PYS 3.35–37: Puruṣa-Erkenntnis und Siddhis
PYS 3.35–37: Puruṣa-Erkenntnis und Siddhis

Yogaśāstra 3.35–37: Außergewöhnliche Sinne

Saṃyama auf die Verschiedenheit von Sattva und Puruṣa erzeugt Puruṣa-Erkenntnis und übernatürliches Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken und Riechen; im Samādhi sind sie Hindernisse.

Dr. Ronald Steiner Dr. Ronald Steiner Laura von Ostrowski Laura von Ostrowski
Patañjali Yoga Sūtra 3.35
सत्त्वपुरुषयोरत्यन्तासंकीर्णयोः प्रत्ययाविशेषो भोगः परार्थात्स्वार्थसंयमात्पुरुषज्ञानम् ||35||
sattva-puruṣayor atyantāsaṃkīrṇayoḥ pratyayāviśeṣo bhogaḥ parārthāt svārtha-saṃyamāt puruṣa-jñānam ||35|| Analyse ▾ Analyse ▴
sattva
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Klarheit, psychisches Prinzip
puruṣayoḥ
Genitiv Dual
Substantiv Maskulin
Wesenskern, Seher
atyanta
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
vollkommen, äußerste
asaṃkīrṇayoḥ
Genitiv Dual Maskulin
Adjektiv
unvermischt
pratyaya
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Vorstellung, Erkenntnisinhalt
aviśeṣaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Nicht-Unterscheidung
bhogaḥ
Nominativ Singular
Substantiv Maskulin
Erfahrung, Genuss
para
Tatpuruṣa-Kompositum Dativ
Adjektiv
für einen anderen
arthāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
Zweck, Sinn
sva
Karmadhāraya-Kompositum
Adjektiv
eigen, für sich
artha
Tatpuruṣa-Kompositum Lokativ
Substantiv Maskulin
Zweck, Sinn
saṃyamāt
Ablativ Singular
Substantiv Maskulin
Meditation, Sammlung
puruṣa
Tatpuruṣa-Kompositum Genitiv
Substantiv Maskulin
Wesenskern, Seher
jñānam
Nominativ Singular
Substantiv Neutrum
Wissen, Verständnis
Erfahrung (bhogaḥ | nom sg) ist die Nichtunterscheidung in einem Erkenntnisinhalt (pratyayāviśeṣaḥ | nom sg) [zwischen] Sattva [der Klarheit des Citta] und Puruṣa (sattva-puruṣayoḥ | gen du), obwohl beide vollkommen unvermischt sind (atyantāsaṃkīrṇayoḥ | gen du m). Weil [Sattva] für einen anderen [den Puruṣa] da ist (parārthāt | abl sg), [entsteht] durch Saṃyama auf das Für-sich-Sein [des Puruṣa] (svārtha-saṃyamāt | abl sg) Erkenntnis des Puruṣa (puruṣa-jñānam | nom sg).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Unterscheide für einige Atemzüge zwischen dem, was Du wahrnimmst, und dem offenen Raum des Wahrnehmens. Nichts muss abgewertet werden: Körper, Gefühle und Gedanken dürfen da sein, während Bewusstheit weit bleibt.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya unterscheidet das wandelbare, erhellende buddhi-sattva vollständig vom reinen und nur aus Bewusstheit bestehenden puruṣa. Erfahrung entsteht, wenn beide in einer Vorstellung nicht unterschieden werden; Sattva dient einem anderen (parārtha), Puruṣa besteht für sich (svārtha). Saṃyama auf die nur Puruṣa betreffende Vorstellung führt zu Puruṣa-Erkenntnis, wobei nicht Buddhi Puruṣa zum Objekt macht: Puruṣa selbst sieht die auf ihn gestützte Vorstellung.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
parārthāt ] parārthatvāt CYS2026, TKVD2019
Kritischer Apparat

parārthāt kann knapp „wegen/für einen anderen“ bedeuten. parārthatvāt formuliert den Grund mit dem Abstraktsuffix ausdrücklich: „weil es für einen anderen da ist“. CYS2026 und der vollständig geprüfte Druckzeuge TKVD2019 belegen diese syntaktisch explizitere Traditionslesart, während PM2026 und KYMV2026 hier wie PE1904 den kürzeren Text lesen. B1, C1 und C2 folgen nach Korrektur N-09 einheitlich parārthāt.

