
prātibhāt
Ablativ Singular
Substantiv Neutrum
intuitive Helligkeit, Eingebung
vā
Partikel
oder
sarvam
Akkusativ Singular Neutrum
Adjektiv
alles
Oder (vā) durch intuitive Erkenntniskraft [als Vorstufe der Unterscheidungserkenntnis] (prātibhāt | abl sg) [erkennt der Yogin] alles (sarvam | acc sg n).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Gib einer Frage Deine volle Aufmerksamkeit. Lass die Frage danach ruhen und nimm wahr, was auftaucht. Prüfe eine plötzliche Einsicht später mit Ruhe.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya setzt prātibha mit tāraka gleich und bezeichnet es als Vorzeichen des aus Unterscheidung geborenen Wissens, so wie die Morgenhelle der Sonne vorausgeht. Wenn dieses Wissen entsteht, erkennt der Yogin alles.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
<fehlt in Stand 2025.>
James R. Ballantyne - 1852
Or, from intuition (or insight), everything.
Ganganatha Jha - 1907
Oder aus der [im vorigen Sūtram genannten] Prātibha [erfolgt Kenntnis] von Allem.
Paul Deussen - 1908
Or as a result of vividness (prātibha) [the yogin discerns] all.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.34
हृदये चित्तसंवित् ||34||
hṛdaye citta-saṃvit ||34|| Analyse ▾ Analyse ▴
hṛdaye
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
Herz
citta
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Neutrum
Wahrnehmungsraum, Geist
saṃvit
Nominativ Singular
Substantiv Feminin
Bewusstsein, Verständnis
Durch [Saṃyama] im Herzen [als Ort des Citta] (hṛdaye | loc sg) [entsteht] Erkenntnis des Citta (citta-saṃvit | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Lege eine Hand auf den Herzensraum und spüre Atem, Puls und Stimmung. Lass Deinen inneren Zustand erkennbar werden, ohne ihn festzulegen.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya beschreibt im „Brahma-Palast“ des Körpers eine kleine lotosförmige Kammer im Herzen, in der Erkenntnis gegenwärtig ist. Durch saṃyama dort entsteht unmittelbares Wissen vom Citta.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
A knowledge of the internal organ (citta) (arises in an ascetic), when he performs Sanyama (restraint) with regard to the heart.
James R. Ballantyne - 1852
In the heart, knowledge of mind.
Ganganatha Jha - 1907
[Durch Anwendung der Allzucht] auf das Herz erfolgt ein Innewerden des Cittam.
Paul Deussen - 1908
[As a result of constraint] upon the heart [there arises] consciousness of the mind-stuff.
James Haughton Woods - 1914

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Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

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