Apparat-Kommentar
The non-distinction of the attribute Sattva and of the Purusha, both of which are extremely distinct, is experience. Since Sattva exists for another, knowledge of the Purusha arises from performing Sanyama (restraint) with regard to that which exists for itself.
James R. Ballantyne - 1852
Experience is the undifferentiated conception of the attribute of goodness and the Spirit which, are quite unconnected; (and this experience) being for another's purpose, the knowledge of the Spirit arises from the Sanyama on his own object.
Ganganatha Jha - 1907
Genuß [Erfahrung, bhoga] ist die unterschiedslose Vorstellung [von Cittam und Selbst], obgleich Reinheit [des Cittam] und Selbst gänzlich unvermischt sind; da das [Cittam] dem Selbst dient, erfolgt aus Anwendung der Allzucht auf den Zweck des Selbstes Kenntnis des Selbstes.
Paul Deussen - 1908
Experience is a presented-idea which fails to distinguish the sattva and the Self, which are absolutely uncommingled. Since the sattva exists as object for another, knowledge of Self arises as a result of constraint upon that which exists for its own sake.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.36
ततः प्रातिभश्रावणवेदनादर्शास्वादवार्ता जायन्ते ||36||
tataḥ prātibha-śrāvaṇa-vedanādarśāsvāda-vārtā jāyante ||36|| Analyse ▾ Analyse ▴
tatas
Adverb
daraus, danach
prātibha
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
intuitive Helligkeit
śrāvaṇa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Neutrum
Hören
vedanā
Dvandva-Kompositum
Substantiv Feminin
Fühlen, Wahrnehmen
ādarśa
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Sehen, Schau
āsvāda
Dvandva-Kompositum
Substantiv Maskulin
Schmecken
vārtāḥ
Nominativ Plural
Substantiv Feminin
Riechen, Geruchswahrnehmung
jāyante
3. Person Plural Medial Präsens
Verbalwurzel
sie entstehen
Daraus [aus der Erkenntnis des Puruṣa] (tataḥ) entstehen (jāyante | 3p pl med pres) intuitive Erkenntnis sowie [übernatürliches] Hören, Berührungsempfinden, Schauen, Schmecken und Riechen (prātibha-śrāvaṇa-vedanādarśāsvāda-vārtāḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Öffne nacheinander Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken und Riechen und nimm anschließend den intuitiven Gesamteindruck wahr. Gesammelte Aufmerksamkeit kann die Sinne verfeinern, ohne dass Du etwas Außergewöhnliches erzwingen musst.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Das Vyāsa-Bhāṣya ordnet die sechs Fähigkeiten konkreten Gegenständen zu: prātibha erkennt Feines, Verborgenes, Entferntes, Vergangenes und Zukünftiges; śrāvaṇa, vedanā, ādarśa, āsvāda und vārtā vermitteln göttliches Hören, Berühren, Sehen, Schmecken und Riechen.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
From this (knowledge of Purusha) arise Prātibha, Śrāvaṇa, Vedanā, Ādarśa, Āsvāda and Vārtā.
James R. Ballantyne - 1852
Thence proceed intuitional cognition, audition, touch, vision, gustation and olfaction.
Ganganatha Jha - 1907
Daraus entstehen Prātibha, Śrāvaṇa, Vedanā, Ādarśa, Āsvāda und Vārtā.
Paul Deussen - 1908
As a result of this, there are intuition, supernormal audition, tactual sensation, vision, taste, and smell.
James Haughton Woods - 1914
Patañjali Yoga Sūtra 3.37
ते समाधावुपसर्गा व्युत्थाने सिद्धयः ||37||
te samādhāv upasargā vyutthāne siddhayaḥ ||37|| Analyse ▾ Analyse ▴
te
Nominativ Plural Maskulin
Pronomen dem
diese
samādhau
Lokativ Singular
Substantiv Maskulin
in der Versenkung
upasargāḥ
Nominativ Plural
Substantiv Maskulin
Hindernisse, Störungen
vyutthāne
Lokativ Singular
Substantiv Neutrum
im Hervortreten, im gewöhnlichen Zustand
siddhayaḥ
Nominativ Plural
Substantiv Feminin
Fähigkeiten, Vollendungen
Diese [sechs Fähigkeiten] (te | nom pl m) [sind] im Samādhi (samādhau | loc sg) Hindernisse (upasargāḥ | nom pl), im hervorgetretenen Zustand [des Citta] (vyutthāne | loc sg) dagegen Vollkommenheiten (siddhayaḥ | nom pl).
Dr. Ronald Steiner - 2026 - historisch wörtlich
Auch lichtvolle oder ungewöhnliche Erfahrungen bleiben Erfahrungen. Würdige sie, lass sie weiterziehen und kehre zu Atem, Körper und Ausrichtung zurück.
Dr. Ronald Steiner - 2026 - moderner Transfer

Die in 3.36 genannten Fähigkeiten sind nach dem Vyāsa-Bhāṣya für ein im Samādhi gesammeltes Citta Störungen, weil sie der Schau des Puruṣa entgegenstehen. Für das herausgetretene Citta (vyutthita-citta) gelten dieselben Erscheinungen als Vollkommenheiten.

Yoga Śāstra Vyāsa-Bhāṣya
These (superhuman faculties) are obstacles in Samādhi, but are powers in Vyutthāna.
James R. Ballantyne - 1852
These are obstacles in (the way of) meditation; but perfections in the distractive (waking) state.
Ganganatha Jha - 1907
Diese sind im Samādhi Hindernisse, im Heraustreten [aus ihm] Vollkommenheiten.
Paul Deussen - 1908
They are obstacles to [seedless] concentration, but are perfections in the emergent state.
James Haughton Woods - 1914

Mit AYI Free weitermachen

Illustrationen: KI-generiert.

Editor:innen

Dr. Ronald Steiner

Aus Ulm

Dr. Ronald Steiner, der „Yoga Doc“, begründete die AYI Methode: traditioneller Ashtanga, moderne Yogatherapie und lebendige Philosophie – als persönliche Praxis von sportlich-akrobatisch bis meditativ-therapeutisch. Er... mehr ›

Laura von Ostrowski

Ich bin 2004 das erste Mal mit Yoga in Berührung gekommen und habe seitdem unendlich viele Facetten kennengelernt. Einerseits die vielfältigen praktischen Seiten von Yoga - in Form verschiedener Ausbildungen (500 h... mehr ›

Nachrichten und Bewertungen
0 Nachrichten

Bitte melde Dich an, um eine Nachricht zu schreiben. Hier gehts zum Login

Noch keine Nachrichten.